Frankenthal
Als die Riesen-Luftschiffe am Himmel fuhren
Die Spurensuche brachte in Bezug auf diese Ansichtskarte Erkenntnisse, die ein interessantes (zumindest mutmaßliches) Detail betreffen. Dazu später mehr.
Dass die Stadt Frankenthal mit dem Thema Luftfahrt durchaus spezifische Berührungspunkte hat, kann eine Beschäftigung mit der Heimatgeschichte unschwer belegen. Ende des 18. Jahrhunderts, als die französischen Revolutionstruppen in Frankenthal das Sagen und Agieren hatten, gab es auf dem Gelände der Heydweillerschen Essigfabrik (im Gebiet zwischen Schnurgasse und heutiger Westlicher Ringstraße, wo später die Realschule angesiedelt war) eine Luftschifferstation. Dort nutzten eigens ausgebildete französische Militärangehörige Ballons zur Luftaufklärung und konnten so die Aktionen der kurpfälzischen und kaiserlichen Truppen jenseits des Rheins beobachten. Die Station hatte knapp fünf Jahre, von 1795 bis 1799, Bestand. Immerhin wurde die Stadt so mit der Erfindung der Gebrüder Montgolfier – Heißluftballons – vertraut, die ihre Herkunft aus dem ehemaligen Dörfchen Frankenthal herleiten, wo zwei Familienmitglieder im späten 11. Jahrhundert gewohnt haben sollen.
Böllerschüsse für Parsevals Luftschiff
Ein ganzes Jahrhundert später wurde – insbesondere in Deutschland – eine neue Ära der Luftschifffahrt eingeleitet. August von Parseval, ein gebürtiger Frankenthaler, veröffentlichte grundlegende Erkenntnisse über Aerodynamik und flugtechnische Probleme. Sein Geburtshaus steht heute noch in der Speyerer Straße; auch der ihm zu Ehren benannte Parsevalplatz hält die Erinnerung an ihn aufrecht.
Ein von Parseval konstruiertes Prall-Luftschiff überflog am 27. September 1909 die Stadt und wurde dort mit Böllerschüssen und Glockengeläut sowie den begeisterten Zurufen der auf den Straßen befindlichen Menschenmenge begrüßt. Das Luftschiff war nur wenige Minuten über der Stadt zu sehen, fotografische Belege gibt es davon keine. Zwar wurde „von oben“ photographiert, wegen des Dunstes waren die Aufnahmen jedoch nicht gelungen.
Der bedeutendste und nachhaltigste Konstrukteur auf dem Gebiet der Luftschifffahrt war zweifellos Graf Ferdinand von Zeppelin, dessen Starrluftschiffe sich von den Prallluftschiffen Parsevals abgrenzten. Auch von den Zeppelinen sind einige Sichtungen über Frankenthal anlässlich diverser Fahrten (etwa am 4. August 1908, am 11. und 15. September 1909, auch am 20. Juli 1930) bezeugt und in der Presse entsprechend gewürdigt worden. Von einer „weltgeschichtlichen und folgenschweren Bedeutung des Augenblicks“ angesichts des „graziösen Ungeheuers“ sprach die Frankenthaler Zeitung am 5. August 1908. Auch hiervon sind allerdings leider keine Fotos bekannt.
Überfahrt am Frühjahrsmarkt
Aber es gibt immerhin doch eine Ansichtskarte, auf der ein Zeppelin über dem Frankenthaler Marktplatz schwebt: Luftschiff Hindenburg am 29. März 1936. An dem besagten Wochenende war Frühjahrsmarkt in Frankenthal, jedoch war dies nicht der Anlass für das spektakuläre Ereignis über der Stadt. Vielmehr befand sich Luftschiff Hindenburg zusammen mit seinem Schwesterschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ (dieser „metallische Luftriese“ war auch schon einmal am 20. Juli 1930 anlässlich einer Pfalzrundfahrt am Himmel über Frankenthal zu sehen) auf einer Deutschlandfahrt, die überwiegend politischen Zwecken diente. Am Sonntag, den 29. März 1936, war nämlich Reichstagswahl, und im Olympiajahr wollten die Nationalsozialisten unbedingt die absolute Mehrheit erreichen. Deshalb startete das Regime neben den üblichen Wahlkampfveranstaltungen auch eine Propagandafahrt der beiden deutschen Riesenluftschiffe LZ 127 „Graf Zeppelin“ und LZ 129 „Hindenburg“, um die Wähler für Hitler zu begeistern.
