Sippersfeld RHEINPFALZ Plus Artikel Von Kohl bis Honecker: Sippersfelder hütet 150 besondere Gäste

Norbert Dech und seine Ehefrau Anette teilen mittlerweile die Leidenschaft für die rauchenden Holzköpfe.
Norbert Dech und seine Ehefrau Anette teilen mittlerweile die Leidenschaft für die rauchenden Holzköpfe.

Räuchermännchen sind eine Handwerkskunst, die kaum noch Beachtung findet. Norbert Dech hingegen sammelt seit seiner Kindheit. Angefangen hat alles mit Besuchen in der DDR und einem schlechten Wechselkurs.

Während Raucher seit Jahren aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, sind sie unter dem Dach des Sippersfelder Norbert Dech ausdrücklich gern gesehen. Allerdings nur 150 speziell erlesene Personen. Oder besser gesagt: Persönchen. Die Herren und – darunter gibt es auch einige Damen – eint noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle stammen aus dem Erzgebirge und haben meistens einen ganz schönen Holzkopf. Eine Eigenart die Norbert Dech vielmehr fasziniert als irritiert. Denn der 77-Jährige sammelt seit seiner Kindheit leidenschaftlich gerne Räuchermänner.

Etwas ungewöhnlich ist das Hobby für einen Pfälzer allerdings schon, gibt er zu.

Des Öfteren habe seine Begeisterung für die gedrechselte Handwerkskunst aus dem Osten der Republik für die eine oder andere Verwunderung gesorgt. Dechs Antwort, wieso sein Herz an den Figuren mit den offenen Mündern hängt, klingt ganz einfach: „Meine Mutter stammte aus dem Erzgebirge.“ Dechs Vater hingegen aus Sippersfeld. „Als Soldat war er während des Zweiten Weltkriegs im Haus der Familie meiner Mutter einquartiert“, berichtet er weiter. In dieser Zeit hätten sich seine Eltern ineinander verliebt. Nach Ende des Kriegs siedelte das Paar in die Nordpfalz über, gründete in Sippersfeld ein Zuhause und eine Familie.

Ostmark-Investition: Räuchermänner

Die Bande zum Rest der Familie ins Erzgebirge sei aber nie abgerissen, betont Dech. „Bei den Besuchen mussten wir ja immer Geld umtauschen. Schließlich lag das Erzgebirge in der damaligen DDR.“ Entsprechend zehn Westmark mussten pro Tag in Ostmark gewechselt werden – „mit dem Unterschied, dass man drüben für das Geld einfach nichts bekommen hat. Es gab ja nichts“, erinnert sich der 77-Jährige. Auch der Rücktausch nach dem Aufenthalt habe sich kaum gelohnt: 2,50 Westmark gab’s für zehn Ostmark nämlich nur noch. Glücklicherweise seien seine Verwandten immer sehr an der Westmark interessiert gewesen, hatten ihm die Währung im Verhältnis eins zu eins getauscht.

Also investierte er die fremde Währung schon früh in Räuchermänner. „Damals war unser ganzes Spielzeug, das wir zu Weihnachten bekommen haben, immer aus Holz“, erzählt Dech, warum ihn der Werkstoff schon immer fasziniert. Später absolvierte er sogar eine Lehre als Industriekaufmann in einem Holzwerk. Bereits am Dreikönigstag seien die Sachen auf mysteriöse Weise wieder verschwunden. Das Christkind habe es geholt, hieß es damals. „Im nächsten Jahr stand dasselbe Spielzeug wieder unterm Weihnachtsbaum“, sagt Dech.

