Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Mittwoch, 27. Dezember 2017 Drucken

Frankenthal Land

Vor 35 Jahren: Starfighter-Absturz in Großniedesheim

Von Antje Landmann

Ein ganzes Fotoalbum voll mit Zeitungsausschnitten hat die Großniedesheimer Feuerwehr gesammelt – hier die Schlagzeile eines Boulevardblatts.

Ein ganzes Fotoalbum voll mit Zeitungsausschnitten hat die Großniedesheimer Feuerwehr gesammelt – hier die Schlagzeile eines Boulevardblatts. ( Repro: JEL)

Trümmer und Kerosin wurden von der Wucht des Aufpralls die ganze Lilienstraße hinuntergeschleudert. Das Foto hat Feuerwehrmann Veit Mayer wohl am Tag nach dem Unglück aufgenommen.

Trümmer und Kerosin wurden von der Wucht des Aufpralls die ganze Lilienstraße hinuntergeschleudert. Das Foto hat Feuerwehrmann Veit Mayer wohl am Tag nach dem Unglück aufgenommen. ( Fotos (4): Veit Mayer)

Ein Sportflugzeug und ein kanadischer Kampfjet sind am 29. Juli vor 35 Jahren zusammengestoßen. Drei Menschen kamen ums Leben.

Ausgerechnet an diesem Tag ist Reinhard Kruppa früher als erwartet von der Arbeit nach Hause gekommen. Es ist ein heißer Sommertag in der Ferienzeit. Eine Maschine in einem gemüseverarbeitenden Betrieb in Bobenheim-Roxheim streikte. Der Chef hat den 19-jährigen Hilfsarbeiter deshalb heimgeschickt, so wird man später erzählen. Er ist ein ruhiger junger Mann, immer hilfsbereit, wenn er um etwas gebeten wird. Die Mutter ist früh gestorben, und der Vater war immer auf Montage unterwegs, weshalb er und seine fünf Geschwister bei Pflegefamilien in Großniedesheim untergekommen sind. Kruppa wohnt in einem Anbau neben dem Haus der Familie Galombos. Im Fernsehen läuft seine Lieblingsserie, die er nicht verpassen will, so erinnert man sich.

Der Sportflieger, eine amerikanische Piper Cherokee Six, sollte eigentlich schon längst in Worms gelandet sein. Die zwei Piloten sind auf dem Rückflug aus ihrem Ibiza-Urlaub und wollen das gecharterte Flugzeug in Worms zurückgeben. Doch wegen starken Nebels durften sie den Flugplatz nicht planmäßig anfliegen. Erst am Donnerstagnachmittag starten sie von einem Flugplatz bei Bad Nauheim und kündigen um 15.56 Uhr ihren Landeanflug an. Sie befinden sich nur noch zwei Kilometer vom Flugfeld entfernt auf einer Südkurve. „Hier November zwo vier Kilo im Endanflug“, meldet der Pilot. „Alles okay.“

Der Luftraum in der Rheinschiene gilt als besonders schwierig durch die vielen Schutzzonen der kleinen Flughäfen. Es bleibt ein schmaler Korridor, der von den militärischen Kontrollzonen der US-Amerikaner begrenzt wird – im Westen durch Ramstein im Pfälzerwald, im Osten durch die Coleman Barracks. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Französische, britische oder kanadische Düsenjäger üben ihre Tiefflüge, um für Angriffe aus dem Osten gewappnet zu sein. Immer wieder peilen die Tiefflieger den Großniedesheimer Wasserturm als weithin sichtbare Marke an. Immer wieder lässt der Überschallknall die Dorfbewohner zusammenzucken. Die Scheinangriffe am Himmel gehören zum Alltag, auch wenn man sich ärgert. „Die Jetpiloten machen doch, was sie wollen“, meint der damalige Flugleiter von Worms. „Sogar in hundert Metern Höhe über unserem Platz, obwohl Flugverkehr herrscht und wir eine Schutzzone haben.“

Mit 600 bis 800 Stundenkilometern nähert sich ein Militärjet aus Nordwesten. Vielleicht will der kanadische Starfighter an diesem Nachmittag einen Übungsangriff auf den Sportflieger antäuschen, wird man mutmaßen. Vielleicht blickt Oberst Jack Frazer gerade auf die Navigationskarte, um seine Position zu überprüfen. Das diesige Licht erschwert die Sicht. Eine kleine weiße Piper ist schwer auszumachen. Und auch bei Flugzeugen gibt es einen toten Winkel. Eine „ungünstige Konstellation beim Sichtflug“ wird das Luftfahrtbundesamt später als Ursache ausmachen.

