Frankenthal
Die Mörscher Au: Wie Frankenthal ein Stück näher an den Rhein rückte
Wie Oppau und Edigheim wurde auch der Frankenthaler Stadtteil Mörsch („Merse“ = Moor, Sumpf) auf einer leichten Anhöhe (Gewanne „Auf der Höh“) inmitten der Rheinniederung errichtet. Die große Schlinge eines früheren Laufes des Rheinstromes umgab die Gemarkung im Süden, Osten und Norden, im Westen lagen die Bruchwiesen zwischen dem Mörscher Rücken und dem westlichen Hochgestade. Die Rinne des Mörschwörth/Kirchenwörth mit dem Lauf der Isenach/Mörschbachs (Altrheingraben) trennt außerdem den östlichen Gemarkungsteil die Mörscher Au von der Ortslage.
Die Mörscher Au war zwar mit Dämmen (Audamm, Greßendamm, Rheindamm, Kreuzdeich) rundum eingedeicht, war aber stets der Gefahr ausgesetzt, bei Rheinhochwasser, insbesondere im Frühjahr, überschwemmt zu werden. Die Aue eignete sich deshalb „von Natur aus“ in erster Linie eher für die Beweidung als für den Ackerbau.
Mörsch gehörte zu den neun Rheindörfern
Mörsch war im frühen Mittelalter ein Lehen des Trierer Klosters St. Maximin, kam dann aber in den Besitz des Bischofs von Worms. Weitere Lehensnehmer waren die Pfalzgrafen bei Rhein und auch die Grafen von Nassau und ihre Erben. Mörsch gehörte zu den neun Rheindörfern des Bistums Worms und war mit einer Fläche von rund 1000 Morgen (das sind 250 Hektar) die größte Genossenschaftsweide im weiten Umkreis. Zu den Mitgliedern der Gemeinschaft gehörten nicht nur die Rheindörfer, sondern auch das Kloster Großfrankenthal, die Nachbargemeinde Edigheim, einige Orte rechts des Rheins und sogar der Kurfürst der Pfalz, der Besitzer der Falkensteiner Wiesen in der Au nahe des Rheins.
Die Weide unterlag als Allgemeingut, wie jede Allmende, einer strengen Nutzungs- und Gebührenordnung. Mit dem Weiderecht war auch das Fischereirecht verbunden. Dieses wurde jedes Jahr neu versteigert. Zur Einhaltung der Au-Ordnung waren vier Au-Männer als Vertreter der Weidegenossen eingesetzt, drei von ihnen wohnten vor Ort im Au-Haus. Die Weidegenossen errichteten zusätzlich zum Schutz ihres Viehs – Rinder und Pferde – und als Unterkunft ihre eigenen Au-Hütten. Der Au-Mann oder Au-Schütz zog das Weidegeld und die Frevelgelder ein und schlichtete in Streitfällen.
Spurensuche nach Auhaus
Der erste Austrieb des Viehs, die Au-Fahrt, wurde festlich begangen, der Georgi-Tag (23. April) war dieser Au-Tag. Das Auhaus an der alten Auweg-Brücke ist bis ins 20. Jahrhundert als Wohnplatz und Postanschrift belegt. Mit der Flurbereinigung im Jahr 1964 wurden aber alle Spuren dieses Platzes beseitigt. Im Plan des Kantons Frankenthal (aus den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts) wurde gleichrangig mit dem Nonnen(busch)-Hof, dem Scharraue-Hof und dem Petersaue-Hof auf der Mörscher Aue östlich des Altrheingrabens ein Hof eingezeichnet. In der Topografischen Aufnahme der Pfalz (1837) fehlt jedoch jeglicher Eintrag eines Gebäudes. Durch die grafische Darstellung von Böschungen eines ovalen Hügels (norddeutsch: „Warft“) zwischen dem Audamm, dem alten Auhausweg (Strecke vom Petersauer Weg zur Hochbrücke des Mörscher Altrheingrabens südlich des Roxheimer Altrheins) und dem Nachgraben kann der Standort des Auhauses recht exakt bestimmt werden. In der Flurbereinigung wurde der neue Auhausweg unmittelbar auf die Ostseite des ehemaligen Audamms verlegt. Der Nachgraben ist heute durch die „Nordspange“, einer Hochwasserentlastung für die Isenach nördlich des neuen West-Ost-Weges, ersetzt. Der Standort des ehemaligen Auhauses kann etwa 50 Meter südöstlich des neuen Wegekreuzes verortet werden.
Ein Stückchen vom Rheinufer
Mittels Entwässerungsgräben und Erhöhung des Rheinhauptdammes ist die Mörscher Au heute trockengelegt, nicht mehr der Hochwassergefahr ausgesetzt und wird intensiv ackerbaulich genutzt.
Auf Anordnung der Königlich Bayerischen Regierung wurde 1828 die Petersau von der Oppauer Gemarkung abgetrennt und der Mörscher Gemarkung zugeschlagen. Durch die Eingemeindung des Rheindorfes Mörsch in die Stadt Frankenthal im Jahr 1918 rückte deren Gemarkung wieder an den Rhein und besitzt – vom neuen Landeshafen an der ehemaligen Ausmündung des Frankenthaler Kanals bis zum Hofgut Petersau – einen öffentlich nutzbaren, vier Kilometer langen Spazierweg am Ufer des größten deutschen Stroms.
Die Serie
Ein Rosengarten in Frankenthal? Hat’s da tatsächlich betörend geduftet? Und was hat es mit der Kaiserhütte und dem Reichert-Garten auf sich? Auf den Spuren solcher „Lost Places“ ist Heimatforscher Karl-Heinz Kuhn. Der frühere Stadtplaner ist ein lebendes Lexikon Frankenthaler Naturgeschichte.