Fahrt mit politischem Hintergrund
Die „Hindenburg“, das größte Luftschiff der Welt (245 Meter lang), war erst einen Monat vorher in Dienst gestellt worden; somit war auch klar, dass viele Menschen das neue Luftschiff sehen wollten. Über den deutschen Städten wurden Flugblätter mit Nazi-Wahlaufrufen (eines der Zitate darauf: „Wer dem Führer das Kreuzlein versagt, der gehört dann auch aus Deutschland verjagt“) sowie Hakenkreuzfähnchen an kleinen Fallschirmen abgeworfen. Aufstieg war am Donnerstag am Bodensee, wo dann am Sonntagabend auch wieder gelandet wurde, wobei „die Menge in braune Heilrufe ausbrach“. Inwieweit die Zeppelin-Propaganda auch in Frankenthal Wirkung zeigte, kann nur spekuliert werden. Immerhin: Nach offiziellen Angaben soll hier die Wahlbeteiligung bei sagenhaften 99,9 Prozent gelegen haben. 99,7 Prozent stimmten für den „Führer“.
Fotografie versus Realität
Die Frankenthaler Zeitung vermeldete am 30. März in Bezug auf das sonntägliche Ereignis: „Nach 3 Uhr nachmittags herrschte große Freude darüber, daß die beiden Zeppelin-Luftschiffe auf ihrer Deutschlandfahrt auch an Frankenthal ,vorbei’ fuhren. Sie flogen den Rhein entlang, konnten aber von der Stadt aus gut gesehen werden.“ Wenn man nun diese Pressenachricht mit dem Ansichtskartenbild in Verbindung bringt, kommt man zu der Erkenntnis, dass letzteres wohl kaum mit der Realität übereinstimmt. Es ist nur ein Zeppelin zu sehen, der direkt über dem Marktplatz in Richtung Norden schwebt, nicht über dem Rhein, wo er auf der Rückfahrt nach Süden zum Bodensee beobachtet wurde.
Wenn man sich dann noch in Erinnerung ruft, dass die Überfahrt am Frühjahrsmarktsonntag stattfand, wird man vollends stutzig. Der Marktplatz auf dem Foto ist nämlich weitgehend menschenleer. Nur an der rechten Ecke der Dreifaltigkeitskirche stehen ein paar Personen; niemand blickt zum Geschehen am Himmel. Schlussfolgerung: Der Zeppelin wurde ganz einfach in eine Marktplatzszene hineinkopiert. Das Foto wurde also wohl der Propaganda wegen manipuliert: Heute würde man von Fotomontage sprechen. Sollte wirklich in einer urgroßväterlichen Schatulle oder in einem alten Fotoalbum doch noch so ein Bild auftauchen, wäre das eine kleine Sensation.
Gedenkbrief und Stempel aus Frankenthal
Schon am Tag nach der politisch motivierten Deutschlandfahrt startete die „Hindenburg“ mit 75 Passagieren zu ihrer ersten Südamerikafahrt nach Rio de Janeiro. Lange hielt die Erfolgsgeschichte des Zeppelins nicht an. Das legendäre Luftschiff erlangte traurige Berühmtheit, als es am 6. Mai 1937 in Lakehurst (USA) beim Landemanöver verbrannte. Die Katastrophe läutete gleichzeitig ein weitgehendes Ende der Verkehrsluftschifffahrt ein.
Genau dieses Ereignis wurde 50 Jahre später in Frankenthal noch einmal thematisiert. Der Briefmarkensammler-Verein veranstaltete Anfang Mai 1987 seine Rang-2-Ausstellung Südwest ’87; dabei wurden ein Gedenkbrief und ein Sonderstempel in Erinnerung an die letzte Fahrt von LZ 129 Hindenburg zur Ausgabe gebracht.
Übrigens: Ganz aus der Mode gekommen sind die Luftschiffe in Deutschland nicht. Sie werden bis heute zu Werbezwecken verwendet, verkehren – vorzugsweise über dem Bodensee - auch für Spazierrundfahrten.
Die Serie
Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.


