Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Mütter, Kinder, Arbeit, der Herbst und Weihnachten: Das sind die Fragen der Zeit

sarah die neue

Von der Elternzeit in die Teilzeit – seit ein paar Tagen verstärkt Sarah Termeer das Team in Kirchheimbolanden, aber für die Weihnachtszeit ist sie jetzt noch nicht bereit.

„Wie die Zeit fliegt“, schrieb mein ehemaliger Chef der „RHEINPFALZ am SONNTAG“ in seinem Editorial vor einer Woche. Auch von anderen Kollegen höre ich: „Bist du wieder da? Ist deine Elternzeit schon vorbei – bist du nicht erst gestern in Mutterschutz gegangen?!“ Doch wie die Zeit so verfliegt: Aus dem Säugling wurde ein Kleinkind, zwei Jahre Elternzeit sind zu Ende, und für mich beginnt ein Neustart. Ein Neustart in einer neuen Redaktion, einer für mich noch teilweise unbekannten Region, aber in einem bekannten Metier – dem Lokaljournalismus.

Für mich kommt dieser Wechsel in die Lokalredaktion an den Donnersberg genau zur richtigen Zeit: Mein Arbeitsweg verkürzt sich und damit gewinne ich Zeit. Zeit, die ich zum Schreiben und Recherchieren nutzen kann und Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringen kann. Denn auch beim dritten Kind staune ich, wie schnell das geht mit dem Wachsen und Großwerden. Jetzt kann ich sogar ältere Damen verstehen, die bei jedem Baby über dem Kinderwagen hängen und raunen: „Genießen Sie die Zeit, sie werden so schnell groß.“ Ein Spruch, so abgedroschen, so weise, so wahr, so typisch für ältere Menschen, die einen großen Teil ihrer Lebenszeit bereits hinter sich haben.

Mütter arbeiten Teilzeit

Nach meiner Elternzeit habe ich nun in Teilzeit wieder angefangen. Logisch: Frau und Mutter heißt meistens Teilzeit, mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Mütter arbeiten nicht in Vollzeit, je jünger die Kinder, desto weniger Zeit verbringen sie mit ihrem Beruf. Auch wenn unsere Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas das gerne ändern und mehr Mütter in Vollzeit beschäftigen würde. Als „Muddi“ sitze ich in der „Teilzeitfalle“. Und zwar nicht, weil mein Arbeitgeber mir die Vollzeit nicht ermöglichen würde, sondern weil wir schlicht und ergreifend keinen längeren Betreuungsplatz für unser zweijähriges Kind bekommen haben. Um 14.30 Uhr ist Schluss mit der Betreuung in der Krippengruppe. Unabhängig von den Arbeitsstunden der Eltern bekommen alle Kinder zwischen zwei und vier Jahren nur einen Sieben-Stunden-Platz. Basta. Vielen Dank, liebe Stadt Mainz! Und so werde ich künftig jeden Nachmittag wechseln – von der bezahlten Lohnarbeit in die unbezahlte Care-Arbeit.

Vieles im Leben hat seine Zeit: Elternzeit, Teilzeit, Grundschulzeit, Kindergartenzeit, Altersteilzeit, Jahreszeit. Ändern können wir das eigentlich nicht – die Zeiten kommen und gehen. Aber eine Sache habe ich dann doch selbst in der Hand: Ich weigere mich, Ende August die Weihnachtszeit einzuläuten (obwohl ich tatsächlich jetzt im September das erste Mal das Wort Weihnachten getippt habe). Ich weiß nicht, ob Sie sie schon entdeckt haben, aber im Supermarkt stehen seit Ende letzter Woche die ersten Lebkuchen in den Regalen. Ja, Lebkuchen im August. Verrückt!

Keine Spekulatius vor St. Martin

Noch weigere ich mich, Lebkuchen und Co. zu kaufen, damit kann ich wenigstens hier ein bisschen die Zeit anhalten. Meinen Kindern habe ich versprochen: Nach St. Martin kaufe ich Lebkuchen, Spekulatius und auch die Wichtelgeschenke für Klassenkameraden. Vorher nicht! Vorher möchte ich Kastanien sammeln, durch bunte Wälder laufen, mich über blühendes Heidekraut und Astern freuen und dabei meinen neuen Arbeitsort, den Donnersbergkreis, ein bisschen besser kennenlernen. Ich möchte Federweiser trinken, Zwetschgenkuchen essen und Kürbissuppe kochen. Erst wenn ich den Spätsommer und den Herbst ausgiebig genossen habe, bin ich bereit für die Weihnachtszeit. Jetzt freue ich mich über den September, wie einst Erich Kästner: „Die Stare gehen auf die Reise. Altweibersommer weht im Wind. Das ist ein Abschied laut und leise. Die Karussells drehn sich im Kreise. Und was vorüber schien, beginnt.“

sarah die neue
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