Gerolsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Das Geschäft mit dem Spargel: Gerolsheimer Direktvermarkter berichten

Seit etwa zwei Wochen und bis zum 24. Juni wird in der Pfalz Spargel gestochen.
Seit etwa zwei Wochen und bis zum 24. Juni wird in der Pfalz Spargel gestochen.

Spargel lässt Genießerherzen höher schlagen. Doch der kostenintensive Anbau des Gemüses geht zurück. Zwei Gerolsheimer Betriebe aber bleiben – buchstäblich – bei der Stange.

Einen Rückgang der deutschen Spargelproduktion um 8,5 Prozent innerhalb von zehn Jahren hat gerade das Statistische Bundesamt vermeldet. Und der Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) hat für den gleichen Zeitraum diese Zahlen veröffentlicht: 40 Prozent weniger Betriebe, elf Prozent weniger Anbaufläche und 35 Prozent weniger Flächen, die nicht im Ertrag sind. Die letztgenannte Zahl ist signifikant, denn sie bedeutet, dass es im Vergleich zu 2015 weitaus weniger Äcker gibt, auf denen Spargelpflanzen gesetzt wurden, damit sie nach zwei Jahren Wachstum Ertrag bringen. Verbandsgeschäftsführer Simon Schumacher spricht von einem Strukturwandel, und der sei im Südwesten größer als im Norden.

Auch der Gerolsheimer Spargel- und Erdbeerhof Dirk Schreiber hat seine Anbaufläche verringert, derzeit stehen 20 Hektar im Ertrag. Als Grund nennt Sarah Schreiber, dass sich ihr Mann Dirk und sie noch mehr auf die Direktvermarktung konzentrieren, also keine zusätzlichen Mengen für den Handel erzeugen wollen. „Wir waren auch noch nie ein Betrieb, der für den Großhandel produziert hat“, sagt sie. Vielmehr wende man sich an den Endverbraucher und die Gastronomie. Bis zum 28. Juni werden im vor zwei Jahren neu gebauten Hofladen im Falterweg täglich von 7 bis 19 Uhr Spargel verschiedener Sortierklassen zum Preis von laut Schreiber circa zehn bis 20 Euro angeboten. Außerdem ist der Betrieb mit mehreren Verkaufsstellen in der Region präsent.

Das Spargel- und Weingut Herbert Müller am östlichen Ortseingang von Gerolsheim in der Hauptstraße hat ab Samstag fast die gleichen Öffnungszeiten (ab 8 Uhr). Seine Stangen gehen auch an Wochenmarkthändler und den Lebensmitteleinzelhandel. Müller weiß, dass der Spargelabsatz bei Discountern rückläufig ist, und hat den Anbau ebenfalls leicht eingeschränkt.

Bislang optimales Wetter

In der Region Frankenthal-Grünstadt sei die Nachfrage aktuell gut, „die blühenden Blumen überall machen den Leuten Lust auf das Frühlingsgemüse Spargel“, sagt Sarah Schreiber. Wie alle Spargelbauer freut auch sie sich über das optimale Wetter im vergangenen Sommer (trocken) sowie im Herbst und Winter (feucht). Ihr weiterer Wunsch an den Wettergott: „Es sollte langsam warm werden ohne große Temperatursprünge und mit etwas Regen.“

Das ist der nahe liegende Aspekt, wenn es darum geht, die Herausforderungen im Spargelanbau zu beschreiben. Klar, dass Landwirte auf das für ihr Produkt geeignete Wetter angewiesen sind, damit Ernteausfälle ausbleiben. VSSE-Sprecher Simon Schumacher erinnert aber an den ebenso gefürchteten Fall, dass super Witterungsbedingungen zur Überproduktion führen und der Markt zusammenbricht – so geschehen beim Spargel im Jahr 2018. Danach seien recht viele aus dem Anbau ausgestiegen. Denn ein Preisverfall tue natürlich erst recht weh bei einem Gemüse, das nur mit hohen Kosten produziert werden kann.

Um Spargel zu ernten, zu sortieren und direkt am Betriebsort zu verkaufen, bedarf es bei Schreibers einer hundertköpfigen Mannschaft, welcher der kürzlich auf 13,90 Euro gestiegene Mindestlohn zusteht. Nächstes Jahr wird dieser bei 14,60 Euro liegen. Schreiber spricht von einer Verdoppelung der Lohnkosten in den vergangenen zehn Jahren. „Und das spiegelt sich nicht in den Preisen wider.“ Sie wünscht sich, dass die Verbraucher das in ihrer Wertschätzung für den heimischen Spargel berücksichtigen. Herbert Müller ist gespannt, wie sich die schwindende Kaufkraft auf das Verhalten der Verbraucher beim Luxusgemüse Spargel auswirken wird.

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Verbandschef Schumacher weist auf die Konkurrenz aus dem Ausland hin sowie auf Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für Erntehelfer. „Kamen die Saisonkräfte früher aus Polen, so sind es heute zu 80 bis 90 Prozent Rumänen. Und die reisen gern wieder frühzeitig heim, sobald sie genug Geld verdient haben.“ Das Ehepaar Schreiber setzt seit Corona auch auf deutsches Personal und ist stolz auf den harten Kern der Beschäftigten. Familie Müller bekommt Hilfe von 70 bis 80 Saisonarbeitern, hauptsächlich aus Rumänien. Laut dem Seniorchef ist heute die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung die Regel – „eine teure Angelegenheit“.

„Damit gute Arbeitskräfte an den Spargelbetrieb gebunden und andauernd beschäftigt werden können, müssen sich die Betriebe stärker diversifizieren“, sagt der Interessenvertreter Schumacher. Deshalb sei zum Beispiel die Kombination mit dem Erdbeeranbau sinnvoll, „auch um die Kosten der Saison auf zwei Kulturen zu verteilen“. Schreibers praktizieren diese Kombi, bauen darüber hinaus aber auch noch Johannisbeeren, Melonen, Trauben, Kartoffeln und etliche Gemüsesorten an. Herbert Müller, verdient sein Geld mit den drei Hauptkulturen Spargel, Kartoffeln und Wein und kauft Gemüse für den Hofladen zu. Ob das auf lange Sicht so bleiben wird? „Das muss die nächste Generation entscheiden“, sagt er.

45 Jahre Aussiedlerhof, das wird gefeiert

Die Angebotsvielfalt im neuen Holzhaus ist für Schreibers ein wichtiger Baustein dafür, dass der 1950 gegründete Familienbetrieb eine Zukunft hat. „Das ist das Vermächtnis meiner Schwiegereltern Hannelore und Hans-Dieter Schreiber, die 2023 kurz hintereinander verstorben sind“, sagt Sarah Schreiber. Ihnen zu Ehren wird das 45-jährige Bestehen des Aussiedlerhofs mit Verkaufsstelle als Firmenjubiläum gefeiert. Für den gesamten Jahresverlauf haben sich Dirk Schreiber und seine Frau Aktionen für ihre Kunden einfallen lassen.

Wehmut mischt sich in die Marketingkampagne. „Spargelbauer ist der schönste Beruf auf der Welt“, sagt Sarah Schreiber, aber die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet sie mit Sorge. Fehlende Anerkennung ist ohnehin ein großes Thema in der Landwirtschaft. Schreiber scheint es, als gehe „das Bewusstsein für das Herzblut und die Leidenschaft, die Bauern in ihre Arbeit stecken“, zunehmend verloren.

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