Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Das Phänomen Krautrock

Guru Guru
Guru Guru

In Ludwigshafen geht im Januar zum ersten Mal ein Krautrockfestival über die Bühne. Wir erklären, was es mit dem Genre auf sich hat.

Krautrock: Eine etwas despektierliche Bezeichnung, die britische Journalisten einer (west)deutschen musikalischen Bewegung der frühen 1970er Jahre gaben: psychedelisch, avantgardistisch, individuell, aber auch geschlossen im experimentell-revolutionären Ansatz. Von den Bands wurde der Begriff zunächst abgelehnt, dann als eine Art Marke akzeptiert. Oder, wie es Mani Neumaier von Guru Guru sagt: „Krautrock: Das kann ja auch das Kraut sein, das man raucht.“

Mani Neumaier ist bis heute Kopf der 1968 gegründeten Guru Guru, ein Jazzschlagzeuger, der mit seiner Band die Gefilde des Psychedelischen, des Spacigen, der Weltmusik durchschreitet. Und sich verdient gemacht hat, das Erbe weiterzutragen: von 1976 bis 2018 leitete er das Finkenbach-Festival, wo Krautrockveteranen mit neuen Bands zusammentreffen. 2025 nahmen Guru Guru an dem Festival wieder teil – ein Treffen Gleichgesinnter im Odenwald; wobei Guru Guru schon wegen des langjährigen, 2016 verstorbenen Gitarristen Hans Reffert als Ludwigshafener Lokalmatadoren gelten können. Im Kulturzentrum Das Haus werden sie am 17. Januar beim 1. Ludwigshafener Krautrockfestival auftreten, zusammen mit Kraan, Jane und Epitaph. Womit die Vielfalt des Krautrocklabels wirklich erlebbar wird.

Im Ausland gefragt

Kraan, 1970 in Ulm gegründet, legt Hardrock mit mitreißenden Bassriffs vor, jazzbeeinflusst und sehr cool – das Album „Kraan Live“ von 1975 war WG-Standardausstattung. Jane spielt seit 1970 psychedelischen Artrock, vergleichbar mit den frühen Pink Floyd, Epitaph geht schon in Richtung Blues – allen sind die ausgedehnten jam-artigen Arrangements gemein.

Mit diesem Line-up bringt das Ludwigshafener Festival Rockmusik in unterschiedlicher Form auf die Bühne – wobei Krautrock beispielsweise auch den Folk von Peter Burschs Bröselmaschine umfasst, die Elektronikkünstler von Tangerine Dream oder Kraftwerk, die frei improvisierenden Embryo oder Amon Düül, die kosmischen Weltmusiker von Popol Vuh oder die Klangexperimente der Stockhausen-geprägten Can.

Die Geburtsstunde

Die Geburtsstunde des Krautrock schlug bei den Internationalen Essener Songtagen 1968, als erstmals die deutsche Rockmusik ein großes Forum bekam – Guru Guru waren damals schon dabei, auch Amon Düül, Tangerine Dream oder Floh de Cologne, neben Frank Zappas Mothers of Invention oder Franz Joseph Degenhardt. Der deutschen (Rock)Musikwelt wurde bewusst, dass etwas Neues entstand, entstehen musste – als Gegenpol zur altdeutschen Volkstümelei und zum Schlagerbrei der Radiostationen.

Orientierung fanden die deutschen Gruppen in der zeitgenössischen Rockmusik des angelsächsischen Raums – aber auch bei der deutschen Zwölftonmusik und im Free Jazz. So dass die im Rock ’n’ Roll obligatorische Bluesstrukturen hinfällig wurden und diese Freiheit eine andere Art der Rockmusik ermöglichte. Eine individuelle Rockmusik dieser Bands, die sich dennoch auch als eine gemeinsame Bewegung verstanden. Festivals waren nicht nur Veranstaltungen für Fans, sondern wichtige Treffpunkte zur Vernetzung.

Das internationale Interesse am Phänomen Krautrock war schon immer groß – vielleicht größer als hierzulande. Die avantgardistischen Can oder die Elektronikpioniere von Kraftwerk galten schon in den 70ern im angloamerikanischen Raum als enorme Innovatoren zeitgenössischer Musik, mit dementsprechendem Erfolg. Doch änderte sich die Idee des Zeitgenössischen – und in Deutschland löste sich die krautige Musik im Deutschrock und in der Neuen Deutschen Welle auf, überlebte allenfalls unter dem Radar.

Seit einigen Jahren erlebt dieses deutsche Musikgenre neue Aufmerksamkeit; das geht sicherlich einher mit nostalgischen Gefühlen, aber auch mit einer Sehnsucht nach authentischer, handgemachter Musik, wie ja auch Vinyl oder Analogfotografie wieder vermehrt Freunde finden.

Im „Elektrolurch“, Guru Gurus fantasievoll arrangiertem Markenzeichen-Song seit 1974, in dem Mani Neumaier mit absurder Maske seinen theatralischen Schalk ausspielt, heißt es in einer Textzeile: „Was macht ihr eigentlich, wenn ihr einmal älter seid?“ Die Antwort gibt es am 17. Januar beim Krautrockfestival in Ludwigshafen.

Info

Erstes Krautrockfestival am Samstag, 17. Januar, ab 17 Uhr, in Das Haus, Ludwigshafen. Karten bei reservix.de.

Kraan
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