Bekanntschaft mit DDR-Regime

Mit jedem weiteren Besuch im Erzgebirge sei seine Sammlung gewachsen: „Ein Lieblingsonkel war Schreiner und hatte Beziehungen. Er ist häufiger an ganz besondere Räuchermänner gekommen, die es so nicht auf dem Markt gab.“

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Doch mit den „Holzköpfen“, wie seine Frau Anette die Räuchermänner liebevoll nennt, und den Besuchen im Erzgebirge verknüpft Dech nicht nur unbeschwerte Stunden. So sei die Anreise in die DDR immer „kompliziert gewesen, vor allem weil meine Eltern beide bei Amerikanern arbeiteten“. Eine Begegnung mit den Behörden habe einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Als seine Eltern einmal ohne ihn Richtung Erzgebirge unterwegs gewesen waren, habe plötzlich ein schwarzer Moskwitsch das Paar aus der Schlange am Grenzübergang in ein entlegenes Waldstück gelotst. Dech weiß: „Dort wurde meine Mutter immer wieder gefragt, ob sie für die DDR bei den Amerikanern spionieren will.“ Aus Angst habe sie zugestimmt – auch im Glauben, damit größeren Ärger während ihres Aufenthalts vermeiden zu können. „Zurück im Westen hat sie ihren Arbeitgeber sofort informiert.“ Mit weitreichenden Folgen: „Zehn Jahre durfte sie dann nicht mehr in die DDR einreisen.“

„Mir haben die Knie geschlottert“

Als frischgebackener Besitzer eines Führerscheins ging es für Dech ab da alleine ins Erzgebirge, um die Großmutter für einige Wochen in die Pfalz zu holen. Im Nachhinein nicht ganz ungefährlich, findet er: „Da haben mir immer die Knie an der Grenze geschlottert.“ Schließlich hätten die Beamten auch mit Spiegeln unter den Boden des Autos nach blinden Passagieren Ausschau gehalten. Einmal rissen die Grenzer sogar die Rückbank aus dem Fahrzeug „und überließen mich anschließend meinem Schicksal. Das war schon eine schlimme Zeit.“ Aber die Räuchermänner habe er trotzdem immer gerne gekauft.

Mittlerweile ist seine Sammlung erheblich angewachsen – darunter die unterschiedlichsten Formen und Gestalten. So gibt es besonders schmal gewachsene Figuren, andere haben dicke Köpfe oder urige, lange Bärte. „Meistens stellen die Räuchermänner einen Beruf oder eine Lebenssituation oder auch einen Prominenten dar“, erklärt Anette Dech und verweist auf die neuesten Errungenschaften ihres Mannes – die Politiker Helmut Kohl und Erich Honecker.

Altkanzler Helmut Kohl als Räuchermann.
Altkanzler Helmut Kohl als Räuchermann.

Räuchermänner in bunter Vielfalt

Bei einem Blick ins Wohnzimmer lässt sich noch einiges mehr entdecken: Da stehen Räuchermänner als Bäcker, Musikanten oder mit Schlafmütze und Nachttopf, als Bauer, Postboten, sogar als Pfarrer samt Klingelbeutel oder Nikolaus. Ein gut 35 Zentimeter großer Nachtwächter und ein noch größerer Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ gehören ebenfalls zur Sammlung.

Auch eine Version von Erich Honecker gibt es.
Auch eine Version von Erich Honecker gibt es.

Auffällig sind auch ein paar Räuchermänner mit einer weniger ebenen Oberfläche. „Diese hier sind aus einem Stück geschnitzt.“ Normalerweise werden die Figuren aus Lindenholz oder einem anderen Holz eines heimischen Laubbaums gedreht und bestehen aus zwei Teilen, erklärt Dech. Etwas in die Jahre gekommene, ramponierte Exemplare habe er früher selbst restauriert. Mittlerweile fehle ihm dazu aber die Geduld: „Das ist schon eine ganz schön diffizile Arbeit.“

Keine Ware aus Taiwan

Über all die Jahre habe er einen fachmännischen Blick entwickelt: „Ware aus China oder Taiwan kommt mir nicht ins Haus.“ Die erkenne er sofort. Woran genau, kann er nicht erklären. „Ein Tipp ist: 20 Euro für einen 20 Zentimeter großen Räuchermann aus dem Erzgebirge – das kann niemals sein.“ Ein Beispiel: Für den fast 40 Zentimeter großen Lehrer Lämpel habe er 400 D-Mark gezahlt.

