Bayerfeld-Steckweiler
Von wegen „ab vom Schuss“: Hofgemeinschaft bricht mit Vorurteilen
Ein Leben auf Pfälzer Höfen ist idyllisch und ruhig, aber todlangweilig! Keine Geschäfte, keine Veranstaltungen, kein pulsierendes Nachtleben, nicht einmal Handy- oder Internetempfang. Nur Tiere, immer dieselben Menschen, die pure Einöde eben, und alles liegt fernab vom Schuss. Solche angestaubten Vorurteile kennen Lorena Lied (27) und Marie Luise Ruppenthal (64) vom Schmalfelderhof schon von kleinauf. Sie können darüber nur schmunzeln.
„Wenn ich erzähle, dass wir auf dem Hof sogar eine Kerwe haben, dann findet das Gerede ganz schnell ein Ende“, sagt die 27-Jährige. Die hofeigene Kerwe, auf die die Höfer besonders stolz sind, ist dabei nur ein Teil des vielfältigen Veranstaltungskalenders in der vor zehn Jahren gegründeten Hofgemeinschaft. Außer dem Schmalfelderhof gehören der 1,5 Kilometer entfernte Bremricher- und der benachbarte Leiningerhof dazu. Insgesamt sind es 65 Seelen, die auf den drei Höfen leben. Und im Zentrum des Treibens steht das Schmalfelder Bürgerhaus.
Zur Entlastung: Vereinsgründung
„Eigentlich gab es hier schon vor der Vereinsgründung sehr viel Engagement. Wir kennen es hier gar nicht anders“, sagt Vorsitzende Lied. Angefangen hat alles mit einer Kooperation: 1884 errichteten die Schmalfelder zusammen mit den Hengstbachern für 120 Kinder eine eigene Schule. Bis 1971 war diese mit Ausnahme der Kriegs- und einiger Nachkriegsjahre in Betrieb. Die 64-jährige Höferin Marie Luise Ruppenthal, zweite Vorsitzende der Hofgemeinschaft, besuchte noch bis zur dritten Klasse die Schule, kennt die Geschichte des Hauses gut. „Wir wollten das Gebäude erhalten, mit einem Umbau sollte es zum Bürgerhaus werden – natürlich mit viel Eigenleistung der Höfer.“ Der damalige Architekt habe an der hohen Stundenanzahl zunächst gezweifelt, die später sogar von den freiwilligen Helfern übertroffen wurde.
Jahrzehntelang kümmerten sich Gemeinderatsmitglieder, die von den Höfen stammten, um das Bürgerhaus und organisierten Hand in Hand mit Nachbarn Veranstaltungen. „Um sie zu entlasten, ist die Hofgemeinschaft vor zehn Jahren entstanden“, sagt Lied. Einen rechtlichen Rahmen haben sie so geschaffen, um die vorgeleistete Arbeit der Höfer fortzuführen. Und um finanziell unabhängig von der Ortsgemeinde sein zu können. „Auch hier braucht es jemanden, der vorneweg geht, wenn es um die Organisation von Aktionen geht“, ergänzt Lorena Lied. Dann aber stünden ausnahmslos alle Höfer dahinter, auch wenn nicht immer alle einer Meinung seien.
Zusammenhalt wird großgeschrieben
Selbst Seniorinnen brächten sich noch regelmäßig bei Veranstaltungen ein, wenn auch nicht hinter der Theke. Dafür können wir ihnen die Geschirrhandtücher an Festen bringen, die sie uns waschen oder sie helfen bei der Schnippelarbeit fürs Kerweessen. Damit das nicht alleine zuhause passieren muss, macht die Hofgemeinschaft mittlerweile ein Event daraus. „Wir treffen uns im Bürgerhaus, schnippeln zusammen und erzählen. Wer will, der bleibt nur ein paar Stunden und andere den ganzen Tag. Oder man kommt nur zum Erzählen vorbei“, beschreibt Marie Luise Ruppenthal.
„Natürlich trifft uns die Sorge genauso wie in anderen Gemeinden und Dörfern, wie es irgendwann einmal mit der Hofgemeinschaft weitergeht“, sagt Ruppenthal, „schließlich werden wir ja immer weniger auf dem Hof“. Während in den Häusern früher Familien mit sieben Kindern lebten, würden diese heute häufig nur noch von einer einzelnen Frau bewohnt.
Identität: Eindeutig Höfer
Ein Unterschied, ob jemand vom Schmalfelder-, Bremricher- oder Leiningerhof ist, werde nicht gemacht. Die Gemeinschaft steht im Vordergrund. „Höchstens wenn wir geografisch sprechen, verweisen wir mal auf die Höfe, aber untereinander beziehen wir uns nie darauf. Wir kennen uns ja alle“, so Lied weiter. Nur als „Daler“, also als Bayerfelder, verstünden sich die Schmalfelder und Bremricher trotz ihrer Zugehörigkeit zur Ortsgemeinde Bayerfeld-Steckweiler nicht. „Es gibt kein böses Blut, aber eben auch keinen Bezug zueinander, wir verstehen uns als Höfer“, betont die 27-Jährige. Bayerfeld-Steckweilers Bürgermeister, Fritz Müller, ist ebenfalls Höfer.
