Mannheim
Das Projekt Punkakademie des Nationaltheaters zeitigt erste, witzige Ergebnisse
Was kotzt dich an? Was macht dich wütend? Leitfragen im Leben, denen Studis gerade ein Semester lang nachgehen können. Zumindest im Spaß, als musizierende Schauspieler. Mit Krach, ausdrücklich erlaubten Fehlern und drei Akkorden für die Weltrevolution. Die Punkakademie des Nationaltheaters macht gerade von sich hören. Stilecht mit Blockseminaren, wilden Konzerten und Songs wie „Frauheim“ oder „Saufen und Schoki“.
Hinter der Idee stecken das Stadtensemble sowie „glanz & krawall“, ein Musiktheater aus Berlin, das Erfahrung hat im pop-performativen Widerstand. „Wir arbeiten viel mit der freien Szene, suchen aber auch immer wieder Kooperationen mit Theaterhäusern. Um das High der Hochkultur abzubauen“, erklärt Marielle Sterra von der Künstlerischen Leitung. Seit 2014 bringen sie Formate wie Wrestling oder Circus ins Theater, inszenieren alternative Opern und Musicals in Strandbädern oder auf Schrottplätzen, verbinden Profis mit Laien.
Semestereröffnung und „Ersti“-Woche ganz klassisch im November
Eine Kooperation mit Beata Schmutz und ihrem Mannheimer Stadtensemble stand schon länger im Raum. „Dann haben wir uns in Mannheim umgesehen, was gibt es, was noch nicht?“, verrät Sterra. Mit Blick auf die Popakademie wurde klar, dass es auch eine Punkakademie geben müsste. Gerade in der Musik- und Universitätsstadt Mannheim. Im November wurde bereits die Semestereröffnung und „Ersti“-Woche gefeiert. Rund 60 Personen haben sich für die Studiengänge „Punk“ und „Kochen+“ eingeschrieben.
Wobei der Punk-Studiengang nur Frauen vorbehalten ist, beziehungsweise FLINTA, also Frauen, Lesben, Intergeschlechtlichen und Nicht-binären Menschen, Trans-Personen und Agender (geschlechtslosen) Menschen. „Auch die Punk-Subkultur ist immer noch stark männerdominiert. Wir wollen damit Sichtbarkeit erzeugen“, erklärt Sterra diesen Schritt. Punk-Studentinnen von 14 bis über 60 Jahren sind immatrikuliert. Aktuell geht es bei den Blockseminaren, also Bandproben, Workshops und vor allem Konzerten, ans Eingemachte. Wird das erlernte Wissen gleich nach außen getragen. Ins Nachtleben, in den Nebel, zu den Fans.
„Es war bombastisch“
„Es geht darum, ohne Vorwissen Krach zu machen und Gruppen zu bilden. Und es ist auch kein top-down, sondern ein voneinander lernen. Dafür fanden wir Punk ideal, eine falsche Note ist nicht schlimm“, sagt Sterra. Die Songs können schließlich anarchisch und manchmal auch völlig daneben klingen. Denn neu ist diese Erfahrung im Grunde für alle. Manche haben eine klassische Musikausbildung und mimen plötzlich die Punkröhre. Viele Teilnehmerinnen aber spielen zum ersten Mal ein Instrument und müssen erst lernen, ein paar Akkorde auf dem Bass zu zupfen.
Im Café Blau, legendäre Raucherkneipe im Jungbusch, aber wurde der ideale Raum für die erste Zwischenprüfung gefunden. Für Bass, Gitarre, Schlagzeug und Chaos. „Wo bleibt die Wut?“, „Saufen und Schoki“, „Frauheim“ oder einfach nur „Miau“ hießen die Songs der handgemachten Punkmugge. Julia Bulkescher ist nach ihrem Auftritt stolz und begeistert. In schwarzer Lederkluft mit Nieten lehnt die Darstellerin des Stadtensembles am Türrahmen und sagt: „Es war bombastisch und komplett außerhalb von dem, was ich sonst in meinem Leben mache.“
„Grenzsprengung“ und „Personenerweiterung“
Ihre jüngere Punk-Kommilitonin Lisa Rudnitska ist dagegen weniger aufgedreht. „Es war ganz cool“, antwortet sie lässig, denn sie hat bereits Band-Erfahrung. „Diese Mischung aus Profis und Laien finde ich ja das Schöne“, betont Bulkescher. Und auch Sterra spricht von „Grenzsprengung“ und „Personenerweiterung“. „Ein Konzert hat im Vergleich zum klassischen Schauspiel keine vierte Wand. Es kommt zur unmittelbaren Interaktion mit dem Publikum.“
Ein Wiedersehen gibt es schon am Samstag, 7. März, wenn die Akademie ab 20 Uhr das Punk-Herz der Stadt erobert, das wiedereröffnete Contra’N in der Werftstraße. „Es wird also noch geiler, zumal die Akademie bis in die Puppen Springbreak feiert“, wird versprochen. Der Eintritt ist frei, der „Bachelor of Punk“ allen Studis sicher. Zum Semesterabschluss (22. Juni bis 5. Juli) werden weitere Konzerte erwartet. Das Stadtensemble bereitet sich zudem auf die Premiere des Stücks „All My Life Watching America“ am 20. März vor. Mit seinen Themen und seiner dramaturgischen Ausrichtung erreiche es gezielt eine Altersgruppe, die dem traditionellen Theaterbetrieb häufig fernbleibt, heißt es. Besonders Menschen zwischen 30 und 50 Jahren fühlten sich vom Programm angesprochen.
Weitere Infos unter www.nationaltheater-mannheim.de.