Donnersbergkreis
„Manchmal vergehen fünf Tage, ohne dass ich mit jemandem gesprochen habe“
Wenn ältere Menschen gefragt werden: „Was ist das Wertvollste im Leben?“, kommt ganz oft folgende Antwort: „Zeit“. Vielleicht auch, weil gerade in der letzten Lebensphase die Zeit so kostbar wird, so besonders. Und weil am Ende des Lebens viel Zeit zum Nachdenken bleibt – viel Zeit, die Menschen alleine verbringen. Hier wird die Initiative „Zeit zu verschenken“ im Donnersbergkreis aktiv.
Denn: Immer mehr ältere Menschen sind allein. Der Freundeskreis wird kleiner, die Kinder sind weggezogen, Wege werden beschwerlicher, und oft fehlen Gesprächspartner im Alltag. „Manchmal vergehen fünf Tage, ohne dass ich mit jemandem gesprochen habe“, erinnert sich Simone Keller, Koordinatorin der Initiative und Mitarbeiterin des Pflegestützpunkts, an die Aussage aus ihrem Beratungsalltag. Solche Sätze seien für sie der Auslöser gewesen, aktiv zu werden. „Wenn man das hört, kriegt man Gänsehaut, da muss sich etwas ändern.“
Mit schlechtem Gewissen nach Hause
Simone Keller kommt ursprünglich aus der Krankenpflege. Da habe sie oft erlebt, wie wenig Zeit im eng getakteten Alltag bleibt. „Ich bin häufig mit einem schlechten Gewissen aus den Haushalten raus, weil ich wusste: Ich bin der einzige Mensch, der diese Person an dem Tag sieht.“ Später, im Pflegestützpunkt, sei ihr das Thema Einsamkeit erneut begegnet – diesmal in Gesprächen mit Betroffenen und Angehörigen. „In den Beratungsgesprächen kommt immer wieder: Die Kinder haben keine Zeit, ich bin allein.“
Vor rund viereinhalb Jahren begann Keller, Mitstreiter zu suchen. Den ersten Impuls gab eine Anfrage an umliegende Kirchengemeinden – geantwortet habe vor allem der damalige Gemeindediakon Marvin Sinz. So entstand die erste Gruppe in Obermoschel. Aus anfänglich fünf Ehrenamtlichen sind inzwischen rund 20 geworden. Die Initiative arbeitet trägerübergreifend.
Keine Dienstleistungen, aber Gespräche
Im Mittelpunkt stehen regelmäßige Besuche bei älteren Menschen. „Ob spazieren gehen, etwas spielen, erzählen oder vorlesen – alles, was Spaß macht, ist möglich“, sagt Simone Keller. Damit der Start für beide Seiten gut funktioniert, gibt es ein behutsames Vorgehen: „Wenn wir jemanden haben, der sich über Besuch freuen würde, machen wir zuerst einen gemeinsamen Termin und eine Koordinatorin oder ein Koordinator geht beim ersten Mal mit“, erklärt Keller.
Danach vereinbaren Besuchte und Ehrenamtliche ihre Treffen selbst: Häufigkeit und Dauer richten sich nach den Möglichkeiten der Freiwilligen. „Wie viel Zeit man investiert, entscheidet jede und jeder selbst,“ erzählt Tonja Loureiro von den GemeindeschwesternPlus. Schon eine Stunde in der Woche könne viel bewirken. Wichtig ist: Die Initiative ersetzt keinen Pflegedienst und ist keine „Hilfeleistung“ im organisatorischen Sinn. „Geteilte Zeit schafft Raum für Verbindungen – und vermittelt das Gefühl: Ich werde gesehen, ich bin noch ein wertvoller Teil der Gesellschaft“, sagt Laureiro. Sie betont den gegenseitigen Effekt: „Das schafft Zufriedenheit, auf beiden Seiten. Wer besucht wird, erlebt Wertschätzung. Und wer besucht, merkt: Ich kann etwas für die Gesellschaft tun.“
Einsamkeit ist ein Tabu
Besonders herausfordernd sei, dass sich nur wenige Menschen von sich aus melden und offen sagen, dass sie einsam sind. „Es kommt so gut wie gar nicht vor, dass jemand anruft und sagt: Ich bin einsam, schicken Sie mir jemanden“, berichtet Keller. Meist entstünden Kontakte über Beratung, Netzwerke und Hinweise von Dritten – etwa aus Arztpraxen oder über das Hospiz- und Demenznetzwerk.
Damit Ehrenamtliche mit belastenden Situationen – etwa schwerer Krankheit oder dem Thema Sterben – nicht allein bleiben, gibt es regelmäßige Treffen zum Austausch sowie Fortbildungen. Themen seien in der Vergangenheit etwa Demenz, Depression im Alter, Versorgung am Lebensende, Resilienz oder Erste Hilfe im Alter gewesen. Außerdem finden Sommerfest und Weihnachtsfeier statt – auf Wunsch auch gemeinsam mit den besuchten Personen, wenn sie mobil sind.
Info
Die Initiative „Zeit zu verschenken“ ist eine gemeinsame Initiative von Haus der Diakonie Donnersbergkreis, GemeindeschwesterPlus, Protestantischem Dekanat Alsenz und Lauter und den Pflegestützpunkten des Donnersbergkreises. Überall im Kreis werden weitere Freiwillige gesucht. Besonders groß ist der Bedarf aktuell in den Verbandsgemeinden Göllheim und Eisenberg. Wer sich vorstellen kann, älteren Menschen Zeit zu schenken – oder wer sich einsam fühlt und über geschenkte Zeit freuen würde, kann sich wenden an:
Haus der Diakonie Donnersbergkreis: 06362 2525 Sabrina Galinski, Gemeindepädagogischer Dienst Donnersberg: 06352 7067020 Anette Sahoraj, Gemeindeschwester Plus: 06352 710511 Tonja Loureiro, Pflegestützpunkt Donnersbergkreis: Rockenhausen 06361 4590739 Simone Keller.