Donnersbergkreis Megatrends unterwegs zum Donnersberg
KIRCHHEIMBOLANDEN. Megatrends. Der Begriff, scherzt Dr. Eike Wenzel, klinge „erstmal wie eine Waschmittelreklame“. Aber was steckt wirklich dahinter? Und gibt es das Phänomen auch im Donnersbergkreis? Immer und überall, meint der Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung. Am Dienstag sprach er vor dem Lions Club Kirchheimbolanden über Megatrends, Merkmale und Auswirkungen. Wenzel prognostiziert: Niemand wird sich ihnen entziehen können – sie verändern unser Leben einschneidend.
Ein Klick aufs Smartphone reicht. Shoppen, Essen bestellen, Taxi ordern. Ganz bequem und kinderleicht, das Zeitalter der Apps eben. „Wenn man keine Batterie mehr im Handy hat“, sagt Wenzel mit einem Schulterzucken, „ist alles gar nicht mehr so toll“. Und ehrlich: Wer tagein, tagaus auf dem Smartphone herumtippt, kann sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Es ist Teil des Ichs. Viele wären verloren in der knallharten Realität, ohne News, ohne Chat, ohne Ablenkung. Wir strukturieren und organisieren unser Leben digital. Überspitzt ausgedrückt: Ohne Facebook, WhatsApp oder Twitter verpassen wir das Wichtige. „In wenigen Monaten hat WhatsApp die SMS fast vollständig abgelöst. Wir sind vernetzter, alles geht schneller. Und wir haben eine wahnsinnige Reichweite“, so Wenzel. Das Stichwort heißt Digitalisierung. Ein Megatrend. Locker steht der 49-jährige Zukunftsforscher vor der Leinwand. Dunkles Sakko, schwarzes Hemd, rahmenlose Brille. Ein bisschen stickig ist es hier, der Seminarraum im Parkhotel Schillerhain holzvertäfelt. Während Zwei-Meter-Mann Wenzel die rechte Hand in der Hosentasche versteckt, wirbelt er mit der anderen vor seiner Brust herum. Vortragspose. Er spricht ruhig, aber intensiv, manchmal setzt er den Marker auf der Flipchart an. Bunte Quadrate leuchten auf. Neourbanisierung, Powershift, Globalisierung 2.0 – etwas darunter vorstellen kann sich der Laie nur vage. Alles Megatrends, laut Wenzel gibt es derer 15. Was einen solchen kennzeichnet? Grob gesagt: „Das sind Veränderungsprozesse, die auch im privaten Leben in den nächsten 30 bis 50 Jahren alles wandeln und uns maßgeblich beeinflussen werden“, erklärt Wenzel. Klar. Von der Energiegewinnung über Social Media bis hin zum demografischen Wandel. Megatrends kann keiner aus dem Weg gehen. Sie kommen auf uns zu. Sie sind, weiß der Forscher, „krisenresistent“. Deutlich erkennt man das Ausmaß der Trends am Verlauf der Digitalisierung. 1993 zog Bill Clinton ins Weiße Haus ein – das Internet war noch kein Thema. Vier Jahre später der große Boom im kalifornischen Silicon Valley. Heute kann es sich niemand leisten, die digitale Macht zu ignorieren… „Auch wir wissen, was das für uns heißt“, nickt Michael Huth, Präsident des regionalen Lions Club und Geschäftsführer von Steitz Secura. „Wir überlegen längst, im digitalen Bereich neue Wege zu gehen.“ Die Entwicklung birgt aber auch Schattenseiten. Einfaches Beispiel: 2012 kam die App MyTaxi auf den Markt. Wenige Klicks, und Minuten später steht der Abholdienst bereit. Zumindest in Großstädten. Alles schön, alles gut. Nur: Geschickt werden die Fahrer nicht von gewöhnlichen Taxi-Unternehmen. Diese werden in den Ruin getrieben. „Über Nacht hieß das für sie, das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr“, betont Wenzel. Der Automobilhersteller Daimler hält heute 100 Prozent der Marktanteile an MyTaxi. Irrsinnig. Eigentlich müsste er ja wollen, dass Taxi-Unternehmer Profit einstreichen, schließlich kaufen sie bei Daimler ein. „Dort sah man die Entwicklung kommen“, so Wenzel. Oder: Facebook verfügt weltweit über die meisten Daten – ohne selbst Inhalte zu erstellen. Durch künstliche Intelligenz gehen Millionen Jobs verloren. Man kann es als Fluch oder Segen sehen. Angekommen sind besagte Apps bei uns, auf dem Land, noch nicht. MyTaxi läuft in Berlin, Köln, Frankfurt. Nicht in Kirchheimbolanden. Was nicht heißt, dass der Megatrend Digitalisierung hier ausbleibt. Der Donnersberger lebt ja nicht wie in den 70ern. Auch er hat ein Smartphone, einen Facebook-Account und WhatsApp, auch er ist vernetzt. Alles läuft eben in kleinerem Rahmen ab. „Unterschiede zwischen Stadt und Land wird man in zehn Jahren nicht mehr machen“, glaubt Wenzel. „Das Land wird dann eine Entschleunigungsregion sein für die Leute, die in den großen Ballungsräumen arbeiten.“ Ein Ausgleich. Auf der einen Seite genieße man den privaten Raum, abgeschottet von der Hektik. Auf der anderen wolle man digital mittendrin sein und nichts versäumen. Also ruhig bleiben. Aussterben werden unsere Dörfer nicht. Aber ihre Bewohner werden sich ändern.