Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Blinder Kampfkunstmeister unterrichtet Menschen mit Handicap

Marita Paul aus Oggersheim spielt die Angreiferin. Trainer Marco Beyer löst sich aus ihrer Umklammerung.
Marita Paul aus Oggersheim spielt die Angreiferin. Trainer Marco Beyer löst sich aus ihrer Umklammerung.

Schmerzenslaute und Lachen – beides schallt am Samstag durch die Sporthalle im Petersgartenweg. Ein blinder Kampfkunstmeister zeigt, wie sich Menschen mit Handicap verteidigen können. Die verblüffende Erkenntnis der acht Teilnehmer: Nicht auf Kraft kommt es an, sondern auf Physik.

Studien zeigen: Menschen mit Beeinträchtigung sind bis zu viermal häufiger von Gewalt betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Und die Dunkelziffer ist hoch. Wie kann man sich aber wehren, wenn der eigene Körper nur eingeschränkt funktioniert? Marco Beyer muss es wissen. Der als 27-Jähriger nahezu vollständig Erblindete beherrscht die japanische Selbstverteidigungskunst Taido Ryu JuJutsu. Da diese Technik zu 80 Prozent auf Körperkontakt basiert, ist sie geeignet für behinderte Menschen. Nach eigener Aussage besitzt Beyer als weltweit einziger Blinder den schwarzen Gürtel in dieser Sportart. Und er unterrichtet sie, „weil zur Inklusion nicht nur kostenlose Bahnfahrten für Behinderte gehören“, wie er vor der Veranstaltung betont. „Notwehr muss für alle möglich sein.“ Zu einem von der kommunalen Behindertenbeauftragten organisierten Kurs ist er nun bereits zum zweiten Mal nach Frankenthal gekommen.

Der hochgewachsene Trainer erscheint im Gi, dem schwarzen Kampfsportanzug, auf dem ein Blindenabzeichen zu sehen ist – der gelbe Kreis mit drei schwarzen Punkten. Blindenführhund Ringo darf sich jetzt vier Stunden ausruhen. Das kennt er schon – sein Herrchen gibt bundesweit Seminare, sogar bei der hessischen Bereitschaftspolizei. Auf Gymnastikmatten gibt Beyer praktische Tipps, wie die Teilnehmer im Notfall ihre Haut retten können. Die Übungen sind anstrengend, jede Stunde gönnt der Trainer den sieben Frauen und einem Teenager eine Pause.

Stöhnend in die Knie

Der durchtrainierte 48-Jährige ist seit dem Kindesalter mit Kampfsport und -kunst wie Aikido, Karate, Taekwondo, Boxen, Ninjutsu und Kung Fu vertraut und läuft Marathon. Neuland für die Besucher. Macht aber nichts: Nicht auf dicke Arme komme es an, sagt der Referent. „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln“, zitiert er Archimedes und demonstriert das Hebelgesetz am lebenden Objekt. Der fixe Gegenpunkt ist der eigene Körper, die Energie des Angreifers wird genutzt. Der elfjährige Julian spielt den Täter, der Beyer die Hand zur Begrüßung reicht. Der Trainer nimmt jedoch nur die Finger des Jungen, dreht sich seitlich weg und legt den Fingerhebel an.

Julian soll versuchen, Marco Beyer zu schlagen. Der blinde Kampfkunstmeister verhindert dies – er hat Kontrolle über die Arme de
Julian soll versuchen, Marco Beyer zu schlagen. Der blinde Kampfkunstmeister verhindert dies – er hat Kontrolle über die Arme des Angreifers.

Nun packt Julian den Trainer mit am rechten Unterarm und will ihn zu sich zerren. Beyer wandelt die Zugkraft um in eine Drehung: „Jetzt bin ich frei.“ Brutal wirkt dieselbe Übung, als er Julians Unterarm mit der Handkante fixiert und nach unten drückt. Stöhnend geht Julian in die Knie. Beyer erklärt, das Training müsse etwas wehtun. „Es ist nicht darauf ausgelegt, jemanden kaputt zu machen. Sondern sich zerstörungsfrei zu wehren. Das funktioniert nur über Kontrolle deines Gegenübers. Und Kontrolle geht über Schmerz.“ Auch die Mitarbeiterin der RHEINPFALZ will’s wissen und rückt dem Kampfsportler auf den Pelz. In Sekundenschnelle muss sie kapitulieren, autsch.

