Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Lok Emma auf literarischer Lebensreise

Mit Jim Knopf nach China und ans Ende der Welt: Thomas M. Mayr mit Michael Endes Kinderbuch-Klassiker.
Mit Jim Knopf nach China und ans Ende der Welt: Thomas M. Mayr mit Michael Endes Kinderbuch-Klassiker.

Was liest ein Literaturtage-Organisator? Wir haben nachgefragt. Thomas M. Mayrs Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch wird manchen überraschen.

Jim Knopf“ als Lebens- oder Lieblingsbuch? Vielleicht würden auch andere Bücherwürmer ja eine solche Antwort geben, würde sie die Frage nicht zunächst aufs Feld der späteren Lektüren führen oder das des großen Literaturkanons. Für Thomas M. Mayr, den prägenden Geist hinter den Donnersberger Literaturtagen, geht es in seiner Wahl aber nicht einfach nur um die Intensität eines frühen, prägenden Leseerlebnisses, sondern um literarisch Grundsätzliches, um eine die Lebensalter übergreifende Faszination: Jim Knopfs Erfinder Michael Ende (1929-1995) „ist für mich der beste deutsche Schriftsteller“, streicht Mayr bestimmt heraus. Bücher wie „Momo“, „Die unendliche Geschichte“ oder „Der Spiegel im Spiegel“ seien Weltliteratur, universal, zeitlos, übersprudelnd vor Fantasie. Und gerade „Jim Knopf“ billigt er entschieden zu, mehr zu sein als nur ein geniales Kinderbuch.

„Jim Knopf“ sei ihm zunächst von seiner Mutter vorgelesen worden, erinnert sich Mayr, er hat die Geschichte also nicht, wie viele andere, zuerst durch die Adaption der „Augsburger Puppenkiste“ kennengelernt, die ihrerseits ein TV-Klassiker geworden ist. Das Buch, aus dem ihm vorgelesen wurde, sei inzwischen an die vom Ende-Virus angesteckten Kinder vererbt, aber er habe sich alte Ausgaben von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1960) und dem Folgeband „Jim Knopf und die Wilde 13“ (1962) antiquarisch wieder besorgt. Viele Klebezettel in den Seiten belegen, wie mit den Bänden gelebt wurde, mindestens drei, vier Mal habe er sie komplett gelesen, sagt der Kirchheimbolander Lyriker, Arzt und Ethnologe, der 1955 in Köln geboren wurde und in Koblenz aufgewachsen ist.

Wie aus Feinden Freunde werden

Aber warum wurden ihm die Abenteuer von Lukas, Jim und der Lokomotive Emma, geschrieben für Kinder, so wichtig – und sind es geblieben? Natürlich: Die Bücher seien für Kinder geschrieben. „Sie handeln vom Aufbruch ins Ungewisse, von der Überwindung von Ängsten, der Auseinandersetzung mit dem Fremden, der Suche nach der eigenen Herkunft, dem Adoptivdasein.“ Das ist spannend. Und ausstaffiert ist all das mit Zeugnissen einer überbordenden Fantasie – das kleine Lummerland als winzige Muster-Kommune im Meer, die Offroad-Lok Emma, der Scheinriese Tur Tur, die Magnetberge, die Echowelt im Tal der Dämmerung und, und, und. Mayr aber schätzt vor allem die humanen Botschaften, die Menschlichkeit, den Weltblick.

Da ist etwa Lukas, die „ideale Vaterfigur oder der väterliche Freund, der die Vaterrolle übernimmt“, ein Vater, der ein Kind mit Respekt behandelt, es wertschätzt, es in die Welt einführt, ihm auf unaufdringliche Art hilft, seine Ängste zu überwinden, mit ihm durch dick und dünn geht, so Mayr. Da ist, ungewöhnlich für die frühen 60er Jahre, ein schwarzes Findelkind der Held einer Geschichte. Da sind Bilder der Völkerverständigung, wenn es gilt, Kinder aus aller Welt aus Not und Gefangenschaft zu befreien.

„Und wo gibt es das in der Weltliteratur, dass die Geschichte darin aufgeht, aus Feinden Freunde werden zu lassen?“ Der gefürchtete Drache Frau Mahlzahn, von dem nichts Gutes zu erwarten war, wird, nachdem er besiegt ist, zu einem Drachen der Weisheit und einem Ratgeber im Guten. Die Wilde 13 erhält in der Niederlage ihre Würde zurück und hilft, begangenes Unrecht wieder gut zu machen. Aus Siegen wird Befreiung, nicht Unterwerfung oder Demütigung. Nie behält das Böse das letzte Wort, es wird vielmehr sichtbar als Ausdruck von Unwissen und Unfreiheit. So sind diese spannenden Geschichten getränkt mit Gedanken von bemerkenswerter menschlicher Größe, erhebend und auch tiefphilosophisch, so Mayr - der die beiden Jim Knopf-Bände damit noch lange nicht ausgeschöpft sieht, ebenso wenig wie das reiche Lebenswerk ihres Erfinders.

Klinkenputzen für einen Weltbestseller

Gleichwohl prägte Ende mit seinen Büchern ja wie kaum ein anderer Autor den Geist der 70er, 80er Jahre. Ihre Botschaften blühten auf mit dem Erstarken der Studenten- und der Friedensbewegung, der alternativen Szenen und dem Siegeszug der Fantasy im Gefolge von Tolkiens „Herr der Ringe“, das aus den 50er Jahren stammt und durch den Zeitgeist der 70er, 80er Jahr zum Kultbuch werden konnte.

Wie präsent gerade Jim Knopf geblieben ist, belegt die jüngste Neuverfilmung von 2018 – nicht zu vergessen die vielen Adaptionen für Hörspiel, Bühne, Animationsfilme. Hohe Anerkennung für ein Werk, für das Michael Ende bei den Verlagen Klinken putzen musste, bis er mit Thienemann einen Partner auftun konnte. Zwölf Verlage hatten das Manuskript zuvor abgelehnt – für Autoren erschütternd, aber auch beruhigend, sagt Mayr, weil das zeige, wie sehr Lektoren und Kritiker sich auch irren können und Ablehnungen keineswegs das letzte Wort über den Wert oder Unwert eines Manuskriptes sein müssen.

Zur Serie

Literatur eröffnet Welten, prägt unsere Wertvorstellungen und kann wichtige Weichen auf unserem Lebensweg stellen. In unserer Serie „Aufgeblättert“ fragen wir Persönlichkeiten aus der Westpfalz nach einem Lieblingsbuch, das sie besonders berührt hat.

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