Göllheim
Mit Herz und Stimme: Wie eine Leseoma kleine Kinder für Bücher begeistert
Schmökern, sich Seite für Seite in eine unbekannte Welt hineinversetzen – dafür kann sich Silvia Lebkücher bereits seit ihrer Kindheit begeistern. Doch mit ihrer Leidenschaft fürs Lesen will die 68-jährige Göllheimerin seit Januar 2025 nicht alleine bleiben. Die Vorlesepatin hofft auf weitere Nachahmer.
„Ich kann doch nicht die einzige mit einem solchen Ehrenamt sein?“, fragt Silvia Lebkücher, die seit fast einem Jahr jeden Montag und Donnerstag für etwa anderthalb Stunden im Friedrich-Fröbel-Kindergarten in Göllheim zum Buch greift. Ist sie auch nicht. Doch das Vorlese-Ehrenamt ist selten im Kreis. Die Vormittage ohne ihre kleinen Zuhörer kann sich die aktive Seniorin nicht mehr vorstellen. Freuen würde sie sich, wenn das Projekt noch in weiteren Kitas angenommen würde. „Es ist so eine Bereicherung – für die Kinder, aber auch für mich als Vorlesepatin.“
Mit der Rente kam das Ehrenamt
„Für mich stand mit dem Austritt aus dem Berufsleben fest, dass ich mich engagieren will“, berichtet die 68-Jährige. Nach mehr als 48 Berufsjahren habe sie zu Beginn des Ruhestands etwas Zeit für sich gebraucht. Nicht etwa, weil sie in das vielprophezeite „Loch“ gefallen sei, „sondern weil ich nach Jahren im stressigen Job ruhig im neuen Lebensabschnitt ankommen wollte.“ Die gelernte Bürokauffrau ist aktiv, trifft sich regelmäßig mit Freunden, spielt Karten, geht ins Kino und ins Theater.
Als die Gemeindeschwestern plus für ein Projekt im November 2024 einen Vorlesepaten suchten, habe es bei Lebkücher sofort geklickt. „Das war mein Engagement“, sagt die Rentnerin, „ich liebe lesen und ich liebe Kinder“. Schnell fühlte sich die 68-Jährige in der Göllheimer Kita wohl, ein freundschaftliches Verhältnis zu den Erziehern entstand. Auch die Drei- bis Sechsjährigen freuen sich, erzählt Lebkücher, die selbst weder Enkel noch Kinder hat: „Viele nennen mich die Leseoma. Vor einigen Monaten musste ich den Eltern bei Begegnungen auf der Straße noch erklären, woher mich ihr Kind kennt. Jetzt kennen mich auch die Eltern.“
Lieblingsbuch? Hauptsache mit Bildern
Was gelesen wird, sei ganz unterschiedlich. „Mittlerweile gibt es so viele neue Geschichten, die die Kinder interessieren“, erzählt Lebkücher, die wegen des großen Angebots kein Lieblingsbuch benennen möchte. „Aber Wimmelbücher stehen vor allem bei den Kleinen hoch im Kurs, weil sie selbst etwas suchen können.“ Geschichten mit vielen Bildern seien bei den Größeren gefragt: „Wir gucken uns die Zeichnungen gemeinsam an und sprechen drüber.“
Meist treffe eine Erzieherin eine Vorauswahl aus den vorhandenen Büchern. Aus diesen wiederum lasse die 68-Jährige die drei bis vier Kinder einer Lesegruppe entscheiden. Die Interessen der Kleinen unterschieden sich je nach Alter. „An manchen Tagen lese ich ein Buch auch mehrmals vor, wenn die nächste Gruppe sich für dieselbe Geschichte entscheidet.“
Zuhören erst lernen
Besonders gefalle allen, wenn Lebkücher die Betonung beim Lesen anpasse: „Wenn geflüstert wird, flüstere ich und wenn geschrien wird, schreie ich. Das macht allen Kindern Spaß.“ So sehr, dass sie sich im Sommer selbst auf dem Außengelände nicht von der Geschichte ablenken ließen, ist Lebkücher erstaunt. Dennoch merkt sie auch deutliche Unterschiede: „Nicht alle Kita-Kinder bekommen zuhause noch vorgelesen.“ Manche müssten das bewusste Zuhören erst lernen. „Damit niemand stört, braucht es klare Grenzen“, sagt die Vorlesepatin. Nur selten müsse sie diese aufweisen.
Die meisten Kinder genießen die Zeit mit der Kita eigenen „Vorleseoma“. „Das Projekt soll natürlich gerade bei den Vorschülern das Interesse am Lesen wecken und Erzieher entlasten. Aber es bringt auch eine tolle Bindung zu den Kindern mit sich“, erzählt Lebkücher von kleinen liebevollen Begegnungen. So habe ein Mädchen auf besonders kreative Weise nach ihrem Namen gefragt: „Bücherfrau, wie heißt du nochmal?“ Ein anderes Kind wartete schon sehnsüchtig auf die nächste Lesestunde. Als Lebkücher wieder zu Besuch kam, sagte es: „Da bist du ja. Ich habe dich so vermisst.“ Ans Aufhören denkt Lebkücher deswegen noch lange nicht: „Ich mache dieses Ehrenamt noch so lange ich kann.“