Rockenhausen
„Untragbare Zustände“: Streit um neue Toilettenregel an Schule eskaliert
Jungs pinkeln in die Blumenbeete der Schule, Fünftklässler trinken den ganzen Schultag über kaum etwas, um nicht auf Toilette zu müssen, und Oberstufenschüler haben Angst, wegen eines Toilettengangs wichtige Zeit fürs Lernen zu verlieren: Was unglaublich klingt, ist laut Schülern, Lehrkräften und Eltern an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rockenhausen aktuell Alltag. Seit Wochen bewegt die Toilettensituation die gesamte Schulgemeinschaft. Es herrscht Ausnahmezustand.
Mitte März wurde eine neue Regel eingeführt, die die Benutzung der Toiletten für die Schülerschaft während der Unterrichtszeiten einschränkt. Die Regel geht mit der Umstellung auf ein neues Türschließsystem des Anbieters Pfalzconnect einher. In einer Mitteilung, die die Schulleitung zu diesem Thema herumgeschickt hat, steht: „Die programmierten Öffnungszeiten liegen vor Unterrichtsbeginn (bis 8 Uhr), in den großen Pausen und in der Mittagspause. Sollten Schülerinnen und Schüler unbedingt während des Unterrichts die Toilette aufsuchen müssen, liegt im Sekretariat ein Chip bereit, der gegen Unterschrift ausgeliehen werden kann. Dies gilt auch für die Freistunden der Oberstufe.“ Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Schüler während des Unterrichts oder in den Freistunden nur mit vorher im Sekretariat abgeholtem Chip zum Klo gehen können.
„Toiletten von heute auf morgen geschlossen“
Die Hintergründe zu der jüngsten Vorschrift liegen bereits etwas zurück. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Vandalismusvorfällen in den Schultoiletten. Türen wurden eingetreten, Seifenspender zerstört – teure Sanierungen waren nötig. Die Lage eskalierte schließlich, als vermehrt Fäkalien an die Wände geschmiert wurden und sich die zuständigen Angestellten weigerten, die Toiletten zu säubern. Mehr noch: „Weinende Putzkräfte sind zu mir gekommen, weil sie die Situation nicht mehr ausgehalten haben“, erzählt Schulleiter Dirk Melzer. Als Folge griff die Schulleitung hart durch – und führte das neue Schließsystem ein.
"Weinende Putzkräfte sind zu mir gekommen, weil sie die Situation nicht mehr ausgehalten haben."
Dass die Debatte um die Schultoiletten sehr emotional geführt wird, zeigt sich im RHEINPFALZ-Gespräch mit mehreren Schülern der Jahrgangsstufe 12. Etwa zehn Jungen und Mädchen melden sich zu Wort: Seit der Regeleinführung herrsche wegen der überfüllten Toiletten Chaos. Für die insgesamt rund 850 Schüler habe es anfangs nur zwei Toiletten-Chips gegeben. Durch sehr lange Wartezeiten hätten sich in den Pausen riesige Schlangen gebildet. Wer dagegen während des Unterrichts aufs Klo wolle, verpasse Unterrichtszeit. Und vor allem die Kommunikation rund um die Regeländerung sei ein Desaster gewesen. „Von heute auf morgen waren die Toiletten geschlossen“, heißt es aus den Reihen der Schüler. Sie fühlten sich diskriminiert und nicht ernstgenommen.
Auch Eltern umtreibt die Lage an der IGS. Für Jochen Grimm, Vorsitzender des Schulelternbeirats (SEB), ist das „Toilettenthema“ nicht neu, sondern es ziehe sich wie ein roter Faden durch seine inzwischen siebenjährige Amtszeit, wie er im RHEINPFALZ-Gespräch betont. „Verschmutzte Toiletten mit an die Wand geschmiertem Kot oder mutwillig zerstörte Objekte sind leider jährlicher Alltag. In der Vergangenheit kamen das Vapen und das Filmen von Toilettengängen hinzu. Der SEB war sich dahingehend einig, dass hier etwas geschehen musste“, macht Grimm deutlich. Gemeint ist das heimliche Filmen von Toilettengängen mit dem Handy. Schüler stecken ihr Mobiltelefon durch den Spalt zwischen Tür und Boden und nehmen andere auf. An vielen Schulen kommt das immer wieder vor. Aus diesen Gründen habe sich der SEB mit der Kreisverwaltung als Schulträger sowie mit der Schulleitung darüber ausgetauscht, wie das Problem eingedämmt werden könnte.