 

Mit Stemmeisen und Hammer hantiert Rudolf Heiser im Hof, um eine Hütte fürs Wochenendgrundstück zu bauen. Er hat Urlaub und arbeitet in der Nachmittagshitze nur im Unterhemd. Karin Fischer hat ihr Auto in der Garage geparkt und stellt die Einkaufstasche an der Garderobe des Bungalows in der Beindersheimer Straße ab. In einem anderen Haus hat sich Familie Stegmann im Wohnzimmer zum Kaffee versammelt. Ursula Carls füttert die Dogge Assi mit Leckerbissen, während ein Mann den Vorgarten mit einem Schlauch wässert. Es ist ein lebhaftes Viertel, in dem viele Kinder wohnen. Aber an diesem Nachmittag spielen sie nicht draußen, weil eine beliebte Fernsehsendung läuft, heißt es später.

Mit seinem Mokick fährt der 18-jährige Manfred Kruppa an der Fliederstraße 6 vorbei, dem Haus seines Bruders. Die beiden sind nur ein Jahr auseinander und unzertrennbar wie Zwillinge. Als Kinder sind sie einmal gemeinsam aus dem Heim abgehauen, um in ihr Dorf zurückzukehren und Unterschlupf bei einer befreundeten Familie zu suchen. An diesem Tag fährt Kruppa nicht über die Beindersheimer Straße, sondern nimmt einen Schleichweg. Dadurch ist er wenige Minuten schneller zu Hause. Er will gerade die Tür aufschließen.

 

Über seinem Gurkenacker bei Kleinniedesheim sieht ein Landwirt, wie sich zwei Flugzeuge in etwa 200 Meter Höhe berühren. Die Piper bricht an der Unterseite des Düsenjägers auseinander und stürzt ab. Aus dem Starfighter schießt eine Flamme, die Maschine schlingert, und etwas fliegt von der Kabine ab. Der Pilot hat sich mit dem Schleudersitz herauskatapultiert und erleidet dabei eine Gehirnerschütterung. An den Zusammenstoß wird sich der 51-Jährige nicht mehr erinnern können. Mit einem dumpfen Rumpeln landet die Piper auf dem Acker. Als der Bauer hinrennt, riecht er das Benzin und sieht eine Hand aus der Maschine hängen. Beide Insassen des Sportflugzeugs sind ums Leben gekommen.

 

Einen Knall hört auch Gerhard Lepa, der in der Fliederstraße 7a im Garten sitzt und mit seinem Cousin plaudert. Die zehnjährige Tochter ist mit einem Freund zum Laden geschlendert und kann jeden Moment die Straße zurückkommen. Als Lepa das seltsame Geräusch hört, kann er gerade noch den Kopf wenden. Das wird ihn später noch beschäftigen: dass er nur Zeit hatte, sich umzudrehen. Mehr nicht. Er konnte nicht reagieren. Da erschüttert schon eine Explosion die Straße.

 

Beim Kaffeetrinken im Wohnzimmer spürt Familie Stegmann einen Riesenschlag und sieht die Decke herabstürzen. Überall brennt es, die Ausgänge sind versperrt. Vater Rainer packt seinen sechsjährigen Sohn und bugsiert ihn durchs Fenster in den Garten, bevor er seiner Frau und der Schwiegermutter aus der Mietwohnung in der Fliederstraße 6 hilft. „Seltsam“, erzählt er später der Presse. „Keiner schrie, keiner weinte. Es war alles totenstill und ging sehr schnell.“

Draußen ruft jemand: „Eine Heizung ist hochgegangen.“ Nein, Rudolf Heiser erkennt sofort, dass wenige Häuser weiter ein Flugzeug abgestürzt ist. Es hat einen Graben in die Straße gerissen, bevor es sich in ein Haus bohrte und beim Aufprall zerschellte. Wo vorher der zweistöckige Anbau in der Fliederstraße 6 stand, liegen nur noch Trümmer und ein halb verschüttetes Auto. Balken ragen heraus.

