Frankenthal Heimlicher Hauptdarsteller

40 Kamerateams und Fotografen verfolgen die Nibelungen-Probe – und dazwischen unsere Leser.
40 Kamerateams und Fotografen verfolgen die Nibelungen-Probe – und dazwischen unsere Leser.

Die Medienprobe, wenige Tage vor der ersten öffentlichen Aufführung am Freitag, ist für das Bühnenteam, aber auch für Gauls Catering, das in diesem Jahr die Bewirtung im Heylshofpark übernimmt, ein letzter großer Test: Stimmen die Abläufe, funktioniert die Technik? Intendant Nico Hofmann nutzt den Abend, um einen kritischen Blick auf die Arbeit von Regisseur Nuran David Calis zu werfen. Hier entstehen auch die Szenenfotos und Aufnahmen, die später in den lokalen und überregionalen Medien die Premierenberichte bebildern werden. Etwa 40 Kamerateams und Fotografen haben sich auf der Tribüne postiert. Entsprechend groß ist das Gelächter, als zu Beginn die vorbereitete Ansage abgespielt wird, dass Ton- und Bildaufnahmen jeglicher Art untersagt seien. Heute gilt das natürlich nicht. Im Zentrum des Bühnenbilds steht die rote Bagdadbahn. Mit ihr reisen Hauptmann Klein und seine Truppe, als Gaukler getarnt, gen Orient. Das Ziel: die Ölpipeline der Briten zu zerstören und sich mit den islamischen Stämmen gegen das Empire zu verbünden. Um die Bahn herum: jede Menge Sand. 70 Tonnen, herbeigeschafft vom Silbersee in Bobenheim-Roxheim. „Der kam uns doch gleich bekannt vor“, witzelt das Ehepaar Nunn aus der Altrheingemeinde. Ein Hauptdarsteller des Probenabends, der nicht auf der Besetzungsliste steht, ist das Wetter. Werden Regenradar und Prognosen recht behalten – oder zieht das Unwetter an Worms vorbei? Bange Blicke zum Himmel. Und tatsächlich: Um 20.30 Uhr fallen die ersten Tropfen. Kameras werden mit Tüten und Schirm geschützt, die ersten Capes ausgepackt. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei. Die untergehende Sonne taucht das Westportal des Doms in warmes Licht, das Stück nimmt Fahrt auf. Gauklertruppe und Musiker bevölkern mit großem Hallo den Bühnensand und Opernstar Nadja Michael setzt gerade zur Arie „Heil Dir Sonne, heil Dir Licht“ an, als der Himmel erneut die Schleusen öffnet. Und diesmal richtig. Während in den Tribünenreihen raschelnd der Regenschutz angelegt wird, singt die Sopranistin ungerührt weiter. Abgebrochen wird eine Vorstellung nur bei Unwetter. Alles andere gehört zum normalen Risiko beim Freilufttheater. „Großartig“, „beeindruckend“: Die RHEINPFALZ-Gäste sind zur Pause begeistert. Nun scheint auch wieder milde der Halbmond über dem Heylshofpark, der während der Festspiele zum Theaterfoyer wird. Besonders gut kommt der Einsatz der Videotechnik an. „Jedes Stirnrunzeln sieht man bis in die letzte Reihe“ – und die Tribüne hat immerhin 1136 Sitzplätze in 39 Reihen. Faszinierend ist beispielsweise das Mienenspiel von David Bennent in der Rolle des französischen Diplomaten Monsieur Vulture im Großformat auf der Leinwand. Auch Haio von Stetten als deutscher Truppenführer und Oscar Ortega Sánchez als Polizeichef Enver Sahin punkten an diesem Abend. Vollkommen anders als in Fernsehserie „Mordkommission Istanbul“ trete der drahtige Lampertheimer hier auf. Wie in einem Wimmelbuch gibt es auf der Bühne vorm Dom an jeder Ecke etwas zu entdecken. Die vielen parallelen Aktionen neben der Haupthandlung erschweren es allerdings teilweise, der komplexen Geschichte zu folgen, meinen einige Zuschauer. Hier wird in bunter Aufmachung ein hochpolitischer Stoff mit zahlreichen historischen Bezügen geboten. Dazu ein Mix aus Wagners Ring und dem Nibelungenlied, verpackt von Autor Albert Ostermaier in den letzten Teil seiner Trilogie, die 2015 mit „Gemetzel“ begann und im Vorjahr mit „Gold“ ihre Fortsetzung fand. Man sei gespannt, wie das alles in den Feuilletons ankommt, heißt es aus der Runde. Die Daumen für diesen Abend gehen auf jeden Fall nach oben. Auch wenn die Schauspieler nur dünnen Applaus bekommen. Der Aberglaube verbietet Beifall bei der Generalprobe. Deshalb allein die schlichte Durchsage: „Probe beendet, wir sehen uns in der Kantine.“

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