Frankenthal Es spukt an der B 9
In Bobenheim-Roxheim beginnt die Open-air-Theatersaison: Auf der Freilichtbühne Im Busch erhebt sich nun das stolze Schloss derer von Canterville, ein rustikales englisches Anwesen, in dem es selbstverständlich spukt. Und in das nun eine amerikanische Familie einzieht. Andrea Kühn hat die klassische Geschichte um „Das Gespenst von Canterville“ von Oscar Wilde nach einer Bearbeitung von Markus Wiegand in einer modernisierten Fassung inszeniert. Am Freitag hatte das Stück bei schönstem Sommerabendwetter Premiere.
Man wünscht sich dem Theaterkreis Bobenheim-Roxheim etwas mehr Mut zum Streichen: Besonders der Anfang der Inszenierung ist zu lang geraten. Der Prolog nämlich entführt uns ins ausgehende Mittelalter, wo Sir Simon seine schwangere Frau ermordet, weil sich Zorn, Eifersucht und betrügerische Intrige auf schicksalhafte Weise vermischen – und erst nach 20 Minuten springen wir in die Gegenwart mit dem Einzug der Familie Otis in das altehrwürdige Schloss Canterville. Dabei ist das Vorspiel überflüssig, denn die Vorgeschichte wird das ein oder andere Mal erneut erzählt. So punktet es nur durch seine schön gestalteten mittelalterlichen Kostüme. Dann aber, im Heute, geht es eben erst richtig los, dieses Aufeinanderprallen der Kulturen: wenn die amerikanische Familie Otis das englische Schloss aufmischt, wenn materialistische Pragmatik auf das gute alte englische Spukwesen treffen. Andrea Kühn hat die Geschichte – ursprünglich 1887 erschienen – kühn ins Jahr 2017 verlegt. Und das geht weit über den Gag hinaus, dass der gegenwärtige Lord Canterville sein Schloss wegen des Brexit vermieten muss. Wenn die Söhne der Otis-Family nämlich auf Monsterjagd gehen, dann so, wie sie es verstehen: Im letzten Jahr, da haben sie das doch schon geübt, bei diesem Handy-Spiel? Und schon beginnen diese „Digital Natives“, Analogwaffen zu suchen: Eine weiß-rote Bowlingkugel etwa, oder ein Grill als Rauchfalle – wie bei Pokemon Go eben. Der Gegensatz von Moderne und Tradition wird hier auf allerlustigste Weise auf den Punkt gebracht, ein Gegensatz, der den Grundkonflikt des Stücks ausmacht. Beispielsweise auch in der Figur des Butlers, stilecht im Frack, der ausdruckslos im Hintergrund steht und so zur Zielscheibe der Otis-Sprösslinge wird: zweier frecher, völlig unbekümmerter Knaben voll sarkastischer Ironie. Der Butler erträgt es geduldig und nimmt allenfalls dann und wann ein Schlückchen aus dem Flachmann – bis er irgendwann eine hinreißende „Dinner for One“-Performance hinlegt. Die Hauptfiguren aber, das sind das Gespenst Sir Simon und die Otis-Tochter Virginia: Hier treffen sich die so unterschiedlichen Welten in einer romantisch angehauchten Atmosphäre. Denn Virginia ist verliebt in den Nachbarn George, ein Nachkomme von Sir Simons altem Rivalen Lord de Malvosin. Der muss deshalb in Bälde im Degenduell auf Leben und Tod gegen den unsterblichen Geist antreten – eine der unsinnigen englischen Traditionen, steht doch bei diesem leeren Ritual der Verlierer schon fest. Virginia – die seit ihrer ersten Begegnung mit dem Gespenst große Würgemale am Hals trägt – erreicht jedoch das Aufweichen der uralten, verletzten, rachsüchtigen und unbarmherzigen Seele des Untoten. „Das Gespenst von Canterville“ bietet im Großen und Ganzen höchste Unterhaltung. Die Naturbühne wird in ihrer ganzen Größe genutzt, von der Gruft ganz rechts bis zum Friedhof ganz links. Seit 20 Jahren wird das Freilichttheater Im Busch jetzt bespielt, und zum Jubiläum scheint dieses Stück ideal: Bietet es doch mit seinen jungen Figuren eine schöne Chance. „Es ist toll, dass wir in unserer starken Jugendgruppe so viele Nachwuchstalente haben, die wir hier an die Erwachsenenstücke heranführen können“, freut sich der erste Vereinsvorsitzende Thomas Andres. Termine Freitag, 11. August, Samstag, 12. August, Freitag, 18. August, Samstag, 19. August, Freitag, 25. August, Samstag, 26. August, jeweils 20 Uhr. Ort: Freilichtbühne Im Busch, B 9 Frankenthal-Worms, Ausfahrt Rheinufer 2. Infos und Kartenvorverkauf: www.theaterkreis1975.de