Ludwigshafen
Deniz Ohde im Pfalzbau: Die Geschichte einer Reifung
Die Idee sei ihr sehr viel früher gekommen als die zu „Streulicht“, erzählte die 36-jährige, in Frankfurt aufgewachsene und jetzt in Leipzig lebende Schriftstellerin im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Shirin Sojitrawalla. Seit einem Vorfall vor 17 Jahren in ihrer Nachbarschaft habe der Stoff sie nicht mehr losgelassen und sie habe sich mit dem Gedanken an einen ersten Roman getragen. Vor etwa zehn Jahren habe sie dann die ersten 100 Seiten geschrieben, doch: „Es fehlte etwas.“ Aus einer Kurzgeschichte über einen Industriepark sei daraufhin zunächst „Streulicht“ hervorgegangen, und erst nach der Niederschrift dieses Romans habe sie sich erneut an das ältere Thema herangemacht. Diese Erkenntnis vom fehlenden Etwas beschrieb Deniz Ohde näher als „ein Gefühl, ob es sich leicht anfühlt und ich beim Schreiben die Zeit vergesse“. Es müssten sich ihr Bilder aufdrängen, denen sie dann schreibend folge.
Schriftstellerin aber habe sie schon in frühester Kindheit, schon im Vorschulalter werden wollen. Damals habe ihre Mutter ihr viel vorgelesen, etwa „Jim Knopf“ und Pippi Langstrumpf“, und bald habe sie ihrer Mutter kleine Geschichten diktiert. Meistens habe es sich dabei um Nacherzählungen des Gehörten gehandelt. Ihr allerliebstes Buch damals sei „Der kleine Vampir“ gewesen, diese Folge von Abenteuergeschichten um die Freundschaft zwischen Kindern und einem lustigen Vampir.
Beschreibung einer spirituellen Reise
In den Besprechungen von „Ich stelle mich schlafend“ ist, wenn es um die Handlung des Romans geht, oft von einer „toxischen Beziehung“ und Gewalt gegen Frauen die Rede. Abgesehen davon, dass Deniz Ohde solche modischen Schlagwörter ungern in den Mund nimmt, korrigierte sie diese Inhaltsangabe im Gespräch und parierte Shirin Sojitrawallas Hinweis auf die verwandte Thematik etwa in Jenny Erpenbecks „Kairos“ und Terézia Moras „Muna“ mit einem Verweis auf die lange zurückliegende Erstfassung. Die Absicht, die sie mit dem Roman verfolgt habe, sei vielmehr die Beschreibung einer spirituellen Reise und geistigen Reifung gewesen. Yasemin, wie die Hauptfigur heißt, entwickele sich daher im Verlauf des Romans von einem abergläubischen, schicksalsgläubigen, von unaufgeklärten Schuldgefühlen geplagten jungen Mädchen zu einer am Ende selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Frau mittleren Alters. Auf ihr Seelenleben weist Yasemins lange unentdeckt bleibende Verkrümmung der Wirbelsäule hin. Insofern hat Deniz Ohde nach „Streulicht“ erneut einen Bildungsroman geschrieben und wieder eine Frau türkischer Herkunft in den Mittelpunkt gestellt.
Ursprünglich hätte ihr Roman nach Yasemins seit der Jugend angehimmelten Nachbarsjungen Vito heißen sollen, erzählte die Autorin im Gläsernen Foyer des Pfalzbaus. Dann aber sei sie davon abgerückt, weil Vito weder die Hauptperson sei noch sein Name auf den Kern der von ihr beabsichtigten Aussage verweisen würde. Der Titel „Ich stelle mich schlafend“ verdankt sich einer Passage des Romans, in der Yasemin bei ihrer Freundin Lydia übernachtet und ungewollt Zeugin ihrer Vergewaltigung wird. Die dabei verspürte Ohnmacht wiederum weist zurück auf die Erzählung ihrer eigenen Zeugung, wie sie ihre Eltern gern als Partywitz zum Besten gegeben haben. Dass sie ihre Existenz einer Gewalttat an ihrer sturzbetrunkenen Mutter verdanken soll, erzeugt in Yasemin ein Gefühl der Auslöschung.
Drei Szenen aus dem Roman
Deniz Ohde las drei Abschnitte aus ihrem Roman vor. Im ersten beschreibt sie, wie der knapp 14-jährigen Yasemin in der Plattenbausiedlung einer nicht näher benannten Stadt erstmals der drei Jahre ältere, hochgewachsene Vito auffällt. Schon hier lässt sich an den indirekten Hinweisen auf einen extrem narzisstischen, nur auf sich selbst bezogenen und verschlossenen Charakter das spätere Unheil erahnen: „Er hatte keinen Blick für die Dinge. Yasemin legte alles hinein.“ Die zweite Passage führte in ein Sanatorium, zu den Untersuchungen und Behandlungen ihrer Wirbelsäule, denen sich Yasemin unterziehen muss. Über Vito hält sie hier eine Freundin auf dem Laufenden, von ihrem Schwarm selbst erhält sie vier knappe SMS: „Kein Wort, das auch nur ansatzweise romantisch war.“ Und schließlich las die Autorin die Seiten über die zufällige Wiederbegegnung der Mittdreißigerin mit ihrer Jugendliebe: „Sie sammelte verstreichende Zeit, sie lebte sie nicht.“ Der Ausgang des Romans soll nicht verraten werden.