Donnersbergkreis
„Wir sind unsozial geworden“: Das sagen junge Pfälzer zur Bundeswehrpflicht
Fritz Klemme aus Albisheim ist einer der jungen Männer, die in diesem Jahr einen Brief von der Bundeswehr bekommen werden. Jeder und jede aus dem Jahrgang 2008 ist davon betroffen. Der Brief enthält einen QR-Code zu einem Onlinefragebogen, in dem verschiedene Daten wie der Fitnesszustand und die grundsätzliche Bereitschaft zu einem freiwilligen Wehrdienst abgefragt werden. Männer müssen den Fragebogen ausfüllen, für Frauen ist die Beantwortung freiwillig. Sorgen macht sich der 17-Jährige Klemme keine. Sein Vater habe als junger Mann Wehrdienst geleistet – „dem hat das auch nicht geschadet“, sagt Klemme.
Mehrheit der Mitschüler will keinen Wehrdienst
Er kann sich durchaus vorstellen, freiwillig einen Wehrdienst zu machen, wenn es zwischen Abitur und Studium zeitlich passt. Und wie würde er zu einem verpflichtenden Dienst stehen? Da will sich Fritz Klemme nicht festlegen, doch sollte eine Wehrpflicht eingeführt werden, „würde ich dem natürlich Folge leisten“, sagt er.
Viele seiner Mitschüler am Nordpfalzgymnasium seien da weniger gelassen. „Die Mehrheit meiner Stufe hat keine Lust darauf“, berichtet Klemme. Er sieht ein generelles Problem seiner Generation: „Wir sind unfassbar unsozial geworden“, befindet er. Seine Generation sei sehr individualistisch, die politische Überzeugung für einen Wehrdienst fehle bei vielen. Dabei „geht es ja auch darum, Freunde und Verwandte zu schützen“, sagt Fritz Klemme. Und: „Es ist wichtig, den Wert von Freiheit und Demokratie zu sehen und das zu verteidigen.“
„Wäre gut, wenn es für alle verpflichtend wäre“
Auch junge Frauen des Jahrgangs 2008 bekommen nach ihrem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der Bundeswehr. Im Mai wird es für Leoni Mayer aus Eisenberg so weit sein. Dass Frauen den Brief nicht beantworten müssen, kann sie nicht nachvollziehen: „Es wäre gut, wenn es für alle verpflichtend wäre.“
Auch ohne Fragebogen weiß die 17-Jährige schon, dass sie nach der Schule zur Bundeswehr will. „Das war für mich schon früh klar“, erzählt Mayer. Schon mit 15 Jahren habe sie mit dem Gedanken gespielt, viele Familienmitglieder seien beim Bund gewesen. Warum sie das jetzt auch will? „Weil ich da etwas für mein Land tun kann“, sagt Leoni Mayer.
Zur Grundausbildung nach Sachsen-Anhalt
Nach der Schule geht es für sie zur Grundausbildung nach Weißenfels nahe Leipzig. Anschließend möchte sie in Rennerod im Westerwald eine Ausbildung zur Einsatzsanitäterin machen. Sorgen angesichts der Weltlage macht sich Leoni Mayer keine. Bei ihrer Familie sei das teilweise anders, dennoch werde sie bei ihrem Vorhaben unterstützt. Was hält die Eisenbergerin von einer generellen Wehrpflicht halten? „Es würde nicht schaden, das einzuführen“, sagt sie.
Für Gabriel Lawall aus Göllheim ist Wehrdienst keine Option. Denn: „Das Land bietet nichts im Gegenzug.“ Vor allem für junge Menschen tue die Politik viel zu wenig, befindet Lawall und verweist auf fehlende Investitionen in Bildung und öffentliche Freizeitangebote.
Frage nach der Wehrgerechtigkeit
Für den 19-Jährigen spielt die neue Regelung aufgrund seines Alters derzeit keine Rolle, zumal er gesundheitlich bedingt ohnehin nicht zur Bundeswehr könnte. Die Wehrerfassung findet Lawall noch akzeptabel, einen verpflichtenden Dienst würde er klar ablehnen. Weil unmöglich alle auf einmal eingezogen werden könnten, stelle sich die Frage nach der Wehrgerechtigkeit. In Zeiten militärischer Drohnen befürchtet Lawall zudem, dass eingezogene Soldaten „bloßes Kanonenfutter“ wären. Sein weiteres Argument: Wären alle nach der Schule erstmal für mehrere Monate beim Bund, würde das auch der Wirtschaft schaden.
Gerne hätte sich Gabriel Lawall auch an den bundesweiten Schulstreiks gegen eine Wehrpflicht beteiligt. Es sei aber schwierig gewesen, Mitschüler zu motivieren, weil es seitens der Schule keine Befreiung dafür gegeben hätte. Eine Beteiligung hätte also einen unentschuldigten Fehltag bedeutet. Dabei sei es – gerade auf dem Land – notwendig, dass junge Menschen sich äußern: „Meine Generation beschäftigt sich zu wenig damit, was die Politik uns antut“, befindet Lawall. „Es muss klar sein, dass wir uns das nicht gefallen lassen.“
Die Familie hat’s akzeptiert
Lawalls Mitschüler an der Fachoberschule in Göllheim, Enis Masalci aus Eisenberg, war schon bei der Bundeswehr. Nach seinem ersten Abschluss hat der heute 18-Jährige die dreimonatige Grundausbildung im Odenwald absolviert. Er habe nach der Schule nicht gewusst, was er machen solle, und sich schließlich für die Bundeswehr entschieden. „Meine Familie fand das im ersten Moment nicht so gut“, sagt Masalci, später habe sich das aber geändert.
Vor allem die gute Gemeinschaft habe ihm beim Bund gefallen, schildert Masalci. In der Grundausbildung habe er unter anderem Tarnübungen, eine Schießausbildung mit verschiedenen Waffen und Waldkunde absolviert. Drei Tage am Stück habe er im Wald verbracht. „Das war hart, hat aber auch Spaß gemacht“, sagt Enis Masalci.
„Deutschland etwas zurückgeben“
Den Fragebogen zur Wehrerfassung findet er sinnvoll. „Ich würde den Wehrdienst aber nicht verpflichtend machen“, sagt er. Neben Personal fehlten beim Bund nämlich vor allem auch Ressourcen und Ausrüstung. Daran hätten auch die bereits investierten Milliarden des Bundes nicht genug geändert.
Nach der Fachhochschulreife will Masalci vielleicht noch die Offiziersausbildung bei der Bundeswehr machen. Durch seine Grundausbildung ist er automatisch Reservist. Ob er sich deswegen Sorgen mache? „Die macht man sich immer“, sagt er. Es sei ihm aber wichtig, Deutschland etwas zurückzugeben. Und sollte der Ernstfall eintreten: „Wenn es kommt, dann kommt’s halt.“