Donnersbergkreis
Spaziergang ohne Leine: Für Hunde die Freiheit, für Rehe der Tod
Erst kürzlich haben wir in dieser Zeitung – wieder einmal – an Hundebesitzer appelliert, in Wald und Feld ihre Lieblinge an die Leine zu nehmen – vor allem in der Setzzeit, also der Zeit, in der Rehkitze geboren werden. Viel genutzt hat es offenbar nicht. Kurz danach bekamen wir von Leserseite aktuelle Rückmeldungen. Tenor: Nach wie vor sind viele Hundebesitzer vollkommen uneinsichtig. Ein Leser hat uns sogar ein Foto gemailt. „Habe gestern am Saukopf in Albisheim, rund 60 Meter vom Hochsitz entfernt, ein totes Reh entdeckt, das wohl trächtig war“, schreibt er dazu. Das Foto zeigt deutliche Bissstellen, unter anderem an einem Hinterlauf. „Hierbei könnte es sich möglicherweise um eine Hundeattacke gehandelt haben“, so seine Vermutung.
Das Foto passt genau zu einer anderen Aufnahme, die uns Jörg Freihöfer, der Pächter des Jagdreviers Kirchheimbolanden, zur Verfügung gestellt hat. Wie er berichtet, stößt er immer wieder auf Kadaver von Rehen, die allem Anschein nach von Hunden gehetzt und verbissen wurden. Manchmal sind sie auch noch nicht verendet, sondern „nur“ halbtot. Dann muss er den Gnadenschuss geben und das Tier von seinen Qualen erlösen.
Halb totgebissener Rehbock muss erlöst werden
Vor wenigen Tagen hatte er wieder einmal einen solchen Fall. „Ich wurde von dem Besitzer eines Grundstücks darauf aufmerksam gemacht“, erinnert er sich. „Der hatte ein Reh gesehen, das offensichtlich verletzt war.“ Freihöfer machte sich in dem beschriebenen Waldareal auf die Suche und wurde auch fündig: „Der etwa zweijährige Rehbock lag auf einer Wiese im Judental. Er war so geschwächt, dass er nur noch den Kopf heben konnte. Als ich näher kam, konnte ich feststellen, dass er überall am Körper völlig verbissen war. Unter anderem hatte er Bissspuren an der Achillessehne, die war regelrecht rausgerissen. Dieses Bissbild ist typisch für Hunde.“ Luchse oder Wölfe, die rein theoretisch ebenfalls als Beutegreifer in Betracht kämen, würden solche Spuren nicht verursachen. „Sie machen einen Kehlbiss, und dann ist das Tier tot.“
Freihöfer hat den schwerverletzten Rehbock dann erlöst. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Über die Naivität von Hundebesitzern ärgert er sich schon, so lange er Jäger ist. „Die Leute lassen ihre Hunde einfach rennen“, sagt er. „Wenn man sie anspricht, wird deutlich, dass sie einfach nicht glauben, dass ihr Hund überhaupt imstande ist, so etwas zu tun.“
Die üblichen Ausreden
Es kämen dann immer die üblichen Ausreden: Der ist zu klein, überhaupt nicht aggressiv, ein Schoßhund, ganz sanftmütig mit anderen Tieren. „Oder sie sagen sowas wie: ,Das ist doch ein Labrador, der ist doch gar nicht für die Jagd gezüchtet’“, sagt Freihöfer, und man sieht ihm die Verärgerung an. „Dabei ist das vollkommen egal, was das für Züchtungen sind“, betont er. „Jeder, ich wiederhole, jeder Hund hat einen Jagdinstinkt. Ob Chihuahua oder Labrador. Das sind im Normalfall eben nicht die typischen Rottweiler, sondern ganz normale Hunde.“
Die Besitzer machen sich das überhaupt nicht klar. Stattdessen ließen die Hundehalter ihre Vierbeiner nach Herzenslust rennen und toben. „Die fahren die stillgelegte Straße Richtung Schützenhaus am Michelsacker hoch – übrigens obwohl die für den normalen Verkehr eigentlich gesperrt ist –, parken dort am Waldrand und lassen ihre Hunde los. Die verschwinden dann eine ganze Weile, und wenn sie zurückkommen, sind sie vollkommen fertig und abgekämpft. Die Besitzer freuen sich und denken, der hat sich richtig ausgepowert. In Wirklichkeit hat er ein Tier gehetzt.“
Todeskampf auf Raten
Es kommt oft vor, dass die Hunde das Wild nicht töten, sondern nur verbeißen, sagt Freihöfer. Manchmal kämen die Hunde sogar an mehreren Tagen zu ihrem verletzt um sein Leben kämpfenden Opfer zurück, um immer wieder neu zuzubeißen. „Das Reh ist dann ja nicht mehr schnell, und der Hund findet es immer wieder.“ So etwas könne sich über Tage hinziehen – und der Todeskampf dann natürlich auch. So wie bei dem Rehbock im Judental. „Der lag dort tagelang halbtot.“ Besonders hochbeinige Hunde seien für Hetzen geeignet.
Schlimm seien auch die Kitze betroffen. Das sei auch besonders bitter, da sich inzwischen viele Menschen im Kreis aktiv in der Kitzrettung einbringen würden. „Die betreiben einen riesigen Aufwand mit Drohne und Wärmebildkamera, um die Kitze zu finden, wenn sie in der Wiese liegen – und am nächsten Tag werden sie dann von den Hunden verbissen.“
Jahr für Jahr Appelle – doch wenig Einsicht
Freihöfer und seine Jägerkollegen, aber auch Förster oder andere Naturschützer tun Jahr für Jahr ihr Bestes, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Weil die Einsicht bei den Betroffenen aber nach wie vor fehlt, wie Freihöfer sagt, ist er manchmal kurz davor, zu resignieren. „Die Leute verschließen vor der Realität regelrecht die Augen“, seufzt er. So wie die Hundebesitzerin vor einem Jahr: „Da wurde ich vom Friedwald-Parkplatz aus angerufen. Eine Frau sagte, dass ihr Hund ein sterbendes Reh aufgestöbert hätte. Sie war sich sicher, dass das nur ein Wolf oder ein Luchs gewesen sein konnte.
Als ich hinkam, und ihre Hunde sah, war mir klar: Das müssen die selbst gewesen sein. Die waren fix und alle, lagen mit hängender Zunge auf dem Boden. Normalerweise sind Hunde bei einem Spaziergang nicht so fertig. Die hatten das Reh gehetzt.“ Bei seiner Ankunft seien beide Hunde angeleint gewesen. „Sie muss genau gewusst haben, was passiert war“, vermutet der Jagdpächter. „Wahrscheinlich hatte sie ein schlechtes Gewissen.“ Das immerhin trug dann dazu bei, dass das verletzte Tier schnell erlöst werden konnte.