Nähe zum Angreifer suchen

Transportgriff, Abwehr von Umklammerung und Würgeabwehr – hinter allen Techniken stecken komplexe Bewegungsabläufe. Die Teilnehmer üben sie in Zeitlupe – ein bisschen wie im Tanzkurs, wenn die Choreographie erst allmählich klappt. Doch es geht nicht nur darum, dass der Handgriff sitzt und die Beinarbeit stimmt. Auch im Kopf muss sich was bewegen. Keiner der Teilnehmer hat bislang Gewalt erlebt. „Ihr müsst das tun, was der andere nicht erwartet. Und ihr müsst in ihn reingehen.“ Also nicht dem Impuls der Flucht nachgeben, sondern Nähe zum Angreifer herstellen. „Eine hohe Herausforderung, dazu muss man sich überwinden“, meint Beyer, der als Erwachsener nur einmal angegriffen wurde, sich aber bis heute daran erinnert.

Marco Beyer kontert den Angriff der Frankenthaler Behindertenbeauftragten Bastienne Bischof.
Marco Beyer kontert den Angriff der Frankenthaler Behindertenbeauftragten Bastienne Bischof.

Der Kurs wirft viele Fragen auf, die der Trainer geduldig beantwortet. Von zehn Angreifern seien im Schnitt neun Rechtshänder, informiert Beyer. „Sie täuschen mit links an und schlagen mit rechts zu.“ Vor Aggressoren unter Drogeneinfluss warnt er, da ihr Schmerzempfinden stark eingeschränkt ist. Dennoch gebe es Körperstellen, an denen auch eine betäubte Person extrem empfindlich ist – Kehlkopf, Augen, Genitalbereich. Stellenweise wirkt die Veranstaltung wie die polizeiliche Gewaltprävention, es geht darum, Konfrontationen möglichst zu vermeiden. Indem das potenzielle Opfer Passanten gezielt um Hilfe bittet oder Aufmerksamkeit mit einem ganz bestimmten Schlüsselwort auf sich zieht: „Wenn ihr „Feuer„ ruft, reagieren die Leute instinktiv, die Angst vor Bränden ist tief verankert.“

„Es braucht viel Übung“

Die Stimmung ist teils beklommen – es geht schließlich um Situationen, die jeder fürchtet. Zu lernen, jemandem wehzutun, fällt nicht so leicht. Teilweise wird gelacht, um Hemmungen zu überwinden: vor dem engen Körperkontakt und der Aggressivität, ohne die nicht gekämpft werden kann. Verblüfft ist Beyer über die Energie der bislang ältesten Teilnehmerin seiner Laufbahn: Eine 86-jährige schwerhörige Frankenthalerin steht heute auf der Matte und landet sogar einen Treffer bei ihm.

Eine Herausforderung für alle ist das Tragen von Simulationsbrillen, die die Sicht einschränken wie bei bestimmten Augenkrankheiten – vom unscharfen Sichtfeld bis hin zu punktuellem Sehvermögen. Die Teilnehmer berichten dabei vom starken Gefühl der Unsicherheit oder Angst. Beyer ist auf einem Auge komplett blind, auf dem anderen kann er zwischen hell und dunkel unterscheiden. Dass sich einer wie er im Notfall behaupten kann, macht Mut. Das Fazit nach dem Kurs: Man habe viel gelernt. Für eine wirksame Selbstverteidigung reiche das aber nicht aus. Beyer nickt: „Dafür braucht es viel Übung.“ Das bietet er in seiner Schule in Marburg an, die Blindai Do heißt. Wer vor Ort ein ähnliches Angebot sucht, müsse schon nach Schifferstadt, ins Takemusu Aikido. Oder sich bei örtlichen Vereinen umschauen.

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