Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel „Es ist nicht schön, wenn man getragen werden muss“: Für mehr Inklusion in Frankenthaler Innenstadt

Wollen in Frankenthal mit ihrer Arbeit für mehr Sichtbarkeit und Inklusion sorgen (von links): Gaby Leger, Peter Clemens, Anne G
Wollen in Frankenthal mit ihrer Arbeit für mehr Sichtbarkeit und Inklusion sorgen (von links): Gaby Leger, Peter Clemens, Anne Gauch und Antje Philippi.

Türschwellen, Kopfsteinpflaster, blockierte Wege: Für manche Alltag, für andere unüberwindbare Hürden. Wie Menschen mit Behinderung für mehr Teilhabe kämpfen.

Der 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Seit 1992 existiert er, um gegen Diskriminierung zu kämpfen, und sich für mehr Inklusion, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung starkzumachen. In diesem Jahr lautet das Motto „Menschenrechte sind nicht verhandelbar“.

Ein passendes Motto, findet Antje Philippi, stellvertretende Vorsitzende des Beirats der Menschen mit Behinderung, der seit 14 Jahren ein Sprachrohr für mehr Inklusion und Barrierefreiheit in Frankenthal ist. „Was die Teilhabe angeht, machen wir momentan Rückschritte“, sagt die 54-Jährige. „Ich höre oft den Satz ,Sei doch froh, dass...’. Als ob Teilhabe ein Luxus wäre. Dabei ist sie ein Menschenrecht.“

Der Bodenbelag in der Frankenthaler Innenstadt: Schön anzusehen, aber für Menschen, die auf Gehhilfen oder Rollstühle angewiesen
Der Bodenbelag in der Frankenthaler Innenstadt: Schön anzusehen, aber für Menschen, die auf Gehhilfen oder Rollstühle angewiesen sind, ein Hindernis.

„Gutes Beispiel für Barrierefreiheit“

Die erste Station auf dem Rundgang durch die Innenstadt ist das Kaufhaus Birkenmeier. Sofort fallen die breiten Gänge auf, durch die ein Rollstuhl einfach durchpasst. Philippi lobt: „Das ist ein gutes Beispiel für Barrierefreiheit.“ Außerdem sei das Personal sehr hilfsbereit. Ein Aufzug, um in die oberen Stockwerke zu kommen, ist ebenfalls vorhanden.

Nur eine Sache fällt auf, die es sehbehinderten Menschen schwer machen kann, die Treppen zu benutzen: „Am Treppengeländer sind Detektoren angebracht, die den Handlauf unterbrechen“, merkt Gaby Leger (53) an. Das sorge für Desorientierung. Inhaberin Monika Burkhardt (63) und ihr Mann Mike Burkhardt (65) hören aufmerksam zu und wollen prüfen, ob man die Detektoren auch außen am Geländer anbringen kann. Für beide ist Inklusion ein wichtiges Thema.

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Bürokratische Hürden behindern Inklusion

Als Nächstes ist das Elektrofachgeschäft Euronics an der Reihe. Die Stufe am Eingang kann mit einer – zugegeben etwas steilen – Rampe überwunden werden. Inhaberin Sabine Fürst berichtet von bürokratischen Hürden beim Installieren einer solchen Rampe: „Ich habe sie extra so fertigen lassen, weil sie sonst mehr als einen Meter auf den Bordstein hinausgeschaut hätte“, so die 59-Jährige. „Das wäre ja dann wieder eine neue Barriere.“

Jedoch dürfen Rampen laut der DIN-Norm 18040 maximal sechs Prozent Gefälle haben – kaum einzuhalten, wenn eine oder mehrere höhere Treppenstufen überbrückt werden müssen und vor der Tür nicht viel Platz ist.

Eine solche Schwelle ist für die meisten Menschen im Rollstuhl unüberwindbar.
Eine solche Schwelle ist für die meisten Menschen im Rollstuhl unüberwindbar.

Barrierefreie Toiletten ein großes Problem

Weiter geht es zum Restaurant Xoxo. Eine Rampe gibt es, und auch die Gänge zwischen den Tischen sind breit genug. Dass aber die Toilette im Keller, und damit nicht barrierefrei ist, habe bauliche Gründe, erklärt Rawan Ziwaneh, deren Familie das Restaurant gehört. Allerdings plane man einen Durchbruch zum Café nebenan, wodurch auch genügend Platz entstehen würde, um eine rollstuhlgerechte Toilette zu bauen.

Die Gastronomie sei allgemein ein schwieriges Thema für viele Betroffene, berichtet Philippi. In der Frankenthaler Innenstadt kenne sie nur ein einziges Lokal mit einer rollstuhlgerechten Toilette. „Ich informiere mich immer vorher“, erzählt sie. „Einmal wurde mir telefonisch versichert, dass es eine barrierefreie Toilette gäbe, und dann kam ich an und stand vor einer Treppe.“ Menschen mit Gehbehinderungen sähen sich häufig mit unangenehmen Situationen konfrontiert: „Es ist nicht schön, getragen zu werden oder auf den Toilettensitz fassen zu müssen, weil es keine Haltegriffe gibt.“

Sind in Frankenthal Vorbilder, was Inklusion angeht: die Inhaber des Friseursalons Haarkunst, Ali Ibanov (links) und Ali Mahra,
Sind in Frankenthal Vorbilder, was Inklusion angeht: die Inhaber des Friseursalons Haarkunst, Ali Ibanov (links) und Ali Mahra, mit Antje Philippi.

„Wir sind alle Menschen“

Als besonders hervorhebenswertes Beispiel wird der Friseursalon Haarkunst genannt. „Ich hatte nur kurz draußen gestanden, weil ich mir die Preise ansehen wollte. Da kam sofort jemand von drinnen und baute die Rampe auf“, so Philippi. „Da, wo ich mich wohlfühle, da gehe ich auch hin. Viele denken nicht darüber nach, dass sie mit mehr Inklusion auch ihren Kundenstamm vergrößern.“

Ali Mahra (31), einer der beiden Betreiber des Salons, betont, wie wichtig ihm ist, dass sich alle willkommen fühlen: „Wir sind doch alle Menschen. Ich kann morgen einen Unfall haben und auch im Rollstuhl sitzen. Das macht mich aber nicht zu einem anderen Menschen.“

Fazit: Barrierefreiheit beginnt im Kopf

Am Ende des Rundgangs sind die Mitglieder des Beirats zufrieden: „Wir haben gute Gespräche geführt und alle haben sich offen und verständnisvoll gezeigt.“ Das sei längst nicht immer so, wenn man versuche, über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung zu sprechen.

„Besonders wichtig ist mir, dass die Leute zuhören und uns ernst nehmen“, betont Philippi. Dass man als nicht betroffene Person bestimmte Dinge nicht weiß, sei nicht das Problem. Eher, dass nicht hingehört oder nachgefragt wird. Denn, so sagt sie: „Barrierefreiheit beginnt im Kopf.“

Zur Info

Barrieren in Frankenthal können dem Beirat der Menschen mit Behinderung unter folgender E-Mail direkt gemeldet werden: barrierefreiheitbeginntimkopf@gmx.de.

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