Interview
Elwedritsche auf dem Monte Scherbelino? Wo die Fabelwesen in Frankenthal stecken könnten
Was haben die Pfalz und Pennsylvania gemeinsam? Eine Frage, die Michael Werner seit vielen Jahren beschäftigt. Der Herausgeber der pfälzisch-pennsylvanischen Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ stammt aus Frankenthal und kehrt am Samstag, 9. Mai, in seine Heimat zurück.
Im Theater Alte Werkstatt (TAW) spricht er über Pennsylvania-Deutsch – eine Sprachform, die sich im 18. Jahrhundert in Pennsylvania unter überwiegend pfälzischen Auswanderern entwickelt hat und dem Pfälzischen erstaunlich nahekommt, wie es noch heute in Frankenthal und der Region gesprochen wird. Zudem will Werner am Samstag das Geheimnis um die Elwedritsche lüften. Er hat nach den Ursprüngen der Fabelwesen aus der Pfalz geforscht und dazu ein Buch geschrieben.
Herr Werner, Sie bauen regelmäßig kulturelle Brücken zwischen Europa und den USA. Warum sind Sie eigentlich „hiwwe“ wie „driwwe“ unterwegs? Was macht für Sie den Reiz aus?
Wenn wir uns mit den Nachfahren überwiegend kurpfälzischer Auswanderer in Pennsylvania beschäftigen, bewegen wir uns immer in einem Open-Air-Museum. Die Auswanderer haben ihre Kultur im 18. Jahrhundert von hier nach „driwwe“ mitgenommen. Dort – in einer Sprachinsel so groß wie die deutschsprachige Schweiz – hat sie sich in englischsprachiger Umgebung besser erhalten als hier.
Von daher können wir lernen, wie unsere eigenen Vorfahren vor 300 Jahren in der Pfalz gelebt und gefühlt haben. Und es eröffnen sich Perspektiven für Sprachwissenschaft und Volkskunde. Was wir hier längst verloren haben, ist drüben erhalten. Das Wissen, was hinter dem „Butzemann“ steckt, warum der „Belznickel“ so grimmig aussieht, was das „Bucklich Männlein“ ist und was wirklich hinter den Elwedritschen steckt. Das ist vielleicht die spannendste Geschichte, die ich am Samstag im Theater Alte Werkstatt auch erzählen werde.
Termin
Michael Werner gastiert am Samstag, 9. Mai, mit seinem Vortrag „Hiwwe wie Driwwe“ im Theater Alte Werkstatt, Wormser Straße 109. Beginn ist um 19.30 Uhr. Karten kosten 23 Euro, ermäßigt 15 Euro, und sind erhältlich beim TAW. Abgerundet wird der Vortrag über deutsch-amerikanische Gemeinsamkeiten mit viel Musik in pennsylvanisch-deitscher Mundart.
Gibt’s in Frankenthal auch Elwedritsche? Wo kann man sie entdecken?
Selbstverständlich gibt es in Frankenthal Elwedritsche. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich den Fänger mit Sack und Laterne auf dem Gipfel des Monte Scherbelino platzieren. Das könnte ein guter Platz sein. Aber im Ernst: Hinter den Elwedritschen steckt eine Story, die wirklich unglaublich ist. Spoiler: Es waren ursprünglich keine Pfälzer. Sie waren nicht lustig. Und sie haben eine Geschichte, die wir viele Tausend Jahre zurückverfolgen können. Was die Pfälzer aus einer ursprünglich nächtlichen Bedrohung gemacht haben, ist eine ganz außerordentliche Kulturleistung. Auf die können wir wirklich stolz sein.
Pennsylvania-Deutsch – wie klingt das überhaupt? Sagen Sie bitte mal etwas auf Pennsylvania-Deutsch, damit wir eine Vorstellung davon bekommen.
Es kann sein, dass in Pennsylvania jemand zu einem sagt: „Kummscht zum Esse heit Owet?“ Das verstehen wir eigentlich ganz gut. Wenn man aber fragt: „Um wie viel Uhr sett ich bei eich sei?“ – dann erhält man potenziell zwei Antworten. Lutheraner und Reformierte könnten sagen: „Kumm, wann du witt!“ Auch damit haben wir kein Problem.
Amish und Mennoniten allerdings würden wahrscheinlich antworten: „Sell iss uff zu dir!“ Das verstehen wir Pfälzer erst einmal nicht, obwohl alles Mundartworte sind. Die Lösung ist: „It's up to you!“ Also: Komm, wann es dir beliebt. In dieser Konstruktion wurde jedes englische Wort durch ein deutsches ersetzt. Aber in der Gesamtheit ergibt es für deutsche Ohren dennoch erst einmal keinen Sinn. Insgesamt aber funktioniert die Kommunikation recht gut.
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In Frankenthal und der Umgebung gibt es eine große Mennonitengemeinde. Haben die Mennoniten Gemeinsamkeiten mit den Pennsylvania-Deutschen?
Erst einmal verbindet die Mennoniten weltweit der gemeinsame Glaube. Die Amish sind mit Mennoniten verwandt, denn sie haben sich 1693 von diesen abgespalten. Gründer Jakob Ammann war der Auffassung, die Mennoniten seien in vielen Glaubensfragen zu liberal. Er wollte es konservativer. Ansonsten sind viele Frankenthaler Mennoniten Russlanddeutsche. Die Vorfahren dieser Menschen stammen zum Teil auch aus der Pfalz, aber nicht alle.
Wichtig ist, dass vier Glaubensgruppen die Sprecher des Pennsylvania-Deutschen bilden: Amish, Mennoniten, Lutheraner und Reformierte (heute: United Church of Christ). Rund 500.000 Menschen sprechen die Mundart in den USA, in Kanada und sogar in Mittel- und Südamerika. Man sieht: Es ist kompliziert.
Kompliziert ist aktuell auch das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA. Es kriselt gewaltig. In der Westpfalz sorgt man sich, dass US-Truppen abgezogen werden könnten. Wie blicken Sie auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen und was bedeutet das für „Hiwwe wie Driwwe“?
Die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ gibt es seit 30 Jahren. Vor fast 25 Jahren habe ich mit Freunden den Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. gegründet. Wir haben in dieser Zeit viele Hochs und Tiefs erlebt – und wir betrachten es als unsere Aufgabe, den pfälzisch-pennsylvanischen Austausch aktiv zu halten, auch wenn es im deutsch-amerikanischen Verhältnis kriselt. Insofern gibt es auch aktuell eine ganze Reihe von Projekten, an denen wir arbeiten. Allzu viel will ich hier aber noch nicht verraten.
Zur Person
Michael Werner wurde 1965 in Frankenthal geboren und lebte bis 1988 in der Stadt. Er ist Herausgeber der pfälzisch-pennsylvanischen Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ und hat mit seiner Arbeit die beiden Kinodokumentationen „Hiwwe wie Driwwe 1+2“ inspiriert und möglich gemacht. In beiden Filmen ist er auch als Experte zu sehen. In seinem Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ schreibt er über die Fabelwesen.
Michael Werner ist Träger der Sinsheimer Plakette (2020) und des Emichsburg-Preises der Gemeinde Bockenheim (2015). Außerdem war er mit seiner Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ für den „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbands nominiert (2012). Er lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in Mainz, wo er als Verlagsleiter tätig ist.