Worms
„Ambivalent und dunkel“: Schauspieler Thomas Loibl ist der Hagen bei den Nibelungenfestspielen
„Der Diplomat“, von Günter Senkel und Feridun Zaimoglu eigens für die Wormser Bühne verfasst, schreibt die vertraute Nibelungensage fort. „Wir beginnen nach dem Tod Siegfrieds, der aufgebahrt immer noch die Szene bestimmt“, führt Thomas Loibl in das neue Stück ein, das am 12. Juli Premiere feiern und an 16 Abenden gespielt werden wird. „Es ist noch nicht lange her, dass Hagen die Lanze durch Siegfrieds Schulterblätter stach“, umschreibt der 55-jährige Schauspieler den Zeitpunkt, an dem das Historiendrama einsetzt.
Hagen, der „verfluchte Eber“
„Sein“ Hagen von Tronje war es, der den überlegenen Helden und Drachentöter Siegfried hinterlistig an dessen einzig verwundbarer Stelle getroffen und so getötet hat. „Er ist der verfluchte Eber, der diesen Edlen zerfleischt'“, wie es in Richard Wagners berühmter Oper „Götterdämmerung“ heißt. Wie in der Nibelungensage sei Hagen auch in der Forterzählung „eine ambivalente und dunkle Figur“, bekräftigt sein Darsteller und führt weiter aus, in welchem Umfeld sie in „Der Diplomat“ agiert.
„Hagen zeigt sich als konservativer Bewahrer Burgunds“, sagt er. Das Reich sei „einerseits bedroht durch den Hunnenkönig Etzel, der über seinen Boten und Brautwerber Dietrich an den Hof in Worms kommt, andererseits vom römischen Kaiser, der wiederum von seinem Boten Sibich vertreten wird“. Das seien gleichsam zwei mächtige „Mühlsteine“, derer die Burgunden sich zu erwehren hätten. Hagen übernehme in dieser schwierigen Lage die Position eines Politikers und Machers, der die verträglichsten Strategien zu entwickeln versuche. „Wir werden sehen, was da am Ende übrig bleibt“, deutet der Münchener Schauspieler den Ausgang des Geschehens kaum an.
Loibl begann sehr früh mit der Schauspielerei
Geboren wurde er 1969 in der kleinen Gemeinde Brüggen am Niederrhein, ganz dicht an der niederländischen Grenze. Nachdem er bereits im Alter von zehn Jahren Mitglied einer Laienspielgruppe wurde, um Theater zu spielen, absolvierte er die Schauspielschule in Bochum.
Er hatte Engagements am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Volkstheater München, am Schauspielhaus Zürich oder dem Staatstheater Stuttgart, bevor er über Jahre festes Ensemblemitglied am Münchener Residenztheater wurde. In München, wo er seitdem zu Hause ist, begann er auch seine Karriere im Film und Fernsehen, die ihn bundesweit bekannt machte. So dass er, neben der Bremer „Tatort“-Kommissarin Jasna Fritzi Bauer, in dieser Saison der prominenteste Akteur am Wormser Dom sein wird.
Obwohl Thomas Loibl immer noch fleißig Theater spielt, war er in mittlerweile rund 75 unterschiedlichen Rollen auf den Leinwänden und Bildschirmen zu sehen. Besonders eindrücklich und erinnerlich als charismatischer Guru Prem Bramana in der Kinokomödie „Sommer in Orange“, als Direktor Bernhard Spinola in der ersten Staffel der Krankenhausserie „Charité“, als Nazi-Staatssekretär im herausragenden ZDF-Dokumentarspiel „Die Wannseekonferenz“ oder als Lehrer Arndt in Sönke Wortmanns dramatischer Schulkomödie „Eingeschlossene Gesellschaft“.
Wortwörtlich an der Seite von Jasna Fritzi Bauer, nämlich ihren Nachbarn Gregor, spielte er 2013 in einer der besten Produktionen, die überhaupt in der hiesigen Region entstanden ist: der SWR-Echtzeit-Serie „Zeit der Helden“, die eine Entdeckung oder ein Wiedersehen lohnt. „Beim 'Tatort' Ludwigshafen habe ich auch mal mitgemacht“, erinnert Loibl sich außerdem. „Da war ich auch hier in der Pfalz.“
Hoffen auf schönes Wetter
Mit dem Dresdner Franz Pätzold, der die Hauptrolle in „Der Diplomat“ übernimmt, war Loibl 2018 nicht nur im Münchener TV-Zweiteiler „Bier Royal“ zu sehen, sondern noch im gleichen Jahr in Martin Kusejs finsterer „Don Karlos“-Inszenierung am Residenztheater. In ihren damaligen Rollen nach Schiller, Loibl als spanischer König Philipp II. und Pätzold als sein Gegenspieler Marquis von Posa, erkennen beide Schauspieler in Worms einige Parallelen zu ihren widerstreitenden Figuren Hagen und Dietrich im „Diplomaten“. „Ansonsten freue ich mich auf die Gegend, auf die Leute und auf das tolle Wetter. Das soll hier immer sehr schön sein“, schließt Loibl.