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Montag, 19. Juni 2017 Drucken

Frankenthal: Kultur Regional

Wilde Fahrt im Karussell der Gefühle

Dürkheimer Theater an der Weinstraße verlegt Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ auf den Wurstmarkt

Von Sigrid Ladwig

Auf dem Wurstmarkt spielen die Gefühle verrückt: Merkl Franz (Jakob Dreyer, links) und Kasimir (Levin Steinbach) messen beim Armdrücken ihre Kräfte.

Auf dem Wurstmarkt spielen die Gefühle verrückt: Merkl Franz (Jakob Dreyer, links) und Kasimir (Levin Steinbach) messen beim Armdrücken ihre Kräfte. ( Foto: Franck)

Als sprunghaftes Auf und Ab von Bindungen, Irrungen und Wirrungen inszeniert das Dürkheimer Theater an der Weinstraße (TadW) Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“. Rasant bringt die Achterbahn der Gefühle hier den Menschen ins Taumeln. Die Premiere der neuen Freilichtaufführung auf der Limburg war gelungen.

Am Anfang ist Optimismus: „Jetzt werden wir bald alle fliegen“, meint Karoline zu ihrem Kasimir, als ein Zeppelin über dem Festgelände erscheint. Regisseurin Susanne Schmelcher holt das Geschehen des 1932 uraufgeführten Stücks vom Münchener Oktoberfest auf den Dürkheimer Wurstmarkt. Es flimmert ein Schauplatz auf, dessen Stimmungen widersprüchlicher nicht sein könnten.

Eine Fülle von Eindrücken bringt die Inszenierung auf die Bühne – unter anderem mithilfe des Bühnenbilds von Thomas Giel. Da geraten die über dem Boden schwebenden Großbuchstaben „LOVE“ in schaukelnde Bewegungen, tragen die Menschen ein Stück nach oben und lassen sie wieder niedersinken. Mehrfarbig und vielversprechend beleuchtet, sind die Lettern somit gleichzeitig Hilfe und Hindernis. Der Wurstmarkt wird zu einem Kampfplatz besonderer Art, auf dem Gefühle durcheinanderwirbeln, Sehnsüchte vernebeln, Liebe in Bitternis endet, Aggression ausbricht und durchweg das Irrationale Regie führt. All das bringen die TadW-Darsteller mit viel Einsatz zum Ausdruck.

Das zerstrittene Paar Kasimir und Karoline spielen Levin Steinbach und Naomi Hutomo. Zwischen Zwist und Wiederannäherung zeigen sie das Unstete zerrissener Seelen: Steinbach überzeugt als unglücklich Leidender, der schließlich in barsche Abweisung verfällt, Hutomo mimt die Berechnende, die alsbald bemüht ist, ihre Liebe zu retten. Doch zu spät, denn längst hat sich das Karussell der Gefühle weitergedreht.

Eindrucksvoll agieren Jakob Dreyer als Merkl Franz und Marisa Völker als „dem Merkl Franz seine Erna“. Während Dreyer seine Rolle mit brutaler Intensität ausfüllt, was dem Zuschauer stellenweise regelrecht weh tut, gestaltet Marisa Völker einen starken Gegensatz zu seiner Gewalttätigkeit und zaubert Hoffnung von Liebe hervor. Doch das sind nur kleine Momente. Weiter wirbeln die Menschen im Kreis herum, rempeln, raufen, schlagen einander nieder und statt tröstlicher Wärme zischt frostiger Dampf über die Szenerie.

Kritiker warfen von Horváth derben Zynismus vor. In Zeiten von Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus wollte er jedoch sentimentalen Kitsch ebenso entlarven wie brutalen Egoismus. So sind seine „Volksstücke“ realistische Schilderungen gesellschaftlich geprägter und entfremdeter Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Im turbulenten Treiben des Jahrmarkts gibt das TadW diesem Suchen ein flirrendes, immer anders beleuchtetes Gesicht, das auch für unsere Zeit Gültigkeit hat.

Groteske Gestalten tauchen auf, seien es besoffene lüsterne Alte, gespielt von Franz Leiß und Andreas Böcker, oder skurrile Zerrbilder aus der Abnormitätenschau, von denen stellvertretend Anna Catarata als Unbesiegbare und Laura Dreyer als Gorillamädchen genannt seien, letztere mit dem Lied „Schöne Nacht, du Liebesnacht“. Mal pseudo-romantisch, mal treibend und hart ertönt die Musik mit Kompositionen von Patrick Buttmann und eingängigen Pop- oder Operetten-Stücken, die in Kontrast zum Geschehen stehen.

Wenn Kasimir zu Erna findet und Karoline die angeblich nimmer aufhörende Liebe im Zuschneider Eugen Schürzinger (passend verkörpert von Daniel Neubauer-Pfähler), sind Partner getauscht, Bindungen ersetzt. Doch das Glück bleibt fraglich und so unwägbar wie der Flug der bunten Ballons, die in den Abendhimmel über der Klosterruine aufsteigen.

Termine

Weitere Vorstellungen sind am 23., 24. und 30. Juni sowie am 1. Juli jeweils um 20.30 Uhr. Ab 18.45 Uhr gibt es einen kostenlosen Buspendelverkehr ab Wurstmarktplatz und Busbahnhof.

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