Wo eben noch Karin Fischer in ihrer Einfahrt stand, muss der Düsenjäger durchgerast sein. Wo Ursula Carls gerade die Dogge fütterte, sind Betonteile herabgedonnert. Auf der ganzen Lilienstraße züngeln Flammen. Das versprengte Kerosin hat Zäune und Klappläden in Brand gesetzt. Überall qualmt es. Der Motorblock ist neben dem Mann mit dem Gartenschlauch gelandet, der sofort zu löschen beginnt. Dachschindeln wurden abrasiert. Die Wucht des Aufpralls schleuderte eine Weinpresse bis zur Rosenstraße.

Ein Mann bückt sich, um etwas aufzuheben, vielleicht die Munition, die überall verstreut liegt. „Nichts anfassen“, warnt ihn Rudolf Heiser, weil es sich um eine Militärmaschine handelt. Hartnäckig werden sich Gerüchte halten, der Starfighter habe eine Rakete mit Atomsprengkopf an Bord gehabt.

 

Katastrophenalarm wird um 16.05 Uhr in den Dörfern im Umland ausgelöst. Die 16-jährige Heidrun Kruppa hilft bei der Ortsrandbetreuung in Maxdorf und hört die Sirenen. Sie wird nie vergessen, wie die Kinder mit ihnen um die Wette heulten. Sie ahnt nicht, was für ein Unglück ihre Familie getroffen hat.

Als Annemarie Lepa am Nachmittag ihre Arbeitsstelle in Frankenthal verlässt, wird sie von einer Nachbarin angesprochen. „Auf euer Haus ist ein Flugzeug gestürzt.“ Sie weiß, dass ihr Mann und ihre Tochter heute zu Hause waren. Irgendwie schafft sie es, mit dem Auto nach Großniedesheim zu gelangen, voller Angst. „Mir müssen die ganze Zeit Tränen heruntergelaufen sein“, erzählt sie heute.

Das Dorf ist abgeriegelt. Die Polizei sperrt die Zufahrtsstraßen, amerikanische Hubschrauber treffen ein und kanadisches Militär versucht, alle 350 Schuss Übungsmunition vom 20-Millimeter-Kaliber zu sichern. Weder scharfe Munition noch radioaktives Material seien an Bord gewesen, versichert das kanadische Oberkommando. Ein Strahlenmesstrupp des Landratsamts Ludwigshafen ist mit Geigermessern unterwegs und kann keine Strahlung feststellen. Während die Rettungskräfte arbeiten, drängen von allen Seiten Gaffer heran.

 

Als Manfred Kruppa beim Aufschließen seiner Haustür den Einschlag in der Nachbarschaft spürt, weiß er sofort, dass etwas Schlimmes passiert ist und geht als Feuerwehrmann sofort in den Einsatz. Überall brennt das Kerosin zwischen den Trümmern und unter den Mauerresten. Zum Glück hat der 18-Jährige heute die Abkürzung mit seinem Mokick genommen, sonst wäre er auf der Straße selbst getroffen worden, denkt er. Zum Glück ist sein Bruder Reinhard noch bei der Arbeit, denkt er.

Sein Feuerwehrkollege Michael Walther bekommt in der Zwischenzeit den Auftrag, nach Reinhard Kruppa zu suchen. Kruppa sei zufällig früher nach Hause gekommen, hat der Pflegevater Paul Galombos den Rettungskräften berichtet. 20 Minuten später finden sie den jungen Mann an der Grenze zum Nachbargrundstück. Durch die Explosion wurde er aus dem Haus geschleudert. Als Manfred Kruppa vom Tod seines Bruders erfährt, bricht er zusammen und muss mit einem Schock ins Krankenhaus gebracht werden. So aufgelöst und zitternd am ganzen Körper hat ihn seine Schwester noch nie erlebt.

