Donnersbergkreis „Wissen nie, was und wieviel es gibt“

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„Nehmen Sie noch Pfirsiche. Von denen haben wir heute viele.“ Etwas schüchtern nickt die Frau, hält Angela Friesen ihre Tüte hin. „Wollen Sie auch noch Aprikosen?“ Ja, auch die nimmt die Besucherin der Kirchheimbolander Tafel gerne. „Heute haben wir ungewöhnlich viel Ware im Angebot“, freut sich Friesen. Die 78-Jährige ist die Chefin des Teams, das jeden Dienstag ab 10.30 Uhr in der Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes gespendete Lebensmittel ausgibt. Jetzt ist es kurz vor 11 Uhr. Noch lange reißt die Schlange der Kunden, wie die Tafelmitarbeiter ihre Besucher nennen, nicht ab.

Brot und Backwaren, Obst und Gemüse, Wurst und Käse und auch mal ein paar Süßigkeiten, Joghurt oder sogar Blumen können registrierte Tafelkunden einmal pro Woche hier bekommen. Die Ware stammt von Supermärkten und Bäckereien aus Kirchheimbolanden und Nachbarorten. Aussortiert, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum fast abgelaufen ist, weil Bananen schon zu braun oder Pfirsiche zu schrumpelig oder weil Brötchen einen Tag alt sind. Lebensmittel, die noch einwandfrei sind, aber die dennoch früher in der Mülltonne oder als Viehfutter geendet hätten. „Das war meine Hauptmotivation, als ich vor über sieben Jahren mit der Arbeit für die Tafel angefangen habe“, erinnert sich Wolfgang Neie. Damit die Regale der Tafel um 10.30 Uhr gefüllt sind, muss er sich gute zweieinhalb Stunden vorher mit dem Transporter des Deutschen Roten Kreuzes auf seine Rundtour machen. „Wir waren damals mit einer Gruppe im Restaurant. Die Portionen waren zu groß, vieles ist zurück gegangen. Wir haben uns darüber unterhalten, wie schade es ist, dass so viele Lebensmittel weggeschmissen werden. Meine Frau hat im Hit-Markt gearbeitet, und so ist die Idee entstanden, in Kirchheimbolanden eine Tafel zu gründen“, erinnert sich der heute 76-Jährige während der Fahrt zum Aldi-Markt am Woogmorgen. „Als wir die Idee der Kreisverwaltung vorgetragen haben, waren damals alle der Meinung, dass man sowas in Kibo nicht bräuchte...“ Mittlerweile versorgt die Kirchheimbolander Tafel jede Woche rund 180 Menschen. Neie kennt seine Abholstationen ganz genau. Rückwärts steuert er den Kastenwagen an die Laderampe. Ein kurzer Plausch mit den Mitarbeiterinnen, dann muss die Ware, die in Kisten und Kartons bereit steht, in grüne Transportboxen umgeladen und im Auto verstaut werden. Es gibt Salat, Radieschen, Brote und Brötchen und mehrere große Kisten voll mit Pfirsichen. „Das ist ’ne ganze Menge“, freut sich Neie. „Ist ja immer eine Überraschungssache. Wir wissen nie, was und wieviel es gibt.“ So leicht wie früher falle ihm die Arbeit zwar nicht mehr, „aber ein bisschen Bewegung schadet ja nicht“, sagt der Rentner lachend. Jüngst mussten einige Kollegen gesundheitsbedingt das Ehrenamt aufgeben. „Jetzt suchen wir dringend Freiwillige, die uns beim Einsammeln der Ware unterstützen.“ Weiter geht es nach Dreisen in die Bäckerei Schmidt. Hier warten nicht nur Karin und Christel Schmidt mit Backwaren in roten Plastikkisten auf ihn, sondern auch seine Freundin Jana. „Eine weiße Schäferhündin, ein wunderschönes Tier. Die bekommt immer ein Leckerli von mir.