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Freitag, 18. August 2017 Drucken

Frankenthal Land

Der Hass entlädt sich virtuell

Mannheim: Die Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx erforscht Mobbing im Internet

Von Olivia Kaiser

Konstanze Marx, hier in ihrem Mannheimer Institut, klärt Schüler über Cybermobbing auf.

Konstanze Marx, hier in ihrem Mannheimer Institut, klärt Schüler über Cybermobbing auf. ( Foto: KUNZ)

Cybermobbing nennt man es, wenn sich böswillige Schikane aus der realen Welt auf das Internet verlagert. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx. Sie erforscht Cyberlinguistik, digitale Gewalt und Hasskommentare im Internet. Ihre Erkenntnisse nutzt sie, um Schüler in Workshops für Cybermobbing zu sensibilisieren. Für ihre Arbeit wurde die Linguistikprofessorin mit dem „25 Frauen Award“ ausgezeichnet.

Der „25 Frauen Award“ würdigt 25 Wissenschaftlerinnen, Entwicklerinnen und Künstlerinnen, die mit ihren Erfindungen und Ideen entscheidend dazu beitragen, die Gesellschaft und den Planeten positiv zu verändern.

Konstanze Marx’ Forschungsfeld ist die deutsche Sprache, vor allem Gewalt in der Sprache. „Ich will wissen, wie Gewalt funktioniert, um sie zu verhindern“, erklärt sie. In ihrer Habilitationsschrift untersuchte die 40-Jährige, wie sich das Phänomen sprachwissenschaftlich beschreiben lässt. Marx sammelte an mehreren Schulen in Brandenburg digitale Alltagskommunikation von Schülern. Die Daten nutzte sie, um die Schnittstellen zum Cybermobbing zu untersuchen. Die Vergleichsproben holte sie sich etwa von einschlägigen Internetplattformen wie „I Share Gossip“ oder dem inzwischen eingestellten Schüler-Verzeichnis (VZ).

Meist werden auf solchen Plattformen Gruppen gebildet, die nur dem Zweck dienen, eine bestimmte Person zu diffamieren. Das passiert, indem Gerüchte und Fotocollagen verbreitet werden, über das Aussehen gelästert und sich in Gewaltfantasien ergangen wird. Zu der Gruppe erhält nur ein auserwählter Kreis Zutritt, sodass die betroffene Person erst über Dritte erfährt, dass sie das Ziel von Cybermobbing ist.

Überraschend dabei ist, dass die Mobber sich oft im Recht sehen. „Sie legitimieren ihr Tun damit, dass es solche Plattformen gibt“, hat Marx festgestellt. In vielen Fällen fühlen sich die Initiatoren gegenüber der Zielperson benachteiligt oder ungerecht behandelt und schieben ihr deshalb die Schuld zu.

Eine andere Form des Cybermobbings sind digitale Kettenbriefe. Die Jugendlichen sollen sie an Freunde weitersenden. Tun sie das nicht, werden schreckliche Konsequenzen angedroht. Vor allem jüngeren Kindern würden solche Briefe große Angst machen, weiß Konstanze Marx. Die Urheber blieben meist im Dunkeln.

„Viele Experten äußern sich zum Thema Cybermobbing“, erklärt Konstanze Marx. Meist kämen jedoch Psychologen oder Juristen zu Wort, kaum Sprachwissenschaftler. „Dabei handeln Menschen im Netz vor allem sprachlich.“ Konstanze Marx untersucht Wortwahl, Kommunikationskonstellationen, -strategien und -dynamik. Den ihr nun dafür zuerkannten Preis will sie nutzen, um eine größere Öffentlichkeit über das Thema aufzuklären. In Workshops zeigt sie Schülern, wie sichere Kommunikation möglich ist. In Gruppendiskussionen und Rollenspielen für Schüler, Elter, Lehrer und Mitschüler schafft sie ein Bewusstsein für die Folgen von Cybermobbing.

Noch immer gehen Eltern und Lehrer häufig zu unbedarft mit dem Thema um. „Man stattet Kinder mit Smartphones aus, aber im sozialen Umgang damit werden sie oft allein gelassen“, sagt Marx.