Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Ringen um Normalität: Israelische Familie strandet in der Nordpfalz

Ablenkung tut der Familie gut: Seit einigen Tagen sind Jamill Sabbaghs Verwandte zu Besuch, weil ein Rückflug nach Israel aufgru
Ablenkung tut der Familie gut: Seit einigen Tagen sind Jamill Sabbaghs Verwandte zu Besuch, weil ein Rückflug nach Israel aufgrund der Eskalation im Nahen Osten nicht möglich ist. Von links: Magd (5), Maya (5), Nichte Lana (33) und ihre Mutter Nadia (59).

Sie sind Kitabunker und Digitalunterricht in Israel gewohnt: Nadia, Lana und die fünfjährigen Zwillinge sitzen in der Pfalz fest. Im Zwiespalt zwischen Sicherheit und Heimweh.

Eigentlich sollte es die langverdiente Auszeit vom Krieg und von den Beschüssen in der Heimat sein. Eine Chance, endlich ein paar Tage mit der Familie in Ruhe und vor allem in Frieden zu verbringen – fernab von dauerhaftem Sirenengeheul, Warnmeldungen zu Raketenbeschüssen und Schutzbunkern, die sonst den Alltag von Jamill Sabbaghs Schwester, ihrer Tochter und deren Kindern prägen. Doch nachdem sich der Konflikt im Nahen Osten verschärft hat, sitzen seine israelischen Angehörigen in Deutschland fest. Jamill Sabbagh ist ein bekanntes Gesicht im Donnersbergkreis, engagiert sich seit Jahren lokalpolitisch und ist Erster Vorsitzender der Donnersberger Initiative für Menschen in Not. Bei einem Redaktionsbesuch berichtet die Familie von ihren Erfahrungen.

Eine Situation, die vor allem Jamill Sabbaghs Schwester Nadia (59) und Tochter Lana (33) belastet. Am 25. Februar reisten sie zusammen mit Lanas Kindern Maya und Magd (beide 5) nach Brüssel, um von dort aus in die Niederlande zu einer weiteren Schwester von Jamill Sabbagh zu reisen. Nach einer Woche wollten sie wieder nach Hause. Doch nach nur drei Tagen in Europa kam der Krieg. Seitdem gibt es weder ein Vor noch ein Zurück: Zahlreiche Lufträume über Nahost sind seit der Eskalation zwischen Iran und Israel/USA gesperrt. „Der Flug wurde sofort storniert, das Geld zurückgezahlt“, berichtet Mutter Lana. Wann es zurückgeht, weiß sie nicht.

Ein Leben geprägt von Krieg

„Uns geht es hier natürlich gut, aber mit unseren Gedanken sind wir zu Hause in Israel bei unseren Ehemännern, bei unseren Verwandten und Freunden“, beschreibt die 33-Jährige. Absehbar sei die Situation für die Familie nicht gewesen. Die ersten Urlaubstage gestalteten sich normal, „wir waren noch shoppen, weil wir vorhatten, nach einer Woche wieder zurückzufliegen“, berichten die Frauen. Als sie am Abend des 27. Februars von ihrem Ausflug zurückkehrten, kam die Hiobsbotschaft. Seitdem bemühen sich die Erwachsenen darum, die Normalität so gut es geht zu erhalten – zum Wohle der Kleinsten, erzählt Lana: „Sie wissen bis jetzt nicht, dass zu Hause geschossen wird.“

Zu tief sitzt das Trauma, das Unruhen, mehrere Kriege und Angriffe auf Israel in den vergangenen Jahren mit sich gebracht haben. Denn Lana und ihre Familie lebten bis vor anderthalb Jahren im Norden des Landes, nur unweit der libanesischen Grenze – genau dort, wo die Raketen der Hisbollah immer wieder einschlugen. Weil es allerdings keinen mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen Schutzraum gab, zog die Familie zu Lanas Mutter in einen Kellerraum. „Der ganze Umzug ist für die Kinder mit Raketenbeschuss verbunden und der Alarm hat nicht aufgehört“, erzählt Jamill Sabbagh.

Kita-Bunker und Digitalunterricht

Im Alltag ließen sich die Kinder nicht vollkommen abschirmen. „Jeder hat diese Frühwarn-App auf dem Handy, die auch mitten in der Nacht losgeht und vor Angriffen warnt“, erklärt die Familie. Dann muss es schnell gehen: Es bleiben nur 15 Sekunden, um einen Schutzbunker aufzusuchen. Der Lebensradius und die sozialen Kontakte seien auf diese kleine Zeitspanne ausgelegt, praktisch eingeschränkt. „Und wenn die Abwehrraketen nach einer Zeit starten, wackeln die Wände als würde ein Düsenjet neben dem Haus fliegen“, so Sabbagh weiter.

