Frankenthal
Grünen-Kreisvorstand: „Haltung zeigen, auch wenn’s unbequem wird“
Die Bundessprecherin der Grünen Jugend, Jette Nietzard, steht unter anderem wegen eines Posts in der Kritik, der sie mit einem Pullover mit dem englischen Aufdruck „Alle Polizisten sind Bastarde“ zeigt. Wie bewerten Sie die Debatte?
Fröhlich: Auch wenn die wörtliche Interpretation das nahelegt: Im Kern geht es bei dem Ausdruck nicht um eine pauschale Beleidigung von Polizisten, sondern um Systemkritik, die durchaus ihre Berechtigung haben kann. Er ist also nicht gegen ein Individuum oder eine klar begrenzte Gruppe gerichtet und – gerichtlich bestätigt – von der Meinungsfreiheit gedeckt. Die Debatte wurde meiner Meinung nach unnötig aufgebauscht – sowohl von den Medien, als auch von Politikern, Grüne eingeschlossen.
Sie selbst sind gerade einmal seit einem Jahr Parteimitglied und leiten bereits den Kreisverband. Ist es bei den Grünen so leicht, ein Amt zu bekommen?
Fröhlich: Das würde ich nicht sagen. Ich habe, trotz einer festen inneren Überzeugung und eines starken Interesses an Klima- und Artenschutz, immer gedacht: Politik, das können die anderen machen. Vor etwa einem Jahr wollte ich dann nicht mehr nur zuschauen. Die Grünen in Frankenthal haben mich super aufgenommen, ich konnte mich direkt bei Fraktionssitzungen einbringen. Als jetzt das Amt im Kreisverband frei wurde, habe ich das als Gelegenheit gesehen, neuen Schwung in die Partei zu bringen und dazu beizutragen, dass sich die Grünen im Kreis etwas verjüngen.
Was hat Sie denn vor einem Jahr letztlich bewegt, politisch aktiv zu werden?
Fröhlich: Ich bin Naturwissenschaftlerin. Bei einer Ringvorlesung in der Uni zum Thema Klimaschutz ist mir noch einmal deutlich geworden, wie viele gute Ansätze und Lösungen es bereits gibt. Dass trotzdem nichts passiert, hat mich frustriert. Da es offenbar aus der Wissenschaft heraus nicht ausreichend gelingt, Veränderungen anzustoßen, habe ich entschieden, mich zusätzlich politisch zu engagieren.
Eingetreten sind Sie in eine Regierungspartei, ein halbes Jahr später war die Ampelkoalition am Ende. Das hat Sie offensichtlich nicht demotiviert, sich zu engagieren, oder?
Fröhlich: Die Partei hat – auch in Frankenthal – nach dem Ampel-Aus einen großen Zulauf an neuen Mitgliedern bekommen. Das zeigt für mich, dass grüne Politik nicht am Ende ist – im Gegenteil.
Warum haben Sie sich in der Kommunalpolitik für die Grünen entschieden und nicht beispielsweise für die FWG, die ja in Frankenthal einen großen Aufschwung erlebt?
Fröhlich: Ich wollte mich in einer Partei engagieren, die vor Ort aktiv ist, aber auch auf Landes- und Bundesebene agiert und vernetzt ist. Außerdem sehe ich in den Grünen am stärksten meine persönlichen Werte vertreten. Bei der FWG in Frankenthal finde ich es schwierig, sie politisch einzuordnen.
Der Kreisverband hat vergangenes Jahr 17 neue Mitglieder aufgenommen. Hat es Sie überrascht, dass Menschen gerade zu diesem Zeitpunkt in die Partei eingetreten sind?
Leckinger: In kleineren Städten wie Frankenthal läuft manches etwas anders als in Großstädten. Von daher hätte ich nicht darauf gewettet. Grundsätzlich ist eine Stärke des Kreisverbands, dass die Verantwortlichen hier keine Angst vor Veränderung haben. Das macht uns aus, und deshalb sind sicher viele zu uns gestoßen. Das war übrigens auch der Grund, dass ich nach relativ kurzer Zeit mein Amt im Vorstand antreten konnte, die erfahrenen Mitstreiter immer mit im Boot.
Die Grünen haben zuletzt bei den Kommunal- und Bundestagswahlen in Frankenthal ziemlich herbe Verluste einstecken müssen. Sehen Sie das ausschließlich als Reaktion auf die Probleme in Berlin?