„Nicht tragbare Zustände“
Eine gemeinsame Lösung sei dann aber zunächst nicht erarbeitet worden. Stattdessen: „Leider kam es dann zu einer Schließzeitenregelung der Toiletten, von der wir nur über unsere Kinder erfahren hatten. Die neue Vorschrift führte zu langen Wartezeiten für Toilettengänge während der Unterrichtszeit, weil zunächst nicht genügend Chips zur Verfügung standen“, so Grimm.
Schüler und Eltern kritisieren die Regel deutlich. Von „nicht tragbaren Zuständen“ ist gegenüber der RHEINPFALZ die Rede. Und auch der SEB reagiert entsprechend: „Wir haben bei der Kreisverwaltung und der Schulleitung interveniert, was jetzt seit vergangener Woche zu einer verbesserten Öffnungszeit nach Schulbeginn, nach den Pausen und vor regulärem Unterrichtsende führte. Außerdem wurde uns zugesagt, dass die Anzahl der Chips deutlich erhöht würde.“ Nach RHEINPFALZ-Informationen sollen inzwischen sechs Chips vorhanden sein. Die Öffnungszeiten der Toiletten wurden rund um den Schulbeginn, die großen Pausen und die Mittagspause um je eine Viertelstunde ausgeweitet.
Aus Grimms Sicht ist das ein Teilerfolg. „Damit sind wir zunächst zufrieden und erwarten das Feedback unserer Kinder. Wir hoffen aber nicht nur, dass die Kreisverwaltung und die Schulleitung uns folgen, sondern auch darauf, dass unseren Kindern und allen Eltern bewusst wird, dass eine Toilette der Schule ebenso benutzt werden sollte wie eine Toilette zu Hause“, fügt der SEB-Vorsitzende an. Die Resonanz aus dem Gespräch mit den Schülern der Stufe 12 zeigt: Aus ihrer Sicht hat sich die Lage nicht wirklich verbessert.
Schulleiter erläutert Entscheidung zu Regelung
Ein Teil der Kritik rund um die neue Toilettenregelung richtet sich gegen Schulleiter Dirk Melzer. Er ordnet das Thema aus seiner Sicht ein: „Natürlich habe auch ich den Wunsch, die Toiletten immer offenzulassen. Das wäre schön, ist aber nicht möglich.“ Die erwähnten weinenden Putzkräfte und die hohen Sanierungssummen wegen zahlreicher Vandalismusschäden seien das eine. Hinzu komme aber ein weiteres großes Problem: Schüler würden die Toiletten für das Fernbleiben vom Unterricht nutzen. Melzer spricht von „Verabredungen zum Toilettengang“. Der Schulleiter fügt an: „Dabei handelt es sich zwar um eine Minderheit, wir haben viele vernünftige Schüler, die sich an die Regeln halten. Aber eben auch einige, die es nicht tun.“
Die Schulleitung befindet sich mit dem SEB und dem Kreis als Träger in stetigem Austausch, wie Melzer sagt. Aus einem solchen heraus sei die Maßnahme beraten und dann mehrheitlich beschlossen worden. Dass das Thema polarisiert und spaltet, ist Melzer bewusst. Doch: „Dass man die Interessen aller Beteiligten gleichzeitig befriedigt, funktioniert eher nur in der Theorie.“ Zur Kommunikation rund um die Einführung der neuen Toilettenregel sagt der Schulleiter, dass die Informationen auf den üblichen Kommunikationswegen der Schule verbreitet worden seien. Er fügt an: „Für den Informationsfluss innerhalb der Schülerschaft bin ich aber nicht zuständig.“ Fest steht aus seiner Sicht außerdem, dass das neue Prozedere bestehen bleiben wird.