Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Regisseur Alexandros Avranas zum Drama „Quiet Life“

Regisseur Alexandros Avranas.
Regisseur Alexandros Avranas.

Zu den 75 Filmen, die beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen laufen, zählt das Flüchtlingsdrama „Quiet Life“. Dabei geht es auch um eine fürchterliche Krankheit.

Wann haben Sie das erste Mal vom Resignationssyndrom als Krankheit gehört?
Es hat sofort Klick gemacht, als ich 2017 in der „New York Times“ einen Artikel über diese Erkrankung las. Sie erschien mir als wunderbare Metapher auf die zentrale Frage, in was für einer Gesellschaft wir unsere Kinder leben lassen. Zugleich war es eine wunderbare Allegorie, und erinnert an das Märchen von „Dornröschen“.

Warum sind Sie mit der Handlung nach Schweden gegangen?
In Schweden beschrieben die Ärzte 1998 das erste Mal die Symptome der Krankheit, obwohl das Land lange als Vorbild für eine humanitäre Asylpolitik galt. Während Griechenland ständig negativ in den Schlagzeilen war. Doch die Symptome treten überall auf, wenn Geflüchtete die Hoffnung verlieren. Vor allem Mädchen im Alter von fünf bis 15 Jahren sind betroffen. 2014 wurde die Krankheit international anerkannt. Trotzdem wird oft unterstellt, dass die Betroffenen simulieren. Aber die Kinder sind im Koma. Die Ärzte stechen mit einer Nadel in deren Haut, sie wachen nicht auf. Der Staat schiebt die Verantwortung dafür auf die Eltern ab. Doch deren Situation kann sich nur ändern, wenn sie Asyl erhalten. Es ist verrückt, wie mit dem Huhn und dem Ei.

Ich hatte das Gefühl, dass die beiden Mädchen auch in Schweden bleiben wollten.
Sie wollen nicht zurück, weil sie sich in Schweden wohl fühlen und nicht in die Hölle zurückkehren wollen. Das spielt keine Rolle. Trotz der Narben am Körper des Vaters und der Traumata der Kinder wird der Asylantrag abgelehnt. Die Familie ist kein Einzelfall. Die Behörden sind auch darauf vorbereitet, dass abgelehnte Asylbewerber von ihren Emotionen überwältigt werden. In dem kahlen, sterilen Raum, in dem die Entscheidungen mitgeteilt werden, gibt es zwei Türen. Durch den Notausgang können die Beamten fliehen. Diese Situation haben wir exakt nachgebaut.

Warum haben Sie den Geflüchteten die russische Nationalität gegeben?
2018 wurden die meisten Asylanträge in Schweden von russischen Staatsbürgern gestellt, die Mehrzahl wurde abgelehnt. Viele Westeuropäer verschlossen damals die Augen vor der Realität in einer Diktatur. Obwohl das Handbuch der Vereinten Nationen bereits auf 48 Seiten Menschenrechtsverletzungen in Russland auflistete, darunter Verfolgungen wegen Homosexualität oder Verstöße gegen die Verbreitung bestimmte Lehrinhalte. Die Pressefreiheit wurde missachtet. Die Fluchtursachen waren aber andere als die der Menschen aus dem arabischen Raum.

Die Eltern haben bereits vor der Entscheidung beinahe jede Hoffnung verloren. Ist die Konversation zwischen ihnen daher auch fast eingeschlafen?
Seit zwei Jahren kämpfen sie um ihr Überleben, sie haben alle Möglichkeiten etliche Male diskutiert. Worüber sollen sie jetzt noch streiten? Sie können über das gute und das schlechte Szenario reden, aber wenn es darüber hinausgeht, wird es kitschig. Sie sind in einem Schwebezustand. In der Vorhölle redest du nicht, du wartest. Sie haben die Kontrolle über ihr Leben verloren, sie reagieren auf die Entscheidungen anderer. Es ist ein sehr seltsames Gefühl.

Auch ihr Haus wirkt steril, als wären sie auf der Durchreise...
Die Einrichtung spiegelt ihr Gefühl wider, bald zu ersticken oder zu erfrieren. Das Haus wirkt leer und verlassen. Es ist ein bisschen wie bei Kafka, so aussichtslos und verwirrend. Sie können nicht ankommen. Auch die Figuren der schwedischen Beamten sollten sich in dieses Bild einfügen. Sie wirken roboterhaft und ersticken ihre eigenen Gefühle. Das entspricht vielleicht dem allgemeinen Gefühl der Europäer. Wir wollen den Geflüchteten helfen, aber irgendwann fangen wird an, uns selbst zu schützen. Weil wir Probleme haben, auch die negativen Gefühle auszuhalten, die mit der Ankunft von Menschen aus fremden Kulturen verbunden sind. Das schafft Distanz. Ein ähnliches Gefühl hatte ich, als ich in Berlin lebte.

Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Als ich 2000 gefragt wurde, ob ich an die Universität der Künste wechseln möchte, wurde ich gefragt, ob ich Deutsch spreche. Ich habe gelogen, ich kannte kein Wort. Es war für mich selbstverständlich, dass ich Deutsch lernte, um mich zu verständigen. Es war nicht einfach, aber die Sprache hat mir die Integration ermöglicht. Heute habe ich den Eindruck, dass dieser Druck nicht mehr da ist.

Ihre Hauptdarstellerin Chulpan Chamatova ist seit „Good Bye, Lenin“ in Deutschland ein bekanntes Gesicht. Nach welchen Kriterien haben Sie die Rollen besetzt?
Ich wollte die Familie mit Muttersprachlern besetzen. Chulpan und Grigory Dobrygin, der in Berlin lebt, haben Russland vor Jahren verlassen. Sie wissen aus eigener Erfahrung, was es heißt, der Heimat den Rücken zu kehren. Die Mädchen haben wir mit intensiven Castings in den russischsprachigen Gemeinden im Baltikum und Finnland schließlich in Tallinn gefunden. Zum Glück hatten wir die Zeit, mit ihnen lange zu proben.

Hatten Sie für die beiden einen speziellen Trainer engagiert?
Ich verließ mich auf die Schauspieler und Schauspielerinnen. Ich spreche kein Russisch, sie sprechen kaum Englisch. Wir mussten uns über Dolmetscher verständigen. Für den Film war diese Situation aber gut, die vier sind wie eine Familie zusammengewachsen.

Sie haben den Film als europäische Koproduktion realisiert. Warum brauchten Sie so viele Partner?
Es ist schwierig, heute solche Filme zu produzieren. Bei uns kam hinzu, dass zu mehr als 50 Prozent der Handlung Russisch gesprochen wird. Aber alle liebten das Drehbuch. Am Anfang hatten wir sogar Geld aus Russland. Wir mussten den Dreh um ein Jahr verschieben, als diese Kooperation nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine von uns abgebrochen wurde. Jetzt haben wir 29 Geldgeber aus sechs Ländern, das ist Wahnsinn. Die Hauptproduzenten kommen aus Frankreich, außerdem haben Arte Deutschland und Arte France sich an der Finanzierung beteiligt. Gedreht haben wir in Schweden, Finnland und in Estland.

Nach der Premiere in Venedig fürchteten einige Kollegen, dass die russische Propaganda den Film für ihre Zwecke missbrauchen könnte. Hatten Sie solche Bedenken?
Ich habe diese Gefahr gesehen. Aber in meinen Augen wiegt viel schwerer, dass wir zeigen, warum die Familie Russland verlassen musste. Sie schwebte in Lebensgefahr. Die Propaganda kann diesen Fakt nicht leugnen. Ich verstehe den Einwand aus einem anderen Grund. Das europäische Migrationssystem kann sehr hart sein, weil eine Menge Leute versuchen, es zu missbrauchen. Außerdem hat die Mafia längst ihre Finger bei der Organisation der Fluchtbewegungen im Spiel. Es ist oft schwer zu entscheiden, ob die Geschichten der Geflüchteten stimmen oder nicht. Das hat leider bei vielen Menschen zu einem Umdenken geführt, Geflüchtete sind kaum noch willkommen.

Zur Person

Der griechische Regisseur Alexandros Avranas, Jahrgang 1977, studierte zunächst Bildhauerei an der Hochschule der Bildenden Künste in Athen und später Regie an der Universität der Künste in Berlin. Schnell etablierte er sich mit seinen Filmen, die gesellschaftliche und soziale Missstände aufgreifen, unter den international anerkannten Filmemachern. Mit seinem Debüt „Without“ gewann er sieben Preise auf dem Thessaloniki Film Festival 2008. Mittlerweile gehört er zu den Stammgästen im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. 2013 gewann er den Silbernen Löwen für seinen Thriller „Miss Violence“, 2024 kehrte Avranas mit „Quiet Life“ an den Lido zurück. In dem Drama folgt er einer russischen Familie, die in Schweden Asyl beantragte. Als sie die Ablehnung erhalten, fällt die jüngere Tochter ins Koma. Die Ärzte kennen das sogenannte Resignationssyndrom bereits. Es gilt nicht nur in Schweden als anerkannte Krankheit.

Termine

Festivalfilm „Quiet Life“
So 24. Aug. 19.00 Uhr Zeltkino C
So 31. Aug. 15.00 Uhr Zeltkino A
Mo 01. Sept. 18.15 Uhr Freiluftkino
Di 02. Sept. 15.00 Uhr Zeltkino A

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