Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Tiktok, Instagram und Co: „Manchmal spüre ich eine Abhängigkeit“

Meva (18, links) und Helena (17) lesen Bücher am liebsten analog, gehen aber shoppen ohne Bargeld – und brauchen Podcasts, um ih
Meva (18, links) und Helena (17) lesen Bücher am liebsten analog, gehen aber shoppen ohne Bargeld – und brauchen Podcasts, um ihr Zimmer aufzuräumen.

Junge Menschen leben digital: Nachrichten lesen sie online, Schmuck shoppen sie bei Amazon, Hausaufgaben erledigen sie mit dem Ipad. Können sie noch ohne Smartphone?

Helena Schwalb (17) und Meva Ciftci (18) sind Schülerinnen des Nordpfalz-Gymnasiums in Kirchheimbolanden. Sie sind mit Smartphones, Snapchat und digitalen Schulbüchern aufgewachsen. Sie kennen kein Leben ohne. Dennoch sagen die beiden Abiturientinnen: „Manchmal brauchen wir eine Auszeit.“ Wir haben mit ihnen über Tiktok-Sucht, gefährliche Selbstinszenierung und Sport mit Spotify gesprochen.

Helena und Meva, wie beginnt euer Tag? Direkt mit dem Smartphone?
Meva: Naja, Handy und Tablet sind fester Bestandteil unseres Alltags. Ich checke gleich früh im Schulbus die Nachrichten, zum Beispiel auf tagesschau.de oder lese auch mal einen längeren Artikel. Über Instagram sehe ich, dass schon viele Freunde um 6 Uhr morgens online sind.

Helena: Ich lese auch im Bus online regionale und überregionale Nachrichten. Das ist meine Morgenroutine.

Meva: In der Schule brauchen wir dann direkt das Tablet, weil wir alle Bücher digital haben.

Habt ihr überhaupt noch Bücher in eurem Rucksack?
Helena: Ich bin noch etwas old school (lacht) und nutze keine digitale Bücherausleihe. Nicht, weil ich das nicht gut finde, im Gegenteil, aber für mich ist es manchmal besser, beim Lernen in einem Buch zu blättern und Textstellen zu markieren. Oft schreibe ich sogar noch auf einen Block. Dennoch: In der Oberstufe läuft fast alles übers IPad. Wir kriegen im Unterricht auch live die Materialien geschickt.

Meva: Die Kommunikation mit den Lehrern ist digital über die Schul-App viel einfacher und flexibler als früher. Wir können auch abends mal etwas nachfragen oder spontan vor Kursarbeiten – und kriegen direkt Antworten. Ohne die App ginge das nicht, wir müssten bis zum nächsten Tag warten oder übers Wochenende – und dann ist’s vielleicht schon zu spät.

Helena: So eine App vereinfacht viele Absprachen. Man ist allerdings rund um die Uhr erreichbar. Und es verleitet, ständig am Handy zu sein ...

Was lenkt mehr ab: IPad oder Handy?
Helena und Meva: Das IPad impliziert Schule, Arbeit, Lernen. Das Handy steht für Freizeit, Freunde, Spaß. Bei Hausaufgaben lenkt eher das Blinken und Piepsen des Handys ab. Man verliert die Konzentration.

Gibt es Momente, Stunden, Tage, in denen ihr das Smartphone weglegt?
Helena: Meine Mutter schaut schon darauf, dass wir gut mit all den digitalen Dingen umgehen. Es ist ja nicht das echte Leben. Meine Geschwister und ich haben erst recht spät ein Handy bekommen.

… was heißt spät?
Helena: Erst mit der 5. Klasse, weil ich dann mit dem Bus fahren musste. Damals hatte ich auch nur Whatsapp, um mit meinen Eltern zu kommunizieren; Instagram, Snapchat und Tiktok noch nicht. Deswegen wurde ich vorher schief angesehen von anderen.

