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Mittwoch, 26. Oktober 2016 Drucken

Frankenthal Land

„Dieser Bescheid ist unmenschlich“

Bobenheim-Roxheim: Rudajna Almerai und Khaled Osman sind verzweifelt: Das syrische Ehepaar darf seine knapp zwei Jahre alte Tochter nicht nach Deutschland holen, weil es hier nur subsidiären Schutz genießt. Beide hoffen, dass sich mit Hilfe von Politikern aus der Region und prominentem Beistand doch eine Möglichkeit findet, die kleine Rinad aus dem Libanon herauszubekommen.

Von Waltraud Werdelis

 

Sie alle kämpfen dafür, dass die kleine Rinad zu ihren Eltern nach Deutschland darf: Schauspielerin Ulrike Folkerts, die Geschwister Jolanar und Hammoudy und Natice Orhan-Daibel von den Mannheimer Bahnhofshelfern (vorn von links) sowie Andrea Hettmannsperger vom Sozialverein Kunterbunt, das Ehepaar Khaled Osman und Rudajna Almerai, Kerstin Groß vom Arbeiter-Samariter-Bund und der syrische Dolmetscher Abed (von links). ( Foto: Sozialverein/Frei)

Wie es wirklich in ihr aussieht, lässt sich schwer ermessen. Kraft- und ausdruckslos beantwortet Rudajna Almerai die Fragen, mit denen die RHEINPFALZ sich ein Bild vom Problem der syrischen Familie machen will. Die 32-Jährige wohnt mit Mann und zwei Kindern (drei und sechs Jahre) seit einem knappen Jahr im Asylbewerberheim in Bobenheim-Roxheim. Aus ihrer Heimat, der zerstörten Stadt Homs, flohen die vier 2013 in den Libanon.

Dort kam das dritte Kind der Familie, Rinad, zur Welt. Fünf- oder sechsmal hätten sie dort umziehen müssen, erzählt Rudajna Almerai mithilfe von Übersetzer Abdallah Alhalak. Dann sei ihnen erneut das Zimmer gekündigt worden, und zwar fristlos. Das Schlimmste aber sei gewesen: „Mein Mann durfte nicht in seinem Beruf als Arzt arbeiten“, berichtet die gelernte Krankenschwester vom relativ plötzlichen Entschluss, über die Türkei, Griechenland und den Balkan per Flugzeug, Boot und zu Fuß, nach Deutschland zu reisen.

Dass sie Rinad in der Obhut der Großmutter ließen, habe damit zu tun gehabt, dass das Mädchen im Libanon geboren worden sei. „Die Bürokratie ...“, sagt Rudajna Almerai und senkt den Kopf. Außerdem hatten sie und ihr Mann Angst, dass die bevorstehenden Strapazen für das damals neun Monate alte Baby zu groß sein könnten. Sobald sie erst einmal in Deutschland wären, würden sie die Kleine wiederbekommen. Davon war die Familie überzeugt.

Doch es kam anders. Fast genau ein Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) Mitte Oktober über den Status der Familie entschieden: Sie bekommt subsidiären (eingeschränkten) Schutz, aber keine Anerkennung im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention. Das bedeutet eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr, die zweimal um zwei weitere Jahre verlängert werden kann. Was diesen Status für Rudajna Almerai und Khaled Osman so unerträglich macht: Sie können erst im Frühjahr 2018 damit rechnen, dass Rinad zu ihnen darf. Denn die schwarz-rote Koalition hat das Recht auf Familiennachzug für Menschen mit subsidiärem Schutz für zwei Jahre (bis 16. März 2018) komplett ausgesetzt.

Iris Strache, Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft im Bobenheim-Roxheimer Pfalzring, ist überzeugt, dass diese Regelung nur dazu dient, den Zuzug von Flüchtlingen massiv zu mindern. Die Anzahl der Fälle, in denen Syrern nach der Anhörung nur subsidiärer Schutz statt der Flüchtlingsstatus gewährt werde, sei am Steigen. „Dieser Bescheid ist unmenschlich und stürzt die Familie in tiefe Verzweiflung“, sagt Strache und berichtet davon, wie depressiv die Frau seit der Nachricht sei. Zumal sie mit dem jetzigen Status noch nicht mal zu Besuch in den Libanon reisen könne. „Wie soll sich hier jemand integrieren und auf das Erlernen der Sprache konzentrieren, der an nichts anderes als an sein Kind denken kann?“ Die 32-Jährige hat kürzlich den Termin für ihren ersten Integrationskurs bekommen. Ihr 36 Jahre alter Mann besucht schon so einen Kurs und wird laut Strache bald ein Praktikum in einem Krankenhaus machen. „Dass er hier mal als Arzt wird arbeiten können, ist sehr realistisch“, sagt Iris Strache. Alle Papiere dafür seien vorhanden.