Das wohl älteste Stück und damit auch das wertvollste in seiner Sammlung ist übrigens ein Förster, der laut Dechs Einschätzung 1939/1940 entstanden sein müsste, und der sich optisch deutlich unterscheidet: Nicht nur fehlen ihm nach all den Jahren Flinte und ein Holzstapel, den er auf dem Rücken trug. „Sein Kopf ist aus Pappmaché.“

Lehrer Lämpel aus „Max und Moritz“ und ein Nachtwächter sind die größten Figuren.
Lehrer Lämpel aus »Max und Moritz« und ein Nachtwächter sind die größten Figuren.

Ab 1. November beginnt Saison

Für den 77-Jährigen ist das kein Problem: „Meine Räuchermänner rauchen eh nicht.“ Um die wertvolle Handwerkskunst zu schonen, zündet Dech die Räucherkerzen ausschließlich in einer kleinen Räucherkanne an. Ob Glühwein-, Zimt- oder Lebkuchenduft: Mittlerweile hat er eine beachtliche Auswahl an Räucherkerzen gesammelt. „Wenn meine Frau mal unterwegs ist, zünde ich schon einmal eine nach der anderen an“, gibt er schmunzelnd zu. Allerdings beschränkt sich der Pensionär auf die Vorweihnachtszeit. „Meistens kann ich den 1. November gar nicht abwarten – dann geht’s nämlich los.“ Generell sei ihm die Weihnachtszeit sehr wichtig, betont er. Über die Feiertage kommen dann die drei Enkel zu Besuch und bestaunen die bunte Vielfalt der „Holzköpfe“. Nach der Weihnachtszeit muss die Raucher-Gesellschaft aber nicht ausziehen. „Sie stehen das ganze Jahr über.“

So wie ein Räuchermann auf einem Fahrrad auf der Wohnzimmeranrichte. „Den habe ich zu meinem Abschied aus dem Beruf geschenkt bekommen. Da war ich nämlich viel mit dem Fahrrad unterwegs“, erzählt der 77-jährige Betriebswirt stolz, der auf 38 Jahre in der BASF zurückblickt.

Ausstellung denkbar

Seine Frau Anette hingegen findet eine moderne Variante aus Edelstahl und Messing ulkig, die sie von ihrem Sohn geschenkt bekommen haben. Ihr Umfeld müsse aber keine Sorge haben, immer nur mit Räuchermännern beschenkt zu werden. „Viele wissen mit der Arbeit, die dahinter steckt, kaum etwas anzufangen“, ist sich Dech bewusst. Umso mehr freut es ihn, dass einer seiner Enkel Paul Breitner als Räuchermann auf seinem Schreibtisch stehen habe.

Um sich trotzdem über sein Hobby mit anderen austauschen zu können, habe er sich jahrelang einem Räuchermänner-Sammelclub angeschlossen. Die Gemeinschaft habe beispielsweise gemeinsame Ausflüge ins Erzgebirge organisiert. „An denen haben wir aber nicht teilgenommen. Wir sind öfter mal so nach Seiffen gefahren und sind meistens nicht ohne eine Figur zurückgekommen“, sagt Dech. Inzwischen hat die Sammelleidenschaft aber etwas abgenommen. „Sie sind ja doch auch Staubfänger.“ Obwohl seine Frau zu Beginn ihrer Beziehung nicht viel mit den Räuchermännern anfangen konnte, ist sie diejenige, die immer mal wieder nach neuen Exemplaren Ausschau hält. „Es ist doch jetzt genug“, findet Dech beim Anblick seiner beträchtlichen Sammlung und noch weiteren Holz-Schätzen aus dem Erzgebirge wie Tannenbaumschmuck, einigen Schmuckbögen, Nussknackern und Weihnachtspyramiden. Was er sich hingegen gut vorstellen könnte, wäre eine Ausstellung beim Sippersfelder Kulturverein: „Ich freue mich nämlich immer, wenn noch jemand anderes außer mir meine Räuchermänner zu Gesicht bekommt.“

Alt versus neu: Der älteste Räuchermann in Dechs Sammlung wurde wahrscheinlich vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Daneben eine ne
Alt versus neu: Der älteste Räuchermann in Dechs Sammlung wurde wahrscheinlich vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Daneben eine neue Interpretation aus Edelstahl und Messing.
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