Hast du dich ausgegrenzt gefühlt?
Helena: Ja, schon irgendwie. Bei uns hatten einige in der Grundschule ein Handy. Meine Mutter hatte mir damals angeboten, dass ich über ihres mit Freunden oder im Klassenchat schreiben kann. Das unterlag dann halt einer gewissen Kontrolle.

Meva: Ich habe in der 3. Klasse ein Tastenhandy zum Aufschieben bekommen – um meinen Eltern zu schreiben, wenn ich irgendwo bin.

... so eines mit maximal 160 Zeichen und ohne Emojis ...
Meva: Ja, genau. Und Instagram zum Beispiel durfte ich erst viel später nutzen; mit Ende 14 oder so. Meine Eltern wollten mich schützen, sie wissen ja, was auf diesen Plattformen so passiert. Man bekommt verschiedene Inhalte zu früh mit.

Helena: Am Anfang hat meine Mutter noch kontrolliert, was ich so poste. Klingt stalkerhaft, ist aber gar nicht so verkehrt. Denn man kann das in dem Alter noch nicht einschätzen, wie man gut und richtig damit umgeht, damit es kein böses Erwachen gibt. Das fällt uns sogar jetzt noch schwer.

Ohne welche Apps geht in eurer Generation gar nichts?
Meva und Helena gleichzeitig: Snapchat und TikTok.

Meva: Aber ich hab kürzlich mal eine Challenge mit einem Freund gemacht: Wir haben TikTok für eine bestimmte Zeit deaktiviert ...

Helena: ... ich bin da auch recht konsequent; am Wochenende zum Beispiel lösche ich TikTok. Denn ich merke, wie ich manchmal in die Suchtfalle tappe. Ich will ständig auf Tiktok gehen. Deshalb hatte ich mal eine Wette mit einem Kumpel, wer es schafft, länger auf TikTok zu verzichten. Der Verlierer musste eine Pizza ausgeben. Das haben wir drei Monate durchgezogen.

Ich habe dabei gemerkt, dass ich in der Zeit, viel produktiver war. Es war sehr befreiend, nicht so einen Drang zu spüren, immer draufzugehen. Das hat mir auch in der Klausurphase geholfen. Da lösche ich zum Beispiel auch Instagram für mehrere Wochen.

Meva: Das ist wichtig. Sonst kriegt man das wirklich nicht hin.

Helena: Trotzdem spürt man Sehnsucht, und denkt zwischendurch: Ich bräuchte jetzt dringend Ablenkung.

Und wie lenkt ihr euch stattdessen ab?
Meva: Bücher lesen. Ich habe immer gedacht: Dafür ist keine Zeit. Das stimmt aber nicht, man hat Zeit. Sie wird nur falsch genutzt. Zum Beispiel weil man zu häufig unkontrolliert ans Handy geht. Das hat mich von anderen, intellektuell fordernden Hobbys abgehalten. Und mir ist aufgefallen: Wer weniger liest, kann sich schlechter artikulieren – das habe ich auch an mir selbst festgestellt. Als ich wieder angefangen habe Bücher zu lesen, hat sich mein Sprachschatz verbessert und erweitert. Man kann das Rad also zurückdrehen.

Da gehört viel Selbstdisziplin dazu ...
Helena: Wir kriegen das mittlerweile ganz gut hin, aber wir kennen junge Menschen, die sind echt süchtig. Deshalb mache ich mit meinem Freund auch heute noch Handy-Fasten. Immer wenn wir merken, wir driften wieder ab, gehen wir offline. Das hält auch mal drei Monate an.

Snapchat finde ich richtig schlimm. Man bekommt eine Nachricht und will direkt draufgehen und reagieren. Ich fühle da schon eine gewisse Abhängigkeit.