Leckinger: Wir sind intern sehr kritisch und diskutieren viel. Verbesserungsbedarf sehen wir also immer. Aufgrund des Mitgliederzuwachses hatten wir gehofft, dass sich das auch im Ergebnis bei der Bundestagswahl niederschlägt. Vielleicht ist es so, dass Grünen-Anhänger eher Flagge zeigen wollen. Und zwar ganz wörtlich. Wir hatten hier beim Kreisverband im Bundestagswahlkampf bestimmt zehn Anrufe, mit denen Bürger uns um Unterstützung und Grünen-Material gegen rechte Plakate und Flaggen gebeten haben. Offensichtlich gelingt es uns aber nicht, in der Breite die Menschen mitzunehmen. Dazu hat in der Vergangenheit im Kreisverband schlicht die Manpower gefehlt. Das ist jetzt anders.
Es wird oft gesagt, man wolle „auf die Sorgen und Bedürfnisse der Bürger eingehen und grüne Lösungen anbieten“. Was heißt das denn konkret?
Leckinger: Wir beobachten auf jeden Fall, dass wir als Grüne in der Kommunalpolitik sichtbarer geworden sind. Vereine und Privatpersonen wenden sich mit Anliegen gezielt an uns. Da geht es oft gar nicht um rein grüne Themen, sondern eher darum, dass man uns als Person vertraut. Durch unsere Mitarbeit in allen städtischen Gremien können wir häufig innerhalb des demokratischen Systems schon viel auf dem kleinen Dienstweg mit den Entscheidern klären.
Fröhlich: Ängste, die teilweise ganz bewusst geschürt werden, lösen wir nicht mit einem Flyer. Ich bin deshalb dankbar für jedes Gespräch, gerade mit Menschen, die den Grünen gegenüber kritisch eingestellt sind.
Was wäre denn ein Frankenthaler Thema, bei dem Sie grüne Lösungen haben?
Leckinger:Das Aussterben der Innenstadt bewegt viele Mitbürger. Wir fordern schon lange eine bessere Anbindung an den Nahverkehr, bessere Radwege und ein Leihfahrradsystem, zu dem auch Lastenräder gehören. Es braucht mehr Schattenplätze und Grün, damit Menschen sich wieder gerne in der Stadt aufhalten.
Darin sind sich eigentlich alle Parteien einig, die Stadtspitze hat zur Aufwertung der City schon viel angestoßen. Die Themen Klimaschutz und Energiewende sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie schwierig ist es da, in der Kommunalpolitik zu punkten?
Leckinger: Nur weil man etwas propagiert, heißt es noch lange nicht, dass es auch so gelebt wird. Nicht umsonst wechseln beispielsweise Klimaschutzmanagerinnen so oft die Stelle. Manche Kommunen wollen sich mit dem Amt nur einen grünen Anstrich verpassen. Generell habe ich in der Kommunalpolitik oft den Eindruck, dass Klimaschutzthemen gerne unterstützt werden, so lange man damit beim Wähler nicht aneckt. Das unterscheidet uns Grüne. Wir bleiben auch dann bei unserer Haltung, wenn es unbequem wird.
Fröhlich: Wenn man sich die Themen im Bundestagswahlkampf anschaut, bezweifle ich, dass Klima- und Artenschutz schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.
Wie stellen sich die Grünen im Kreis für die Landtagswahl 2026 auf?
Leckinger: Auf Landesebene läuft ein großes Beteiligungsverfahren, bei dem alle Mitglieder Themenschwerpunkte benennen können. Wir gehen noch einen Schritt weiter und schreiben explizit Jugendvertreterinnen und Jugendvertreter an, um abzufragen, was ihnen wichtig ist. Zusätzlich haben wir seit diesem Jahr einen Stammtisch, der sich gezielt an Menschen im Alter bis 44 Jahre richtet.
Werden die Grünen – wie 2021 mit Nuran Aras-Tayanc – erneut einen Bewerber oder eine Bewerberin ins Rennen schicken?
Leckinger: Das besprechen wir noch im Kreisverband.
Zur Person
Der Grünen-Kreisverband wird seit Ende April von zwei Frauen geleitet. Neben der Maschinenbauingenieurin Mareike Leckinger (39) wurde die Biologie-Studentin Lena Fröhlich (25) neu ins Amt der gleichberechtigten Vorstandssprecherin gewählt, Schatzmeister ist Eric Tschöp. Leckinger ist seit 2023 Mitglied der Partei, Fröhlich seit Frühjahr 2024. Der Kreisverband Frankenthal hat 50 Mitglieder, davon laut Vorstand 25 Aktive. Seit Anfang des Jahres läuft die Aktion „jung&grün“. Unter anderem gibt es einen monatlichen Stammtisch für junge Menschen. Eine offene Fraktionssitzung immer montags, 20 Uhr, im Nebenraum der DAV-Kletterhalle Pfalz-Rock, lädt alle Bürger zum Mitreden ein.