Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel „Für Menschen, die offen sind“: Marlon Bösherz, Frontmann von „Botticelli Baby“, im Interview

„Alle von uns funktionieren als Einzelne, aber das Magische ist, dass wir zusammen auch als Gruppe funktionieren“, sagt Marlon B
»Alle von uns funktionieren als Einzelne, aber das Magische ist, dass wir zusammen auch als Gruppe funktionieren«, sagt Marlon Bösherz, der hier von seinen Mitmusikern gerade zum Meisterwerk geformt wird.

Diese gang besondere Jazzband kommt zu den „Internationalen Jazztagen“ nach Frankenthal.

Die 2012 in Essen gegründete Formation „Botticelli Baby“ spielt eine wilde Mischung aus Balkan-Beats, Jazz, Folk, und vielem mehr – immer mit heftigstem Groove, der zum Tanzen einlädt. Das Septett, von dem behauptet wird, dass es dem Jazz seine ursprüngliche „Dreckigkeit“ und Rebellion zurückgebe, tritt am 21. März bei den „Jazztagen“ in Frankenthal auf. Wie die bunte Truppe entstanden ist, erzählt der Bassist und Sänger Marlon Bösherz im Gespräch mit Gereon Hoffmann.

Herr Bösherz, wie würden Sie die Musik von „Botticelli Baby“ jemandem erklären, der sie noch nie gehört hat?
Das ist der kleinste gemeinsame Nenner von sehr unterschiedlichen Musikern, die trotzdem zusammen etwas ausdrücken wollen. Es spielt immer eine Rolle, wie sich die Musik für uns alle im Kollektiv anfühlt. Erst wenn die Musik für jeden einzelnen sich richtig anfühlt, können wir das auch zusammen präsentieren und auf Platte bringen.

Was sind die Unterschiede zwischen den Beteiligten?
Das sind unterschiedliche Genres und Haltungen gegenüber der Musik. Aber gerade dadurch hat „Botticelli Baby“ über die Jahre durch das gemeinsame Musizieren einen eigenen Ausdruck gefunden. Alle von uns funktionieren als Einzelne, aber das Magische ist, dass wir zusammen auch als Gruppe funktionieren.

Wie haben sich die richtigen Leute damals, 2012, gefunden, die bereit waren, so was mitzumachen?
Ich glaube, das war eine Mischung aus Zufall und Ignoranz. Es gab tatsächlich viele Musiker, die sich in der Gründungsphase die Kerngruppe angehört und ausprobiert haben und die dann gesagt haben: „Nee, also bei aller Liebe, aber das ist nicht die Herangehensweise, die ich für Musik mir vorstellen kann.“ Aber das ist auch in Ordnung so. Es war also nicht so, dass wir von vornherein sagen konnten, was wir machen. Im Sinne von: „Wir machen Metal“, „Wir machen Punk“, oder „Wir sind eine reine Jazztruppe“. Sondern es war ein ganz offen gehaltenes Experiment.

... das aber den gemeinsamen Nenner doch noch gefunden hat?
Es hat sich letztendlich herausgestellt, dass alle, die geblieben sind, eine Art und Weise haben, sich mit ihrem Instrument auszudrücken, die dann in einer Art musikalischem Gespräch zusammenpasste.

Und die musikalischen Vorlieben?
Ja, tatsächlich mögen und hören wir alle Jazz. Von den alten Big-Band-Sachen bis hin zu modernerem Jazz. Das fächert sich dann auf in die groovigen Sachen, wie Soul und alter Funk, rockige Oldies, geht dann zu Punk, aber auch experimentelle Sachen, Minimal Music ... Wir sind alle in unseren Elternhäusern unterschiedlich sozialisiert worden. Aber der Jazz war so eine erste Schnittmenge von allen. Fast alle von uns haben dann auch Jazz studiert.

Und was hält die Band über so viele Jahre zusammen?
Ich glaube, das ist die unüberwindbare Freude an der Musik. Und wir alle wollten auch nicht schon vorhandene Sachen nachspielen, sondern uns selbst ausdrücken. Und wir wollten uns musikalisch unterhalten – wie das eben so ist, auf Jam Sessions, wenn sie gut sind. Das hat uns dann auf den gemeinsamen Nenner gebracht. Sich nicht einschränken lassen und zusammen an der Musik zu wachsen und zu forschen, das war die gemeinsame Idee.

Und wie geht das im Kollektiv?
Wir waren jetzt gerade wieder zusammen beim Proben für das nächste Album. Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Mal bringt einer ein Motiv mit oder einen Groove und wirft das in die Mitte. Dann spielen wir damit. Manchmal gibt es dann auch Rohrkrepierer, wo wir merken, dass das zu nichts führen wird, egal wir lange wir das spielen. Oder es gibt Korrekturen, neue Ideen und Ansätze. Das ist dann auch viel Handwerk, um zu einem Ergebnis zu kommen. Aber nach 13 Jahren gemeinsamen Musizierens haben wir damit auch Erfahrung.

Heißt das, dass wir in Frankenthal auch neues Material hören werden?
Auf jeden Fall! Das ist auch wieder ein neuer Schritt in der Entwicklung der Band. Es gehört zu unserem Konzept, die neuen Ideen möglichst viel vor Publikum live zu spielen ... zu üben (lacht), um dann eingespielt ins Studio zu gehen.

Was für ein Publikum kommt zu Ihnen, sicher nicht das klassische Jazzpublikum? Da kommen doch auch Balkanbeat-, Speedfolk-, Punk- und weiß ich was für Hörer?
Genau! Das war schon immer so und das ist genau das, was ich so fantastisch finde. Da kommen Leute, die sich anderswo nicht zu bestimmten Szenen zugehörig fühlen. Das Konzert ist für Menschen, die offen sind, die Musik hören wollen, die sie überrascht. Da habe ich wirklich schon alles gesehen und gerade das macht unsere Musik und unser Publikum so besonders.

Termin/Zur Sache

„Botticelli Baby“ spielen bei den „Internationalen Jazztagen“ am Samstag, 21. März, ab 20 Uhr im „Gleis 4“ in Frankenthal. Zuvor stehen dort die Bekanntgabe der Gewinner des Förderpreises der IG Jazz und deren Konzert an. Marlon Bösherz spielt bei „Botticelli Baby“ Kontrabass und ist Leadsänger. Die Band besteht außerdem aus Jörg Buttler (Gitarre, Backing Vocals), Lucius Nawothnig (Keyboard, Backing Vocals), Max Wehner (Posaune, Backing Vocals), Christian Scheer (Saxophon, Backing Vocals), Alexander Niermann (Trompete, Backing Vocals) und Tom Hellenthal (Schlagzeug).

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