Bobenheim-Roxheim
Kräuter am Rhein: Naturführerin zeigt, was am Ufer wächst
Zwischen „Rheinufer 2“ und der Isenachmündung teilt Margarete Durand mit ruhiger Stimme ihr Wissen mit Menschen, die sich für die Kräuter der Region interessieren. Die Englischdozentin an der Universität Mannheim ist zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin und hat schon immer am Rhein gelebt, wie sie sagt. Ihre Mission: Heil- und Küchenkräuter sichtbar zu machen und Menschen Lust darauf machen, sie zu nutzen. Ihr Aufruf: „Raus in die Natur und die Natur schützen.“ Und meint damit auch: weniger eingreifen, mehr zulassen.
Der falsche Löwenzahn steht da wie ein Hochstapler, die Clematis rankt sich ehrgeizig empor, die Gemeine Weinrebe erzählt uns vom Süden. Dazwischen die leisen Stars: Vogelmiere, auch Hühnerdarm genannt, Gundermann, wilder Feldsalat. Wildkräuter, erklärt die Großniedesheimerin, punkten mit Widerstandsfähigkeit. Ihre Superkraft sind Inhaltsstoffe wie Schleim-, Gerb- und Bitterstoffe, Senföle und Glycoside. Stoffe, die Pflanzen vor ihren Fressfeinden schützen – und uns Menschen vor Krankheiten. Deshalb gelten sie seit Jahrhunderten als Heilmittel und Küchenbegleiter, besonders in China, Japan und Indien. „Superfood“, sagt Durand, sei kein Trendwort, vielmehr stecke dahinter ein uraltes Wissen aus der Erfahrungsmedizin indigener Traditionen.
Brennnessel als unterschätzte Pflanze
Dann ist da noch der Weißdorn. Seine fünfblättrigen Blüten schmecken nussig und machen auf Salat, Dessert und Obstkuchen was her. Die roten Beeren wurden früher getrocknet und gemahlen, um wertvolles Getreidemehl zu strecken. Deshalb werden sie auch Mehlbeeren genannt: Not macht erfinderisch.
Fast allgegenwärtig: die Brennnessel. Berüchtigt, verkannt, unterschätzt, wie Durand meint. Sie rät, sich vorsichtig an die Pflanze heranzutasten, am besten mit Handschuhen. Die Brennhaare verlören ihren Schrecken unter Wasser, im Mörser geschreddert, zwischen Küchentüchern mit dem Nudelholz zerrieben oder gekocht. Die jungen Triebspitzen ergäben ein wunderbares Pesto und harmonierten im Kochtopf mit Blattspinat oder Kartoffelsuppe.
Vogelmiere trägt ihren Spitznamen Hühnerdarm nicht ohne Grund: Zieht man den Stängel auseinander, zeigt sich ein elastischer Faden aus Fasermark. Vogelmiere ist mild im Geschmack und roh im Salat ein schmackhafter Frühlingsgruß. Gundermann, auch Gundelrebe genannt, hat Durand vor Jahren zum Umdenken gebracht. Als sich das Kraut über den Rasen hermachte, ließ sie der Natur einfach freien Lauf, auch wenn sie dafür verständnislose Blicke aus der Nachbarschaft erntete. Heute herrscht vor ihrer Haustür Artenvielfalt, und viele Gartenbesitzer denken vor dem Hintergrund des Klimawandels ebenso wie sie. Durand plädiert für einen Naturgarten, den man nicht gießen muss. „Nicht alles jäten. Manches einfach mal wachsen lassen“, ist ihr Credo.
Wildkräuter sind kein Unkraut
Der Holunder ist die Lieblingspflanze der Naturführerin. Und das gar nicht mal so sehr wegen der Beeren, sondern wegen des gelben Blütenstaubs. Mit Pinselchen fein abgesammelt wandert er in Kräuterteemischungen – Sonne zum Aufbrühen sozusagen. Und vom Löwenzahn schmecken nicht nur die jungen Blätter als edelbittere, verdauungsfördernde Beimischung im Salat. Auch die Knospen können verwendet werden. Eingelegt in Öl schmecken sie ähnlich wie Kapern.
Geht man bis zur Stelle, wo die Isenach in den Rhein mündet, sieht man eine wildromantische Landschaft. Hier weitet sich der Blick, und man sinniert über die Rheinebene als ein Paradies vor der eigenen Haustür. Man muss nicht weit reisen, um etwas Essenzielles zu finden und zu verstehen: Wildkräuter sind kein Unkraut, sondern eine Einladung. Wer sie kennenlernt und wachsen lässt, erntet Vielfalt – auf dem Teller und im Kopf.
Termin
Im Verbund mit anderen Natur- und Landschaftsführerinnen bietet Margarete Durand demnächst diese Führungen an: „Den Baum vor lauter Wald nicht sehen“ am Rehbach am 9. Mai, 14 Uhr, und „Kräuterführung in Großniedesheim“ am 27. Juni, 14 Uhr. Kinder sind willkommen. Anmeldung und nähere Infos per E-Mail an 3auwald@gmail.com und bei Katja Engelmann, Telefon 06233 3004109.