Frankenthal Im Land der 1001 Spezialeffekte
In den Orient entführt das Kinderstück des Bobenheim-Roxheimer Theatersommers die jungen und alten Zuschauer. „Sindbad, der kleine Seefahrer“ erlebt eine Menge Abenteuer im Morgenland, und das Publikum erlebt eine Menge Spezialeffekte, die so nur im Freilichttheater möglich sind: Vom Walfisch bis zum fliegenden Teppich ist alles dabei.
Das Publikum der halb gefüllten Premierenvorstellung am Sonntagnachmittag war hingerissen von der einfallsreichen Theatertechnik, der spannenden Geschichte – und von den höchst spielfreudigen jungen Darstellern. Tatsächlich: Da kommt ein Segelschiff um die Ecke und fährt quer über die Freilichtbühne Im Busch. Doch damit nicht genug: Ein riesiger Wal verfolgt das Schiff, so lebensecht, dass er sogar aus seinem Atemloch Wasserfontänen spritzen kann. Beim Sommer-Kinderstück geht der Theaterkreis Bobenheim-Roxheim in die Vollen. Am Anfang schon tritt ein Kamel auf – ein großartiges Kostüm. Später schlüpft ein Vogelbaby aus einem riesigen Ei – eine ebenfalls toll ausstaffierte junge Schauspielerin. Die Raubvogelmutter entführt dann Sindbad, den Seefahrer, der zuvor schon tatsächlich auf einem fliegenden Teppich geflogen ist. Und später nicht nur einen Lampengeist, sondern auch eine ägyptische Mumie treffen wird. Die erste Szene aber ist bereits großartig choreographiert: Markttreiben in Bagdad, mit witzigen Preisverhandlungen und handfestem Streit zwischen kecker Gewürzverkäuferin, großmäuligem Schneider und besagtem Kamel. Dann treten sie auf: Sindbad und sein Freund, der Wasserverkäufer Hassan. Und wir geraten in die Geschichte über Bagdad, wo seit Wochen Dürre herrscht, und die Suche nach sieben Edelsteinen, die von der Wunderlampe des Sultans gestohlen und auf der ganzen bekannten Welt verteilt wurden. Ohne Edelsteine kann der Zaubergeist aus der Lampe der Stadt nicht helfen. So machen sich Sindbad, Hassan und ihre Freundin, Prinzessin Scheherazade, auf die Suche. Es ist ein Abenteuer, das zusammengesetzt wurde aus diversen orientalischen Märchenmotiven, eine fantasievolle Variation von 1001 Nacht. Auf Ali Baba treffen sie zum Beispiel, der das Passwort für die Räuberhöhle sucht – irgendein Gewürz mit S, Schnittlauch vielleicht oder Sauerampfer? Und auf Aladin, der mit Frau und Wunderlampe in der Wüste wohnt. Autor des fröhlichen Märchenmischmaschs ist Jan Bodinus. Die Inszenierung, des in diesem Jahr erstmals angetretenen Regieteams Tanja Frey, Nancy Wolf und Emilia Sobotzik ist rasant, spannend und sehr lustig. Für ihr fantastisches Märchen-Morgenland nutzen sie die volle Bühnenbreite: von den Pyramiden inklusive Sphinx auf der einen Seite bis zum Sultanspalast mit einem bequemen mittelöstlichen Diwan auf der anderen. 23 Schauspieler der Jugendabteilung des Theaterkreises sind dabei. Sie spielen mit größter Freude und stets mit dem richtigen Timing. Das ist bei diesem Stück nicht unwichtig, denn die Dialoge fliegen schnell hin und her und liefern einige Gags. Und die Charaktere sind sehr lebendig gestaltet. Der Sultan beispielsweise, der von den ewigen Trockenfrüchten im dürren Bagdad das Magenzwicken hat und dazu noch stets zwischen seiner Frau Sultanine und seiner Bauchtänzerin balancieren muss. Oder die Matrosen auf Sindbads Seereise: Ey, Alter, das sind krasse Nullchecker. An allen möglichen und unmöglichen Orten finden Sindbad und seine Freunde die Edelsteine: in der Fontäne des Walfischs, in der Höhle der 40 Räuber, im Gelege des Vogels Rock oder an den Füßen der Sphinx. Und wenn es – wie bei der Premierenvorstellung am Sonntag – während der Aufführung ein wenig tröpfeln sollte: Dann scheint das beinahe auch ein Specialeffekt der Technikabteilung zu sein, der Bagdad schließlich von der Dürre erlöst. Termine Weitere Vorstellungen am 31. Mai sowie 3. und 10. Juni jeweils um 16 Uhr, außerdem am Sonntag, 17. Juni, 11 Uhr. Karten zu zehn Euro (ermäßigt acht Euro) gibt es im Vorverkauf online unter www.theaterkreis1975.de sowie in Bobenheim-Roxheim bei Freer Elektronik.