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Freitag, 31. August 2018 Drucken

Frankenthal Land

Ameisen kostenlos ködern

BOBENHEIM-ROXHEIM: Schweizer Firma will Kolonie mit neuem Insektizid in Pilotprojekt bekämpfen

Von Helmut Weick

Einheimische Ameisenarten (unser Bild) bekommen Konkurrenz. Die „vernachlässigte Ameise“ ist durch Topfpflanzen von Asien nach Europa gelangt und breitet sich derzeit in Bobenheim-Roxheim aus.

Einheimische Ameisenarten (unser Bild) bekommen Konkurrenz. Die „vernachlässigte Ameise“ ist durch Topfpflanzen von Asien nach Europa gelangt und breitet sich derzeit in Bobenheim-Roxheim aus. ( Foto: Andrea Warnecke/DPA)

Die einen wollen ihre Ameisenkolonie loswerden, die anderen wollen mit einer erfolgreichen Ausrottung werben: 28 Häuser in Bobenheim-Roxheim sind stark befallen von der invasiven Ameise Lasius neglectus. Sie droht, sich im Bahnhofsviertel auszubreiten und kann Schäden an den Häusern verursachen. Die Schweizer Firma Syngenta ist auf das Problem aufmerksam geworden und bietet an, die Insekten über sieben Monate zu bekämpfen – und zwar kostenlos.

Eine Anwohnerin, die frühzeitig von dem Ameisenproblem betroffen war, hat sich umgehört und über eine Universität von der Baseler Firma Syngenta erfahren, die auf das Bekämpfen tropischer Insekten spezialisiert ist. Die Firma habe das Ameisen-Gel „Advion“ entwickelt und in Zürich bereits erfolgreich eingesetzt, erzählt Ordnungsamtsleiter Frank Unvericht gegenüber der RHEINPFALZ. „Die Bobenheim-Roxheimer Kolonie ist für das Unternehmen schön überschaubar, sodass sie hier ein Pilotprojekt durchführen wollen. Wenn sie die Ameise erfolgreich ausrotten, dann können sie damit werben.“ Das erklärt, warum das Unternehmen nicht nur das Mittel kostenlos bereitstellt sondern auch den Einsatz vor Ort übernimmt.

Am 10. September soll das neu entwickelte Insektizid ausgebracht werden, sagte Unvericht bei der Informationsveranstaltung am Dienstagabend. Über den Wirkstoff informierte Kai Sievert, der aus Basel angereiste Vertreter der Firma Syngenta. Die Ameisenart breite sich enorm schnell aus, sagte er. Die Hitze des Sommers sei dabei förderlich. Bei einem vergleichbaren Fall in Spanien habe man auf 14 Hektar Fläche 360.000 Königinnen und 112 Millionen Arbeiterinnen erfasst. „Die Ameisen sind nicht bösartig. Sie stechen beispielsweise keine Menschen, aber sie verbreiten sich in Europa mangels natürlicher Feinde und günstiger Lebensbedingungen rasant, und sie bedrohen unsere einheimischen Ameisenarten.“

Ihre Lieblingsnahrung sei Honigtau, die süße Ausscheidung der Blattläuse. Dem nachempfunden ist das Gel mit dem Insektizid Indoxacarb. Es werde erst durch die Verdauungsenzyme in der Ameise aktiviert und wirke so langsam, dass die Ameisen noch andere in der Kolonie füttern können. Der Wirkstoff sei für Menschen, Tiere und Vögel ungefährlich. „Vögel beispielsweise können den Wirkstoff nicht verdauen, weil sie dazu keine Enzyme haben“, sagte Sievert. Das Produkt erfülle alle Kriterien der strengen EU-Auflagen. Natürlich sei es nicht ungiftig, bei sachgemäßer Anwendung aber keine Gefahr für Menschen, versicherte der Firmenvertreter.

Wer an dem Pilotprojekt teilnimmt, muss nichts zahlen. Syngenta Crop Protection AG Basel wird von den Beteiligten ein schriftliches Einverständnis erbitten, das auch widerrufen werden kann. Man werde im Viertel von Straße zu Straße vorgehen und wolle alle mit ins Boot nehmen. Denn Sinn ergebe das Ganze nur, wenn sich alle Anwohner beteiligen und die Ameisen flächendeckend bekämpft würden, auch auf öffentlichen Flächen sowie in der Pestalozzi-Schule.

Die Firma will mehrere Tausend Köder mit dem Ameisen-Gel in kleinen Behältern auslegen und das über Winter fortführen. Denn da es in der kalten Jahreszeit keinen Blattlaus-Honigtau und damit wenig Nahrung für die Ameisen gebe, könnten die Köder gut angenommen werden. Geplant sind sieben Termine bis März. Die Maßnahmen werden elektronisch erfasst und ausgewertet – bei der Versammlung war auch ein Fernsehteam dabei, dass das Pilotprojekt dokumentiert.

Bei der Fragerunde machte eine Bürgerin den Vorschlag, Straßenbäume zu fällen, vor allem dort, wo es ausreichend Grün in den Vorgärten gibt. Dadurch entziehe man den Ameisen durch den Wegfall der Blattläuse die Nahrung. Ein Vorschlag, dem Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine Absage erteilte. „Das würde enorme Widerstände in der Gemeinde entfachen, und wir können nicht flächendeckend durch Bobenheim-Roxheim gehen und alle Bäume fällen.“ Müller appellierte an alle Bewohner des Bahnhofsviertels: „Die Erfolgschancen sind sehr hoch. Das Projekt ist für alle eine Win-Win-Situation, für die Anwohner und die Firma. Wir sollten die Gunst der Stunde nutzen und mitmachen.“

Kontakt

Ausführliche Informationen über die „Vernachlässigte Ameise“ und die geplante Bekämpfung unter www.bobenheim-roxheim.de unter „Leben und Wohnen“.

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