Frankenthal
Friedrich-Ebert-Realschule plus: So aufmerksam kümmern sich die Großen um die Kleinen
Die einen suchen Ostereier, an der Friedrich-Ebert-Realschule plus (FES) in Frankenthal werden am letzten Schultag vor den Osterferien Quietscheenten aufgespürt. Versteckt haben sie Mittelstufenschüler für die Klassen darunter. Die von der Schülervertretung angestoßene Suchaktion stärkt nicht nur das Gemeinschaftsgefühl und die Teamfähigkeit an der FES, die eifrigsten Finder sollen auch belohnt werden, mit einem Klassenausflug ins Strandbad.
Solche jahrgangsübergreifenden Aktionen symbolisieren für Margit Müller den Schulgeist an der „Ebert“. Die 43-Jährige ist seit sieben Jahren stellvertretende Schulleiterin, seit der Verabschiedung des beliebten Direktors Stephan Hirt vor den Sommerferien führt sie die Geschäfte am Jakobsplatz. Wann die Spitzenposition nachbesetzt wird, ist nach wie vor offen. Im März hatte die Schulaufsicht ADD in Trier mitgeteilt, dass das Besetzungsverfahren „in Kürze“ gestartet werden soll, Bewerbungen lägen vor.
FES: „Familiäre Atmosphäre“
Dass Müller zu den Kandidaten zählt, daraus macht die Konrektorin kein Geheimnis. Es ist ihr Bekenntnis zu einer Schule und einer Gemeinschaft, in der sie mehr Chancen und Potenziale sieht als Herausforderungen und Defizite. Den von der Kommunalpolitik in Aussicht gestellten Neubau einer Friedrich-Ebert-Realschule plus begrüßt sie, eine neue Adresse – im Gespräch ist im Augenblick das südliche Ende der Stadt an der Mahlastraße – verspreche „noch mehr Aufmerksamkeit“. Aber bis aus den ersten Planungen frühestens Ende des Jahrzehnts Realität werden könnte – so lange will Müller nicht zuwarten, um die FES weiterzuentwickeln.
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Negativen Zuschreibungen und Vorurteilen hält sie die strategischen Vorteile im innerstädtischen Wettbewerb entgegen: Unter den weiterführenden Schulen ist sie die kleinste. Mit rund 440 Schülern und 34 Lehrern könne sie eine recht familiäre Lern- und Lehratmosphäre bieten. „Hier wird mein Kind noch gesehen“, bekommt die Vize-Schulleiterin von Eltern immer wieder zu hören. „Manche Lehrer kennen alle Schüler an der FES mit Namen“, berichtet sie.
Elternsprecher lobt „respektvollen Umgang“
„Der respektvolle Umgang hat mir von Anfang an imponiert“, berichtet Elternsprecher Denis Stange. Er teilt sich diese Aufgabe mit Michaela Gruber. Eigentlich hatte er auch für seine zweite Tochter eine andere Wunschschule vor Augen, kam bei der Platzvergabe vor vier Jahren aber nicht zum Zug. „Schon beim Vorstellungsgespräch war meine Frau beeindruckt von der konstruktiven Kommunikation mit Schülern auf Augenhöhe, auch in weniger angenehmen Situationen aus dem Schulalltag.“ Die Elternvertreter wiederum würden wie ein Teil des Kollegiums behandelt, so seine Erfahrung aus dem ehrenamtlichen Engagement quasi vom ersten Schultag seines Kindes an.
Lebenstüchtigkeit und Herzensbildung
In der praktizierten integrativen Form bleiben die Jugendlichen vom ersten bis zum letzten Schultag im gleichen Klassenverband, werden nicht nach der sechsten Klasse in einen Berufsreife- oder Sekundarabschluss („mittlere Reife“) eingeteilt. Die Vermittlung der Lehrplaninhalte bleibt zwar der Kernauftrag. Über das Pflichtprogramm hinaus steht das Kürzel FES aber für eine darüber hinaus gehende Selbstverpflichtung. „Fit – Erfolgreich – Stark“ wollen die Pädagogen die Schülerinnen und Schüler mit 24 Nationalitäten in einem eigens in den Stundenplan aufgenommenen Projektfach machen. Achtsamkeitsspaziergänge, ein Vertrauensparcours und teambildende Maßnahmen zählen dazu, Notendruck nicht.
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Auf der Homepage wird diese Zielvorstellung mit „Lebenstüchtigkeit“ umschrieben. Lernbereitschaft, Durchhaltevermögen, Pünktlichkeit, Selbstständigkeit, ein respektvoller Umgang und Herzensbildung fallen in dieses Leitbild. Was mit diesem wärmenden Begriff gemeint ist, wird an gleich mehreren Projekten deutlich, die Müller aus dem Stand aufzählen kann. Das Entensuchen vor Ostern ist eines davon.
„Tag der guten Taten“ im April
Keine drei Wochen später steht schon das nächste soziale Engagement auf dem Stundenplan. Am „Tag der guten Taten“ am 17. April wollen sich FES-Klassen quer durch alle Jahrgänge in ihrer Umgebung einbringen, mit Senioren spielen, Stolpersteine reinigen oder auf dem Jakobsplatz sauber machen. Im nahegelegenen Mehrgenerationenhaus in der Mahlastraße sind FES-Schüler gern gesehene Besucher, wenn sie digital weniger routinierten Smartphone- und Tabletbesitzern ihr Gerät konfigurieren.
Auch im Unterricht werden soziale Kompetenzen und pädagogische Zuwendung gelebt. Erste vorsichtige Versuche mit individuellen Coachinggesprächen, die zunächst ein motivierter Klassenlehrer mit jedem seiner Schüler führte, haben sich als derart fruchtbar erwiesen, dass sie mittlerweile zum Standardprogramm an der FES zählen. Nicht, weil Müller sie dem Kollegium aufgenötigt hat, sondern weil die zehn bis 15 Minuten Aufmerksamkeit, die Pädagogen in der kleinen Privatsprechstunde schenken, sich sichtbar in Lernerfolgen und Persönlichkeitsentwicklung niederschlagen.
Lehrer als Coaches an FES
Mehr noch: Wenn sich die beiden Gesprächspartner zurückziehen, übernimmt ein Kollege oder eine Kollegin freiwillig die Klassenaufsicht. In 13 der 18 Klassen wird mittlerweile gecoacht, „Kollegen fragen bei mir an, ob sie dieses Modell auch auf ihre Klasse übertragen könnten“, berichtet Müller.
All diese Investitionen ins soziale Miteinander zahlen bei der FES ein in eine stellvertretende Schulleiterin, die ihren „Traumjob“ lebt, ein Kollegium, in dem sie „Lust auf Neues“ wahrnimmt, und Schüler, die füreinander da sind. Kurz vor Ostern waren es Entchen, die mit Feuereifer versteckt und aufgestöbert wurden, an Fasnacht haben die Großen für die Kleinen eine Feier geschmissen. Die kleinen Gäste hatten mit Kuchenverkauf die Partykasse gefüllt, die Zehntklässler konnten damit Verpflegung und Dekoration besorgen. Grund zum Feiern hatten sie am Ende alle gemeinsam.


