Frankenthal Anekdoten und ein verhinderter Theaterskandal

Einen opulenten Bildband schenkt die Nibelungenfestspiele GmbH ihrem scheidenden Intendanten Dieter Wedel. Künstler, Förderer und andere Wegbegleiter besingen darin „Das Wunder von Worms“, so der Buchtitel. Es sind wohlwollende Worte des Lobes auf den Regisseur, der die Festspiele in 13 Jahren zu „höchsten Höhen“ (Peter Weck) geführt habe: Manche verlieren sich in Allgemeinplätzen, andere zeigen sich ehrlich berührt.

Zu finden sind in dem großzügig bebilderten Buch auch kleine Enthüllungen, etwa über die Art der Zusammenarbeit zwischen Wedel und dem berühmten israelischen Dramatiker Joshua Sobol. „Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß“: Wäre es nach Sobol gegangen, so hätten die Wormser 2011 wohl ein Stück zu sehen bekommen, das in einem fiktiven islamischen Staat spielt. „Jo Süß“ wäre ein israelischer Waffenhändler gewesen, „der sich mit der Regierung überworfen hatte und aus Rache mit einem radikal-islamischen Monarchen Geschäfte machte“. Das zumindest erzählt Wedels Assistent Joern Hinkel über die Entstehungsgeschichte der Inszenierung. „Ein kraftvolles, demagogisches Stück, das polarisierte“, schreibt Hinkel im Wedelbuch. Damit hätte man in Worms womöglich in der Tat einen Theaterskandal angezettelt, wie ihn Sobol schon 1988 mit der Uraufführung seines Stücks „Das Jerusalem Syndrom“ über die extreme Rechte in Israel heraufbeschworen hat. Ein Knesset-Abgeordneter hatte Sobol damals nahegelegt, sich umzubringen – „zum Nutzen aller“. Zu diesem Skandal kam es bekanntlich nicht. Das Manuskript wurde abgelehnt: „Für eine Aufführung vor dem Wormser Dom völlig ungeeignet“, so Hinkel. Sobol habe die Kritik gelassen hingenommen und ein völlig neues Stück geschrieben. Und als auch die dritte und vierte Version beim Intendanten der Nibelungen-Festspiele nicht ankam, habe Wedel selbst Hand angelegt. Vor allem habe dieser die Geschichte in ihrem historischen Kontext belassen wollen. Assoziationen zur Gegenwart sollten der Fantasie des Zuschauers überlassen bleiben. Assoziationen, wie sie drei und vier Jahre später bei der Aufführung die Erkenntnisse über die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) nahelegten. Auch andere nicht oder wenig bekannte Erlebnisse hinter den Kulissen sind im „Wunder von Worms“ versammelt. So schreibt der Autor Moritz Rinke über seine Arbeit an den Stücken „Die Nibelungen“ (2002), „Siegfrieds Frauen“ (2006) und „Die letzten Tage von Burgund“ (2007): „Das Wormser Publikum verehre ich seit diesem großen Sommer 2002, es war ja meine erste Feuertaufe vor einem so riesigen Publikum“, erzählt der junge Dramatiker, der Respekt vor dem Stoff und dem großen Dom offenbart, an dem er gewachsen sei. Und er schreibt von der Gratwanderung zwischen Spektakel und intensiver Auseinandersetzung – und dass er sich diese kammerspielartig zurückgeholt habe. Auch sein Autorenkollege John von Düffel zeigt sich beeindruckt: „Wer den Nibelungen-Mythos in Worms vor dem Dom spielt, der begegnet Gewalten – den Naturgewalten und Weiten unter freiem Himmel, der Gewalt der Geschichte, der archaischen Kraft der Figuren, den dunklen Rätseln des Mythos.“ Der Wormser Kulturbeigeordnete Gunter Heiland (SPD) wiederum scheint ganz ergriffen vom Glanz der Festspiele, wenn er davon schreibt, wie Oberbürgermeister Michael Kissel (SPD) Dieter Wedel als Intendanten gewonnen hat: Flüge nach Mallorca, Termine im Golfclub und schließlich das fast konspirativ hinter einer Stellwand im Roxheimer Restaurant Seehotel anberaumte Treffen. Erfrischend hingegen, wie die Schauspielerin Meret Becker ihre anfänglichen Vorbehalte gegen die Nibelungen schildert: „Brünhild und Siegfried, das alles ließ mich immer an dicke blonde Zöpfe und große Möpse denken, an Wagner, Größenwahn und Nazis, Deutschtum – alles zum Weglaufen!“ Gerade der studierte Historiker Wedel sei es gewesen, der sie dann für das Mittelalter entflammt habe: „Er erzählt so eindrücklich und facettenreich, dass man die Dinge vor sich sehen kann, wie in einem spannenden Film.“ Es gibt Beiträge von dem Publizisten Matthias Matussek, den Regisseuren Gil Mehmert und Karin Beier sowie vom früheren ZDF-Intendanten Markus Schächter, der rekapituliert, wie er die Ü-Wagen zum technischen Rettungseinsatz bei den ersten Nibelungen-Festspielen nach Worms schickte. Der Leser gewinnt Einblicke in Bühnenbild, Kostüme, Maske, Kameraarbeit und Technik. Und zwischen die Beiträge sind Grußworte eingestreut: vom ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), von dem früheren Oberbürgermeister Gernot Fischer (SPD), dem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur Hans-Werner Kilz oder der Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff. Sehr persönlich ist die Verbeugung von Pressesprecherin Monika Liegmann vor ihrem Chef. Wedel selbst rekapituliert in einem langen Interview seine 13 Jahre in Worms. Schauspieler schildern Begegnungen mit dem als Tyrannen verschrienen Wedel, rühmen ihn als „Naturereignis“ oder erinnern sich an einen „Jahrmarkt der Unwägbarkeiten“ unter freiem Himmel: Christoph Maria Herbst etwa, Götz Schubert, Christian Quadflieg, Jasmin Tabatabai, Peter Striebeck, Markus Majowski, Ilja Richter, Walter Plathe, André Eisermann. So richtig aus dem Nähkästchen aber plaudert niemand. Doch das Buch soll ja auch eine Hommage an Wedel sein.

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