“ Kaum steht Neie auf dem Hof, öffnet sich auch schon das Tor, und Jana freut sich schwanzwedelnd über den bekannten Besuch. Zeit bleibt allerdings nur für ein paar kurze Streicheleinheiten, dann streift sich Neie neue Einmalhandschuhe über („Hygiene muss sein“) und verstaut Brot, Brötchen und süße Teilchen im Transporter. „Es freut uns sehr, dass die Sachen nicht einfach weggeschmissen werden“, sagt Karin Schmidt. „Das ist ja alles nur einen Tag alt. Es bleibt eben immer ein bisschen was übrig.“ Auch die anderen Supermärkte in Kirchheimbolanden steuert Neie an diesem Morgen noch an. Beim Hit-Markt gibt es nochmal Brot, bei Lidl Wassermelonen und Suppengrün, bei Netto Schokolade und Bananen. Einige davon sind schon sehr braun, die Schale an einigen Stellen aufgeplatzt. „Die werden noch aussortiert“, erklärt Neie, während er den Transporter rückwärts in den Hof der Sozialstation manövriert. Hier steht schon das Damen-Team um Angela Friesen bereit. Den ganzen Morgen sind die acht Frauen damit beschäftigt, die Lebensmittel, die am Montag eingesammelt wurden, zu sortieren. „Alles, was wir selbst nicht mehr essen würden, kommt weg“, erklärt Karola Holstein, eine der Helferinnen, während sie welke Salatblätter abzupft. Nebenan ist Sigrid Sattler damit beschäftigt, überreife Bananen auszusortieren. Man freue sich wirklich über jede Spende, ist zu hören. Ärgerlich wäre es aber, wenn die Supermärkte zu lange mit dem Aussortieren warten und am Ende nur noch Sachen übrig blieben, die die Tafel-Mitarbeiter auch nur noch an befreundete Hühnerhalter oder für die Rinder im Steinbühl abgeben könnten. Die Schlange vor der Tür der Sozialstation ist mittlerweile auf gut 30 Kunden angewachsen: Rentner, alleinerziehende Mütter mit Kindern, Asylbewerber und Menschen, die offensichtlich irgendwann aus dem gesellschaftlichen Rahmen gefallen sind. Nur wer seine finanzielle Bedürftigkeit offenlegt, bekommt einen Tafel-Ausweis, darf einmal die Woche hier für einen symbolischen Euro einkaufen. Die Tüten füllen sich. „Das ist Tofu, kein Schweinefleisch. Muss man schön scharf anbraten“, erklärt Karola Holstein, aber die Kundin bleibt skeptisch. Am Ende nimmt sie vor allem Obst und Brot mit. „Ich komme seit etwa zwei Jahren hierher“, erzählt eine Mutter. „Ich weiß nicht, was ich ohne die Tafel machen würde. So kann ich meinen Kindern öfter mal Salat oder Obst bieten. Dafür würde das Geld sonst nicht reichen.“ Die Scham sei groß gewesen, als sie zum ersten Mal hierher gegangen sei. „Man dachte halt, man muss Müll essen. Aber jetzt bin ich sehr froh.“ „Ich habe 475 Euro im Monat“, erzählt ein Mann. Nach einem Unfall sei er arbeitsunfähig geworden, hatte einen gut bezahlten Job, war für 800 Mitarbeiter verantwortlich. Beim Versuch, sich selbstständig zu machen, verlor er viel Geld. Die Tafel, so sagt er, sei für ihn „lebensnotwendig“. „Ohne die Tafel wüsste ich jeden Monat eine Woche lang nicht, was wir essen“, ergänzt eine junge Mutter von drei Kindern. Mit strahlenden Augen freuen sich ihre Zwillinge über die Schokomuffins, die ihnen Friesen gibt. „Mushrooms? White or brown?“ Längst nicht alle Kunden sprechen deutsch, Friesen probiert es wahlweise mit Englisch. Ein Wort und seine Bedeutung kennen allerdings fast alle Kunden, die heute in die Tafel kommen, genau: „Dankeschön!“

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