Das Einzige, was das Ehepaar im Moment tun kann, ist, gegen den Bescheid des Bamf vor dem Verwaltungsgericht zu klagen. Das haben bundesweit schon Tausende anderer Syrer getan. „Dort, wo die Gerichte bereits entschieden haben, wurde den Menschen meist Recht gegeben“, weiß Strache. Diese Verwaltungsgerichte sind der Meinung, dass Syrer, die das Land verlassen haben, um hier einen Asylantrag zu stellen, bei einer etwaigen Rückkehr vom syrischen Regime als Oppositionelle angesehen werden. Damit drohe ihnen Verfolgung, Verhaftung und Folter. Und das wiederum begründe die Anerkennung als Flüchtling. „Das Problem ist nur, dass das Bundesamt überall dort, wo solche Urteile gesprochen wurden, in die Berufung geht“, berichtet die Heimleiterin. „Und das dauert.“ In Rheinland-Pfalz wird in diesem Jahr nicht mehr mit einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Koblenz gerechnet.

Nicht nur die Enttäuschung über den Bamf-Bescheid macht Rudajna Almerai zu schaffen, sondern auch ihr eigenes Schuldgefühl. Hätte sie das gewusst, hätte sie darauf bestanden, das Baby mitzunehmen. Aus den von Müdigkeit und Resignation gezeichneten Augen kullern die Tränen, als sie auf die Frage antwortet, wie sie Kontakt zu Rinad hält. Über Skype? Sie nickt. Und Abdallah Alhalak übersetzt: „Die Großmutter hat gesagt, sie soll mit dem Skypen aufhören. Denn danach sei das Kind immer todunglücklich.“

Mit dem Einverständnis von Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat Iris Strache den Fall aufgeschrieben, den Brief an viele Akteure – vor allem an Kreis-, Landes- und Bundespolitiker – verschickt und wartet jetzt auf Reaktionen. Ihre Hoffnung ist, dass bei der Familie ein Härtefall anerkannt wird und die kleine Rinad auf der Grundlage von Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes so schnell wie möglich nach Deutschland kommen darf. Dort steht: „Einem Ausländer kann für die Aufnahme aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden.“

Helfen will ebenfalls der Sozialverein Kunterbunt, der sich mit seinem Familienbüro stark in der Bobenheim-Roxheimer Flüchtlingsarbeit engagiert. Andrea Hettmannsperger kennt die Familie Almerai/Osman seit deren Ankunft im Dorf. Sie und andere Mitglieder des Vereins sind bei Gesprächen mit Anwalt, Beratungsstellen und Behörden dabei und versuchen, beruhigend auf die labile Mutter zu wirken. Außerdem braucht die Familie Hilfe bei der Wohnungssuche, da das Asylverfahren abgeschlossen ist und sie bald aus dem Wohnheim ausziehen muss. Hettmannsperger hofft, dass sich in Bobenheim-Roxheim ein neues Quartier findet.

Von den Bahnhofshelfern Mannheim vermittelt, kam es am Montag zu einem Treffen mit Ulrike Folkerts am Rande von Dreharbeiten. Die bekannte Tatort-Schauspielerin unterstützt „GoVolunteer“, eine Plattform, die Organisatoren der Flüchtlingshilfe mit Freiwilligen verbinden will. „Sie hat sich mit uns in einem Café getroffen und sich viel Zeit genommen“, berichtet Andrea Hettmannsperger. In einem Statement für die Presse forderte Folkerts gestern, dass die syrische Mutter, für die jeder Tag eine Qual sei, wieder mit ihrer Tochter vereint werden müsse, denn „das Wohl des Kindes sowie das Wohl der Mutter sind gefährdet, jeden Tag ein bisschen mehr“.

 

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