Frankenthal „Habe als Kind viel Elend gesehen“

„Kukolka“ heißt der erschütternd brutale Debütroman von Lana Lux über Zwangsprostitution. Die aus der Ukraine stammende Berlinerin liest am Montag in Bobenheim-Roxheim daraus. Über Fiktion und Realität haben wir mit der 31-jährigen Schriftstellerin gesprochen.
Die Menschen schauen schockiert, traurig, betroffen, ungläubig. Mein Lieblingsgesicht ist das der Literaturkenner und -genießer. Und mein Hass-Gesichtsausdruck der, der Zufriedenheit ausdrückt. Zufriedenheit darüber, dass es ihnen besser geht als den Menschen im Buch. Dass Leser oder Hörer angesichts von Zwangsprostitution, Gewalt, Elend und Drogen das Gefühl beschleicht, Gott sei Dank das alles nicht erleben zu müssen, ist das verwerflich? Auf eine Art kann ich es sogar nachvollziehen. Aber es macht mich auch ein wenig wütend. Die Geschichte ist nicht dafür da, sich selbst besser zu fühlen. In Deutschland geboren zu werden und im Wohlstand aufzuwachsen, dafür kann niemand etwas. Gehen Sie mit anderen Augen durch Berlin, seit Sie das Buch geschrieben haben? Mir ist vieles schon vorher aufgefallen. Als Kind in der Ukraine habe ich schon absolutes Elend gesehen, viele Drogenjunkies. Ich kam dann mit zehn Jahren ins Ruhrgebiet, wo die Armut nicht ganz so brutal war. In Berlin war meine erste Zwischenmiete zwischen der Bülowstraße und der Kurfürstenstraße. Dort ist der Straßenstrich, der deutlich weniger schick ist als der in der Oranienburger Straße. Vom Fenster aus habe ich sie alle beobachtet: kleine, große, hübsche, hässliche, eindeutig minderjährige und uralte Prostituierte. Vielleicht hat es etwas mit meiner Sozialisation und meiner Biografie zu tun, aber wenn ich das sehe, frage ich mich immer: Warum ist das so? Schwingt da so ein Gefühl mit, „wenn in meinem Leben ein paar Weichen anders gestellt gewesen wären, hätte mir das auch passieren können“? Ja. Und nicht nur mir. Jedem Menschen. Wo leben Sie heute? In Neukölln. (lacht) Ich habe viele Chancen, Menschen zu retten, und ich mache das mehrmals die Woche. Den Krankenwagen rufen oder einen Hund retten. Immer mit der Hoffnung: Wenn mein Hund verschwindet, kümmert sich auch jemand. Zieht Sie das ganze Großstadtelend nicht furchtbar runter? Mich ziehen schon deutlich kleinere Sachen runter. Aber ich habe nicht so viel Angst davor, runtergezogen zu werden. Was gab vor acht Jahren den Auslöser, nach Berlin zu ziehen? Wie immer die Liebe. Sie besteht nicht mehr, aber in Berlin bin ich geblieben. Hier fühle ich mich endlich wohl, nach vielen Jahren des schwierigen Ankommens in Deutschland. Was heißt das? Uns ging es ganz gut, ich hatte ein eigenes Zimmer, und wir hatten sehr viel zu essen. (lacht) Aber ich hätte das alles zu jedem Zeitpunkt sofort eingetauscht gegen eine Rückkehr in die Ukraine. Um ein paar Beispiele zu nennen: Ich musste hier mit dem Tanzen aufhören, ich war nicht mehr die Klassenbeste, ich war nicht mehr beliebt, ich galt nicht mehr als hübsch, sondern als hässlich. Hätten Sie nicht später zurückkehren können? Nein, das hatte ich später nicht mehr gewollt. Wir sind die ersten drei Jahre noch hingefahren, aber haben dort viel Neid gespürt, weil man uns für wahnsinnig reich hielt. Da ist er wieder, der Vergleich mit anderen. Ich kann neidisch, eifersüchtig oder wütend reagieren, wenn eine andere Autorin mehr Bücher verkauft oder mehr Interviewanfragen bekommt. Oder ich kann es als Anlass nehmen, zu sehen, was möglich ist, und meinen eigenen Weg gehen. Ihr Weg führte zum Aufbau-Verlag, der Ihren Debütroman direkt veröffentlicht hat. Wie kam es dazu? Das ist eine irre Geschichte. Ich hatte über ein paar Ecken eine junge Frau kennengelernt, die sich als Tochter von Maxim Biller entpuppte. Ich schickte ihm eine Freundschaftsanfrage auf Facebook und sagte mir: Wenn er sie innerhalb von 48 Stunden beantwortet, wird mein Roman erscheinen. Er hat innerhalb von zwei Stunden geantwortet. Ich war gerade in Schnapslaune und schrieb ihm genau das. Auf meiner Seite war der Link zu meinem Blog mit Kurzgeschichten über jüdisches Leben. Er fand es gut und hat mir die Kontaktdaten einer Lektorin beim Aufbau-Verlag geschickt. Ich bin auf dem Wohnzimmerteppich kurz ausgerastet. Schreiben Sie an etwas Neuem? Ja. Wird es etwas fröhlicher sein? Ja, vielleicht. Ein bisschen. Na ja, je nachdem, was man persönlich als Leser mitbringt. Termin Lana Lux liest am Montag, 5. März, 19 Uhr, im Kurpfalztreff, Pfalzring 39a, Bobenheim-Roxheim. Karten an der Abendkasse. | Interview: Nicole Sperk