Der Schulunterricht läuft aufgrund des ständigen Alarms schon seit Monaten nur noch online. Auch der Kindergartenbesuch ist derzeit für zwei Stunden digital zugänglich. Gearbeitet werden darf ohnehin nur noch dort, wo Schutzbunker in unmittelbarer Nähe sind. Wer keinen hat, muss daheim bleiben. Immerhin werden finanzielle Einbußen von der Regierung weitgehend aufgefangen. Menschen, die systemrelevante Berufe ausüben, wie Lana als leitende Pharmazeutin der Krankenhausapotheke oder Nadia als Krankenschwester, bleiben hingegen in ihren Jobs, werden aber an sicherere Einsatzorte mit Schutzräumen versetzt. Um arbeitende Eltern zu entlasten, seien Kita-Gruppen in den Schutzbunkern unter dem Krankenhaus eingerichtet worden. „Hinzu kommt, dass Israel jederzeit Menschen als Reservisten einzieht, darunter oft auch Krankenpfleger und Ärzte. Die Arbeit von ihnen muss wiederum aufgefangen werden“, ordnet Sabbagh ein. Deswegen herrschte für Nadia und Lana, die als christliche Araber keinen Militärdienst leisten müssen, fast zwei Jahre eine Urlaubssperre. Dass sie im Februar nun doch nach Europa fliegen konnten, sei Zufall: Der Urlaub war bereits vor Monaten genehmigt worden.

„Gibt es hier einen Schutzbunker?“

Wie sehr das Leben der Kinder von diesen Erfahrungen geprägt ist, habe sich in Tel Aviv am Flughafen gezeigt. „Eigentlich war alles ruhig, aber die Kleine wollte beim Einsteigen ins Flugzeug plötzlich wissen, ob das Flugzeug auch einen Schutzraum hat, falls etwas passiert“, berichtet die Mutter. Auch in der Wohnung der Verwandten in den Niederlanden habe sie sich nach einem Schutzraum erkundigt. Als Jamill Sabbaghs Schwager ihr erklärte, dass diese im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses und noch dazu in den Niederlanden nicht existierten, habe die Fünfjährige geantwortet: „Dann erzähle ich dir, wie es geht: Du nimmst die Hände über den Kopf und kniest dich vors Sofa. Nicht herumlaufen! Das haben wir so im Kindergarten gelernt.“

Um die Kinder mit der aktuellen Situation in der Heimat nicht weiter zu verunsichern, verfolgt die Familie die Nachrichtenlage meist übers Handy, beschwichtigt doch zufällig wahrgenommene Bilder und Filmaufnahmen mit den Worten, dass es sich dabei um einen Spielfilm und nicht um die Realität handele. Auch Mayas Bruder Magd erkundigt sich trotz seiner jungen Jahre häufiger, ob das Gesehene „echte oder KI-generierte Aufnahmen“ seien. Jamill Sabbagh weiß: „Es ist immer dasselbe Thema, das die beiden beschäftigt.“

Wollen nur Frieden

Vollständig abschirmen lassen sich die Kinder auch im Ausland nicht, obwohl die Familie derzeit viel unternimmt, beispielsweise das Technikmuseum und Sealife in Speyer und die Gartenschau mit Dinoausstellung in Kaiserslautern besucht. „Die Kleine kennt die Telefonnummer ihres Vaters auswendig, ruft manchmal einfach an, ohne zu fragen“, erzählt ihre Mutter. Dabei habe ihr der Papa erklärt, dass es aufgrund des Krieges besser sei, erst einmal in Deutschland zu bleiben. „Noch einige Stunden nach dem Telefonat hat Maya gefragt, ob ihr Papa überhaupt zu Hause sicher ist.“ Und die Kinder bemerken einen deutlichen Unterschied zur Heimat. Der kleine Magd will wegen des Krieges nicht mehr unbedingt nach Hause. Maya hingegen vermisst ihren Vater, sendet ihm per Whatsapp viele bunte Herzen.

„Wir sagen, sie können solange bleiben, wie sie wollen. Andere israelische Familien sitzen in Hotels fest und ihnen entsteht ein finanzieller Schaden“, macht Sabbagh deutlich. Bei ihm könnten sich seine Schwester, Nichte und Kinder wie in ihrem Zuhause fühlen. Dennoch ist die Sehnsucht nach der Heimat groß: „Täglich beobachten wir Flugrouten“, sagt Lana. Trotz abgeschlossener Versicherung fühlt sich die Familie im Stich gelassen. Um den Rücktransport kümmert sich aufgrund der unsicheren Lage derzeit niemand. Deswegen sucht die Familie eigenständig nach einer sicheren Flugroute über Athen. Gleichzeitig wollen Nadia und Lana mit den Kindern unterwegs nichts riskieren: „Wir hoffen einfach, dass es bald vorbeigeht. Wir wünschen uns eine Pause vom Krieg.“ Allerdings ist Lana bereits etwas ernüchtert. Sie sei zwar zuversichtlich, dass der Krieg enden würde. „Die Frage ist nur: Ist es auch dauerhaft?“

Jamill Sabbagh: Bekanntes Gesicht aus dem Donnersbergkreis. Seit vielen Jahren ist er hier kommunalpolitisch engagiert. In diese
Jamill Sabbagh: Bekanntes Gesicht aus dem Donnersbergkreis. Seit vielen Jahren ist er hier kommunalpolitisch engagiert. In dieser Woche war er mit seiner Schwester, der Nichte und deren Kindern zu Besuch in der RHEINPFALZ-Redaktion. Er sagt: » Sie können solange bleiben, wie sie wollen.«
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