Handball
Beispielhafte Inklusion bei Gehörlosen-EM in Frankenthal
Georg „Schorsch“ Zöller hat schon viel erlebt. Als Spieler, aber auch als Co-Trainer der deutschen Mannschaft. Deshalb kommt der 54-jährige nicht so schnell aus der Ruhe. Das ist jetzt etwas anders. Der Maschinenbautechniker ist bei der Handball-Europameisterschaft der Gehörlosen der Dreh- und Angelpunkt in der Organisation. Aber er will keinesfalls im Mittelpunkt stehen. Denn der Südpfälzer aus Kirrweiler, der wie viele von Geburt gehörgeschädigt ist und auch die Schule in Frankenthal besucht hat, lobt vielmehr den Fleiß der engagierten Helferinnen und Helfer, die fast täglich im Einsatz sind.
Ob im Verpflegungsteam, im Fahr- und Transportdienst, bei den Einlaufkindern, den Ehrungen nach jedem Spiel, aber auch als Wischer und im Spielbetrieb. „Ohne diese vielen ehrenamtlichen Helfer wäre das nicht möglich“, sagte Zöller erleichtert. Dass es da und dort mal Probleme gab, daraus macht er kein Geheimnis. Stichworte: Abdunklung der Fenster bei Sonneneinstrahlung, Verpflegung der Mannschaften im Gehörlosenzentrum oder einiges mehr. Die gleichzeitige Ausrichtung des Sportfestes mit über 2500 Teilnehmern in der Stadt machte die Aufgabe nicht leichter. Es ist für ihn die Premiere, als OK-Chef und es ist auch der Probelauf für die Weltmeisterschaft in zwei Jahren an gleicher Stätte.
Mülltüten und Kalender
Darüber macht er sich (noch) keine Gedanken. Er packt selbst mit an, beklebt und „verdunkelt“ mit Mülltüten und großflächigen Kalendern die Fenster wegen den fehlenden Rollos vor dem Sonnenlicht. Ein Störfaktor bei der Sicht auf dem Spielfeld, der bei Partie zwischen Kroatien und Deutschland bemerkbar wurde. Das war aber nicht der Grund für die 22:32 (8:15)-Niederlage der Mannschaft von Bundestrainer Alexander Zimpelmann. Die Sieben um Kapitän Dominik Götz fand vor über 300 Zuschauern weder in der Abwehr noch im Angriff zur Normalform.
Da litt auch „Schorsch“ Zöller mit und machte sich Gedanken, was zu verbessern gilt. Hendrik Mitschke und Simon Zöller sind ihm da seine beiden unverzichtbaren Helfer. Zu diesen gehören auch die Unparteiischen vom Pfälzer Handballverband (PfHV), die beispielhaft das Miteinander vorleben. Sie holten auch ihre Kameraden aus den Nachbarverbänden Rheinhessen, dem Rheinland und dem Saarland mit ins Boot. Aus Luxemburg reisten sogar Tomi Dilber und Luca Stock an, die beiden Young-Referee an, die für internationale Partien bei der EHF (European Handball-Federation) ausgebildet werden. Möglich machte dies Markus Altmann, der Schiedsrichterwart des PfHV, der mit Thorsten Kuschel, einen aktuellen sowie Ralf Damian einen ehemaligen Schiedsrichter des Elite-Kaders des DHB sowie mit Anke Kern und Nina Leydecker ein international erfahrenes Zeitnehmer/Sekretär-Duo nach Frankenthal lotste.
Fairplay geht vor
Sie stehen alle für beispielhafte Inklusion im Handball. Das beeindruckte auch Jonny Gustavsson, Sportdirektor der European Deaf Sport Organisation (EDSO). Der 60 Jahre alte Schwede, selbst 1989 Deaflymipcs-Sieger, hatte diesmal wenig auszusetzen. Noch vor einem Jahr bei der WM musste er einen Spieler wegen unsportlichen Verhaltens noch vom Turnier ausschließen. Das war bisher nicht der Fall. Fairplay steht klar im Mittelpunkt. Und die Zeitstrafen halten sich deutlich in Grenzen. Es ist ein Miteinander aller, unabhängig vom sportlichen Erfolg.
„Man kommt immer wieder gerne zusammen“, sagte Kroatiens Teammanager Mario Lusic, dessen Sohn Oliver auch Kapitän der Mannschaft ist. Sie waren es auch, die Frankenthal ermutigt haben, das Projekt EM nach dem Rückzug der Türkei anzugehen. So standen die bisherigen EM-Tage auch im Zeichen der Völkerverständigung der Fans aus den verschiedenen Lagern.
Halbfinals am Freitagabend
Nicht nur die lautstarken kroatischen Fans fielen auf, auch die kleine Gruppe der Blues sang ebenso laut der Hymnen mit, während die Spieler gestikulierend diese zeigten. Nach dem Feiertag, wo der Startschuss für das Sportfest des DGSV, das bis Sonntag dauern wird, fiel, geht es heute mit den beiden Halbfinal-Paarungen weiter. Die deutsche Mannschaft trifft um 19 Uhr auf Frankreich. Zuvor stehen sich um 16 Uhr Serbien und Kroatien gegenüber. Mit einem Sieg und dem Einzug ins Finale hat die deutsche Mannschaft das Ticket für die Deaflympics, den Olympischen Spielen der Gehörlosen im kommenden Jahr in Tokio sicher.