Frankenthal Ansichtskarten erzählen Geschichte: Reizvoller Blick durch die Stadttore
Der Blick durch Fenster, Türen oder Tore hat oft etwas Reizvolles. Viele Beispiele aus der Malerei und der Fotografie lassen sich anführen. Die Sammlung alter Frankenthaler Postkarten umfasst etwa 160 verschiedene Ansichtskarten der beiden Stadttore, von denen 97 das Wormser Tor zeigen. Auch der Blick durch die Tore, die aus der kurfürstlichen Zeit in die Gegenwart gerettet wurden, diente einige Male als Motiv.
Früher wurden das Speyerer und das Wormser Tor noch – anders als heute – vom Durchgangsverkehr stadteinwärts genutzt. Allerdings war dieser Verkehr noch recht moderat, sodass Fotografen meist eine passende Gelegenheit fanden, ihre Arbeit ungestört durchzuführen.
Der Blick durch das Speyerer Tor galt als weniger interessant. Auf dem einzigen bekannten Ansichtskartenbeispiel sind es vor allem die Personen im Vordergrund, die das Bild verschönern. Insgesamt neun Personen nutzten die Gelegenheit, sich im Vordergrund aufs Bild zu „mogeln“ und füllen damit fast die gesamte Straßenbreite aus.
Blick bis Dreifaltigkeitskirche
Die Sicht durch das Wormser Tor ist zweifellos interessanter. Von hier aus reicht der Blick bis ins Stadtzentrum, wo die Dreifaltigkeitskirche markant ins Bild ragt. Auch die Häuserfassaden bieten mehr Abwechslung. Auf der rechten Seite ist vorne das Carl-Theodor-Haus an der Ecke zur Schnurgasse zu sehen. Zwei Häuser weiter, in Richtung Stadtmitte (Wormser Straße 29), steht das Möbelhaus der Gebrüder Julius und Walter Abraham, das mit seiner Höhe die Straßenzeile dominiert. Philipp Mappes, Maler und Tüncher, nutzte die Seitenfassade des Gebäudes, um für seinen Betrieb zu werben, der sich im hinteren Teil des Grundstücks bis zur Schnurgasse (ehemals Sedanstraße) erstreckte.
Noch ohne Autoverkehr
Die auf einer Ansichtskarte aus dem frühen 20. Jahrhundert festgehaltene Fotografie zeigt naturgemäß noch keinen Autoverkehr. Im Tordurchgang ist das Kopfsteinpflaster gut zu erkennen, das damals auf den Straßen der Stadt allgegenwärtig war. Wer heute bei Regenwetter – vielleicht sogar mit Stöckelschuhen – über den Rathausplatz läuft oder sich als Autofahrer über Bremsschwellen in der Wormser und August-Bebel-Straße ärgert, sollte sich vergegenwärtigen, dass unebener Straßenbelag bis in die 1930er-Jahre der Normalzustand war. Die Asphaltierung der Straßen begann erst danach allmählich.
Ein Blick in die 1950er-Jahre zeigt die Wormser Straße dann im asphaltierten Zustand mit Autoverkehr. Die Aufnahme ist nach 1955 entstanden, denn mit einer Lupe lässt sich im Hintergrund, direkt neben der Fassade der Dreifaltigkeitskirche, die Heuer-Ampel erkennen. Diese wurde erst Ende 1955 über der Kreuzung angebracht.
Noch Lücken aus dem Weltkrieg
Die Häuserreihen an der Wormser Straße waren zu dieser Zeit noch durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Die entstandenen Ruinen und Lücken wurden erst bis Anfang der 1960er-Jahre beseitigt und durch Neubauten ersetzt. Mit der Einrichtung der Fußgängerzone und des verkehrsberuhigten Bereichs mit Einbahnstraßenregelung zwischen Wormser Tor und Rathausplatz wurde auch eine Begrünung durch Blumenarrangements und flankierende Bäume vorgenommen.
Seit 70 Jahren gibt es jedoch keine Ansichtskarten mehr, die einen solchen Blick durch die Stadttore zeigen.
Die Serie
Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte. rhp