Meva: Ich mache fast nichts auf Snapchat; ich sehe darin eine Gefahr. Es gibt viele, die nehmen dort auch Unbekannte als Freunde an; sie stimmen 100 Anfragen zu. Das führt schnell zu psychischen Problemen, weil Kontakt aufgebaut wird, zum Beispiel zwischen zwei Menschen in Kibo und Hamburg. Dann sind die in dieser virtuellen Welt so gut befreundet, dass sie denken, sie kennen sich. Dabei wissen sie gar nicht, wer am anderen Ende des Handys sitzt. Wenn dann ein einer der beiden den Kontakt abbricht, empfindet es der andere möglicherweise als sehr dramatisch.

Vor allem Mädchen posten ständig Bilder von sich, die sie vorher bearbeiten. Man erkennt die Person kaum mehr wieder. Sie sind dann in einer anderen Welt, der Social-Media-Welt, und entfernen sich von ihrer eigenen Identität. Ich denke, sie verlieren den Bezug zur Realität.

Wann geht ihr mal offline?
Meva: Über die Ferien oder im Urlaub lege ich das Handy oft einfach mal weg oder nutze es nur für Fotos. Ich versuche dann , in dem Moment zu leben. Sonst ist man am schönsten Ort und sieht ihn nicht, weil man chattet.

Wenn ich aber mit Freunden essen bin, haben wir die Regel, dass wir alle Handys auf einen Stapel legen. Der ist dann richtig hoch.

Helena: Bei uns gibt’s zu Hause am Tisch auch keine Handys.

Meva: Aber auch da wird ja viel über Apps gesteuert – zum Beispiel Licht und Rollläden; die Alexa ist ja auch gekoppelt.

Bestimmt kauft ihr auch alles online ein. Oder geht ihr noch in Geschäfte?
Helena: Manchmal bestelle ich bei Amazon, ansonsten gehe ich auch mal in die Stadt, um Klamotten anzuprobieren oder in Vintage-Läden.

Meva: Schmuck, Accessoires, Taschen und so shoppe ich übers Handy

Helena: Ich brauche mein Handy, um zu bezahlen. Das ist sehr praktisch. Ich habe kaum mehr Bargeld bei mir oder eine EC-Karte.

Nehmt ihr das Handy zum Sport mit?
Helena und Meva: Ja, wegen Spotify beim Laufen. Und wenn ich mein Zimmer aufräume, brauche ich Spotify für Musik, Podcasts, Hörspiele.

Meva: Bei mir kommt die Motivation beim Sport noch mehr durch Musik.

Nutzt ihr euer Smartphone überhaupt noch zum Telefonieren?
Helena: Ich mag das, mal zu sprechen. Mit engen Freunden. Bei neuen Freundschaften schreibt man eher.

Meva: Oder wir schicken uns ewig lange Sprachnachrichten und Videos.

Wie lest ihr Bücher?
Helena: Ich lese im Urlaub über Tolino, weil ich da mehr Bücher drauf habe. Zu Hause mag ich es mehr, ein richtiges Buch in der Hand zu halten.

Meva: Ein echtes Buch gibt ein viel schöneres Gefühl. Man liegt am Strand, sieht die Buchstaben auf der Seite. Auf dem Tolino oder im Handy sieht man bei Sonne nicht gut.

Helena: Abends schauen wir nochmal in die Newsletter, was am Tag so wichtig war – oder auch in die App von „Logo“. Früher hab ich das jeden Abend geschaut – weil Nachrichten kurz, prägnant und kindgerecht erklärt werden.

Wer weckt euch morgens? Das Handy oder ein echter Wecker?
Meva: Meine Mutter mag nicht, dass ich das Smartphone im Zimmer habe, wegen der Strahlung. Ich lege es deshalb ans andere Ende. So stehe ich beim Klingeln auch direkt auf (lacht).

Helena: Ich lege das Handy nachts freiwillig raus, deshalb weckt mich meine Mama morgens. Und dann ist wieder Zeit, die Weltlage zu checken (lacht).

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