Kurios zudem: Verwaltungstechnisch gehört der Leiningerhof als dritter Hof im Bunde zur Ortsgemeinde Gaugrehweiler im Appeltal. Der Hengstbacherhof als vierte Weilersiedlung zählt wiederum zu Sankt Alban. Ähnlich komplex waren die Verbandsgemeindezugehörigkeiten noch vor der Fusionierung der ehemaligen VGs Rockenhausen und Alsenz-Obermoschel gewesen, schmunzelt Ruppenthal: „Obwohl das letzte Haus auf dem Schmalfelderhof nur gut zehn Meter vom ersten Haus auf dem Leiningerhof entfernt liegt.“
Hofleben bedeutet Abstriche
Keinen Hehl machen die beiden Frauen daraus, schon einmal mit dem Gedanken gespielt zu haben, dem Hof den Rücken zu kehren. Schließlich bringe das Leben in der Abgeschiedenheit seine Herausforderungen mit sich. Als junge Frau habe sie die Menschen in der Stadt beneidet, die sich schon am frühen Nachmittag in den Cafés tummelten, erzählt die 64-Jährige. Der Liebe wegen hatte sie ihre Heimat 20 Jahre lang verlassen. „Irgendwann wurde mir bewusst, dass in der Stadt der Wohnraum so beengt ist, dass die Menschen raus müssen, sonst fällt ihnen zuhause die Decke auf den Kopf.“
Eingeschränkt sei außerdem die Auswahl an gleichaltrigen Spielkameraden, erinnert sich Lied an ihre eigene Kindheit. „Gespielt wurde mit den Kindern, die da waren – auch wenn sie ein paar Jahre älter waren.“ Ein Schwimmbadbesuch sei „ein absolutes Highlight“ gewesen. Gefehlt habe ihr vieles trotzdem nicht: „Ich war zufrieden, wenn ich Trecker fahren konnte.“ Wer sich für das Hofleben, das nach wie vor landwirtschaftlich geprägt ist, entscheide, der müsse anders planen, wenn es um Besorgungen oder Termine gehe. „Für Hofkinder ist es das Größte, wenn sie endlich den Führerschein machen dürfen. Und dann kriegen sie auch gleich ein eigenes Auto“, weiß Ruppenthal, „Das gibt auch den Eltern Unabhängigkeit.“ Ruhe und Idylle haben ihren Preis. „Aber wir sind gut organisiert. Da nimmt auch der Nachbar mal den anderen mit, wenn das Auto in der Werkstatt ist.“
Große Jubiläumsfeier zum Geburtstag
Ein Gefühl von Abgehängtsein habe hier kaum jemand, ist Lorena Lied überzeugt. „Warum auch? Wir haben schon länger Glasfaser als manche Ortsgemeinde, können Homeoffice machen.“ Das haben mittlerweile auch einige Neubürger für sich entdeckt, ihre Zelte in Großstädten wie Mainz abgebrochen. Möglichkeiten sich zu integrieren gibt es zahlreiche – ob bei der hofeigenen viertägigen Kerwe, bei der regelmäßig 60 Schichtdienste besetzt werden müssen, beim Stammtisch, im Gemeinderat, in der Hofgemeinschaft und seinen vielen Veranstaltungen rund ums Jahr oder „einfach nur beim Feierabendschwätzchen auf einer Bank“.
Den nächsten Anlass zum Zusammenkommen gibt es am Sonntag, 24. August. Von 11 bis 18 Uhr feiert die Hofgemeinschaft ihren zehnten Geburtstag. Sie hat sich dafür ein ordentliches Programm einfallen lassen: Los geht es um 11 Uhr mit einem Gottesdienst. Um 12 Uhr wird das Höferfest offiziell am Bürgerhaus eröffnet. Unter anderem finden Workshops statt, bei denen Blumenkränze als Haarschmuck gebunden und Steine bemalt werden. Außerdem gibt es eine Hofrallye für Groß und Klein sowie ein Quadralon ab 15 Uhr, bei dem die Disziplinen Laufen, Radfahren, Bogenschießen und Heuballenrollen im Fokus stehen. Außerdem erhalten Interessierte einen Einblick in die Kartoffelernte, es gibt Ausstellungen von landwirtschaftlichen Geräten, Keramikkünstler Ilo Jung und Familie Bittkau zeigen ihre Kunst. Selbstgebaute Weihnachtskrippen gibt es von Horst Heinl. Die Hofgemeinschaft bietet einen „Zu-verschenken-Flohmarkt“, außerdem gibt es Imkerei-Erzeugnisse, Edelsteine, Kräuter, Deko- und Geschenkartikel sowie musikalische Unterhaltung.
Straßensperrung
Die Ortsdurchfahrt Brunnenstraße/K26 in Bayerfeld-Steckweiler/Schmalfelderhof ist am Sonntag, 24. August, zwischen 8 und 20 Uhr für den Fahrzeugverkehr voll gesperrt. Anlieger sind bis zum Veranstaltungsort frei. Eine Umleitung ist über die K25/L400 eingerichtet.