Rockenhausen
Mehr Wechsel, weniger Bindung: Zoar reagiert auf Pflege-Engpass
Der Fachkräftemangel hinterlässt immer deutlichere Spuren – auch beim Evangelischen Diakoniewerk Zoar in Rockenhausen. „Es ist eine Herausforderung, die uns in den nächsten fünf Jahren deutlich begleiten wird“, sagt Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr. Allein 80 Fachkräfte wechseln in dieser Zeit in den Ruhestand. „Und es kommt nicht automatisch dieselbe Quantität von Arbeitnehmern nach“, weiß sie. Deswegen will sich Zoar nun weiter attraktiv auf dem Arbeitsmarkt machen.
Gerade in der Pflegebranche ist der Wechsel von Arbeitnehmern höher als in anderen Branchen. Darüber ist sich Martina Leib-Herr durchaus bewusst. „Und es ist in den vergangenen Jahren auch etwas mehr geworden.“ Die Umstellung auf die generalistische Ausbildung zur Pflegefachkraft habe zur Streuung der Fachkräfte beigetragen, findet Bastian Ogonowski, Leiter der Zentralen Dienste und ständiger Vertreter des Vorstands.
Krankenhaus, Pflegeheim oder ambulant?
So absolvieren Lehrlinge ihre Ausbildungszeit nicht mehr nur in einem Betrieb und in der Berufsschule, sondern wechseln zwischen medizinischen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegeheimen, Psychiatrischen Stationen und dem ambulanten Pflegedienst hin und her. Während ihrer Ausbildung müssen sie sich entscheiden, wo sie ihre berufliche Zukunft dauerhaft sehen, wechseln zum Teil schon in diesen Bereich. Martina Leib-Herr findet klare Worte: „Die generalistische Ausbildung stellt die Altenpflegeeinrichtung vor deutlich größere Herausforderungen als etwa Krankenhäuser.“
Nicht immer bedeute es nämlich, dass die Fachkraft, die bei Zoar zum Teil ausgebildet wurde, auch bei Zoar bleibt, verdeutlicht Ogonowski einen Nachteil. „Wir machen zwar auch die Erfahrung, dass die Menschen, die zum Teil weggehen, auch wieder zu uns zurückkommen, aber wir haben nicht mehr die Quote, dass der Großteil der Ausbildung bei uns liegt“, ergänzt Leib-Herr. Derzeit beschäftigt das Evangelische Diakoniewerk Zoar etwa 100 Auszubildende, verteilt auf alle drei Ausbildungsjahre. Rund 80 davon machen ihre Lehre in der Pflege und Betreuung.
Ausbildung bringt Herausforderungen
Außerdem habe das generalistische Ausbildungssystem noch weitere Nachteile mit sich gebracht, so Ogonowski: „Es gibt mehr Abbrecher als vorher.“ Ein Grund dafür sieht Martina Leib-Herr darin, dass den Lehrlingen ab dem ersten Lehrjahr kaum noch eine längere Zeit am Stück in einem Betrieb bleibe. Themen blieben auf der Strecke, die Inhalte der bisherigen Ausbildung zum Altenpfleger hätten sich um den medizinischen Teil der Kranken- und Kinderkrankenpflege erweitert, seien damit komplexer geworden. „Und sicher fehlt vielen Auszubildenden durch die ständigen Wechsel der Einrichtungen das Zugehörigkeitsgefühl.“ Während Auszubildende zuvor über drei Jahre eine Identifikation mit dem Lehrbetrieb aufgebaut hätten, könne dieses Gefühl nicht mehr allzu einfach entstehen.
Um all diesen Punkten entgegenzuwirken, hat das Diakoniewerk eigens eine Stelle geschaffen, um grundlegende theoretische und praktische Inhalte wie Medikamentengabe oder Pflegeprozesse wieder mehr in die eigenen Hände zu nehmen und zu stärken. „Schon jetzt gibt es positives Feedback. Das zeigt sich in diesem Jahr an den Bewerberzahlen“, versichert Martina Leib-Herr.
Nadelöhr sind Schulplätze
Eine Begrenzung an Lehrstellen gibt es bei Zoar nicht. „Wenn wir gute Bewerber haben, wollen wir uns selbst nicht limitieren. Das Nadelöhr sind vielmehr die Schulplätze“, erklärt Leib-Herr. Zusätzlich werde in diesem Ausbildungsjahr das letzte Mal die einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer angeboten. Anschließend wird umgestellt: Künftig lernen Azubis 18 Monate, sind dann examinierte Pflegefachassistenzen und sollen Pflegefachkräfte und Pflegehelfer aufgrund ihrer intensiveren Ausbildung noch mehr unterstützen und entlasten.
„Gleichzeitig verschließen wir uns nicht ausländlichem Fachpersonal“, erzählt Leib-Herr. Bereits in der Vergangenheit habe Zoar mit albanischen Auszubildenden gute Erfahrungen gemacht, die noch heute im Betrieb beschäftigt sind. Nun will das Diakoniewerk in eine weitere Runde starten: Aktuell erwartet Zoar die Ankunft von vier indischen Fachkräften. „Jeweils zwei Personen werden an den Standorten Kusel und in Kirchheimbolanden eingesetzt“, berichtet Yves Schmitt, Leiter Finanzen und Controlling und ebenfalls ständiger Vertreter des Vorstands bei Zoar. Die Fachkräfte wohnen in Einrichtungsnähe in einer Wohngruppe.
Unterstützung aus dem Ausland
Schon jetzt sei die Unterstützung unter Kollegen und Bewohnern groß, ist Schmitt stolz: „Viele haben bereits Möbel bereitgestellt, damit die indischen Kollegen hier einen guten Start haben. Außerdem kennen sich die Neuen untereinander. Uns war wichtig, dass sie gleich soziale Kontakte haben und nicht vereinsamen.“ Ziel sei es schließlich, die Leute hier zu halten. Sechs bis neun Monate dauert die Anerkennung ihrer Ausbildung in Deutschland. Sorgen wegen Sprachbarrieren müssten Angehörige und Bewohner aber nicht haben, versichert Martina Leib-Herr. Beim Auswahlverfahren sei großer Wert auf deutsche Sprachkenntnisse gelegt worden. Zusätzlich unterstütze bei der Dokumentation eine Künstliche Intelligenz. So könnten Inhalte auch in der Muttersprache eingesprochen werden, die KI übersetze sie im System auf Deutsch. Trotzdem steht bei Zoar weiter der Mensch immer an oberster Stelle, versichert Martina Leib-Herr: „Kommunikation ist gerade in Berufen mit Menschen wichtig – egal, ob nun mit Demenzkranken oder in der Eingliederungshilfe. Daran halten wir fest.“