Einige Meter weiter schiebt sich Annemarie Lepa durch die Schaulustigen, die alles blockieren, und läuft über die Straße voller Schutt. Mit Erleichterung sieht sie ihren Mann und ihre Tochter wohlauf vorm Haus in der Fliederstraße 7a stehen. Ihr Heim wurde doch nicht getroffen – die Nachbarin hatte sich geirrt. Den Rest des Tages trauert die Familie, tröstet sich und freut sich, dass sie verschont geblieben ist. Es hätten an diesem Tag in Großniedesheim noch mehr Menschen sterben können. Viele hatten Glück.

 

Am Abend schaltet die Familie Meister, die in Österreich im Urlaub weilt, den Fernseher ein. In den Nachrichten erfahren sie von dem Flugzeugunglück und sehen, dass der Balkon ihres Hauses abgerissen wurde. Sie reisen am nächsten Tag zurück und werden mit den Koffern in der Hand schon von Journalisten abgefangen, die sie vor ihrem Haus fotografieren wollen. Schaulustige aus der ganzen Region besuchen die Absturzstelle, machen Fotos und fragen nach den Toten. „Pietätlos, dieser Unfalltourismus“, sagt Michael Walther, der heutige Ortsbürgermeister, der damals als 22-Jähriger für die Feuerwehr im Einsatz war. „Das Gaffertum gibt es nicht erst seit Neuestem.“

Tagelang herrscht in dem 1100-Einwohner-Dorf Ausnahmezustand. Bagger graben 180 Tonnen kerosinverseuchte Erde ab, um zu verhindern, dass 2400 Liter Flugbenzin bis zum Grundwasser versickern. Kanadische Soldaten haben beim Sportheim ihre Zelte aufgeschlagen, suchen nach der Blackbox und helfen bei den Aufräumarbeiten. 16 Häuser wurden beschädigt, sechs davon schwer. Familie Stegmann, deren Mobiliar zerstört wurde, findet eine vorläufige Bleibe und bekommt finanzielle Hilfe.

 

Die Düsenjäger ziehen wenige Tage später wieder ihre Schleifen über Großniedesheim. Bei der Beerdigung von Reinhard Kruppa muss der Pfarrer deshalb seine Rede unterbrechen. Der Lärm regt die Schwester auf, die sich fragt, warum es ausgerechnet ihren Bruder getroffen hat. „Er hat nie einer Seele etwas getan.“

Der zerstörte Anbau in der Fliederstraße 6 ist nie wieder aufgebaut worden. Kurze Zeit nach der Katastrophe hat Pflegevater Paul Galombos Herzprobleme bekommen und ist gestorben. Er habe nicht verkraftet, dass direkt hinter ihm das Haus zusammengestürzt war, erzählt man sich.

Die Dächer wurden schnell repariert. Heute finden sich keine Spuren mehr von diesem ungewöhnlichen Ereignis. Manchmal erzählt Rudolf Heiser seinen Kindern von früheren Zeiten und von diesem heißen Sommertag 1982, als ein Flugzeug auf Großniedesheim fiel. Die Geschwister Kruppa, die sich gut verstehen und zusammenhalten, sprechen kaum darüber. Doch jedes Mal, wenn Heidrun Wittmer – wie sie heute heißt – an der Absturzstelle vorbeifährt, muss sie hinblicken und an ihren Bruder denken.

Und wenn Annemarie Lepa einen seltsamen Knall hört, dann erinnert sie sich an die Erzählung ihres Mannes: Man schaut zum Himmel und weiß, dass es jetzt schon zu spät wäre, wenn tatsächlich Gefahr drohte. Sie kannte und mochte die Kruppa-Brüder und hat lange über das Unglück nachgedacht. „Das Dorf hatte an diesem Tag viele Schutzengel. Aber es gab ein Opfer für alle“, denkt sie heute. „Es tut mir nur leid, dass er das Opfer war. Das bedauere ich sehr.“

Frankenthal-Ticker