Alsenz RHEINPFALZ Plus Artikel Landwirte sind sauer: Raiffeisen-Lagerhaus in Alsenz schließt nach 125 Jahren

Ende November soll das Raiffeisen-Lagerhaus in Alsenz geschlossen werden. Die Landwirte beklagen unter anderem die kurzfristige
Ende November soll das Raiffeisen-Lagerhaus in Alsenz geschlossen werden. Die Landwirte beklagen unter anderem die kurzfristige Mitteilung. Gerade in der Getreideernte führe das für sie zu erheblichen Schwierigkeiten.

Für Landwirte ist es ein herber Schlag: Das traditionsreiche RWZ-Lagerhaus in Alsenz beendet seinen Betrieb. Die Nachricht trifft sie überraschend – und hat handfeste Folgen.

Bürger in Alsenz und der umliegenden Region können sich über einiges freuen: über Edeka, Rossmann und eine neue Volksbank, die auf einer Fläche oberhalb der Firma Gampper rechts der B420 im kommenden Jahr errichtet werden sollen. Einen dicken Wermutstropfen gibt es allerdings auch: Das Lagerhaus der Raiffeisen-Waren-Zentrale (RWZ), das es seit rund 125 Jahren in Alsenz in der Industriestraße gibt, schließt überraschend zum 30. November.

Das geht aus einem Schreiben vom September der zuständigen Vertriebsstelle Raiffeisen Agrarhandel Rhein-Main-Mosel-Saar mit Sitz in Andernach an die Kunden hervor. Die örtlichen Landwirte sind sauer über die Entscheidung, die sie vor enorme Probleme stellt. Sie haben zum einen überhaupt kein Verständnis für die Aufgabe eines aus ihrer Sicht gut laufenden RWZ-Standorts in unmittelbarer Nähe ihrer Betriebe, zum anderen – und mehr noch – für die kurzfristige Ankündigung.

Landwirte fühlen sich überrumpelt

Bernd Spieß aus Niedermoschel, Landwirt mit eigenen und weiteren gepachteten Flächen in mehreren Gemeinden, beklagt denn auch vor allem die Kurzfristigkeit, mit der RWZ die Schließung angekündigt hat. „Das ist einfach nicht zu verstehen. Wir können doch so schnell gar nicht reagieren und werden vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt Spieß.

Die örtlichen Landwirte Sebastian und Walter Mündel sowie Bernd Spieß loben das bisherige Alsenzer Lagerhaus, das gerade in der Erntezeit so richtig gut „auf Zack“ sei. Schnelles Abladen des Getreides sei hier kein Fremdwort, sondern gelebte Praxis, was gerade in einer Druckzeit wie während der Ernte enorm wichtig sei. Jede Minute, die eingespart werden könne, sei da von großer Bedeutung.

Schließung bedeutet höhere Kosten

Eberhart Hartelt aus Göllheim, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd, bestätigt die positiven Aussagen über das Lagerhaus. Deshalb sei Alsenz auch von vielen Landwirten aus dem Bad Kreuznacher Raum – unter anderem Hallgarten, Feilbingert und Hochstätten – sowie auch aus dem oberen Moscheltal angefahren worden. „Jede solcher Schließungen ist nicht im Interesse meiner Berufskollegen, sie bedeuten zunächst einmal wieder höhere Kosten für die Landwirte“, betont Hartelt.

In dem RWZ-Schreiben wird die Entscheidung begründet mit einem rasanten Wandel in der Landwirtschaft, gepaart mit einem anhaltend schwierigen Marktumfeld. Dies zwinge RWZ zu strukturellen Anpassungen, um durch eine schlankere Aufstellung die eigene Zukunftsfähigkeit abzusichern. Nur so könne RWZ ein starker und verlässlicher Partner bleiben.

RWZ bedauert die Schließung

Man sei sich bewusst, dass diese Strukturmaßnahmen den Landwirten zunächst einmal Unannehmlichkeiten bescherten. Andererseits treffe das Unternehmen solche Entscheidungen nicht leicht. Wichtig sei aus RWZ-Sicht, dass man in der Fläche präsent bleibe. Deshalb bedauern die Verantwortlichen, dass der Standort Alsenz nach reiflicher Überlegung zum 30. November geschlossen werden müsse. Aktuell seien drei Mitarbeiter in Alsenz beschäftigt, die alle bei RWZ bleiben könnten.

Weiter heißt es, notwendige Ersatzinvestitionen und die damit verbundenen Kosten seien in keiner ökonomisch tragfähigen Relation mehr zu den erzielten Erträgen zu rechtfertigen – zumal RWZ in Rockenhausen und Meisenheim weitere, relativ nahe gelegene Standorte unterhalte. Nach Angaben von RWZ können die bislang während der Getreideernte in Alsenz gelagerten Mengen in Rockenhausen und Meisenheim noch untergebracht werden, ohne dass Engpässe entstünden.

Landwirte können auch online bestellen

Der Bezug von Betriebsmittel wie Dünger, Saatgut und Pflanzenschutz könne ebenfalls künftig über diese Standorte erfolgen, teilt RWZ mit. Dort werde weiterhin das gesamte Sortiment rund um das Thema Agrar vorgehalten. Die Fachberater blieben ansprechbar, um eventuelle logistische Probleme gemeinsam zu lösen.

Über Kompetenz verfüge RWZ inzwischen auch bei digitalen Angeboten. Landwirte könnten die Bestell-App, das Agrarbüro oder die digitale Bestellplattform nutzen. Der Konzern bittet abschließend um Verständnis für die Entscheidung, dankt für die bisherige Treue und zeigt großen Respekt vor der persönlichen unternehmerischen Leistung der Landwirte, die sich ebenfalls in schwerem Fahrwasser befänden – so das Ende des Informationsbriefs.

Weitere Wege während Getreideernte

Nach Rockenhausen oder Meisenheim zu fahren, bedeutet allerdings für die Landwirte viel längere Fahrzeiten bei der Getreideernte. „Gerade in dieser Zeit bräuchte ich einen weiteren Fahrer“, so die erste Einschätzung des Niedermoscheler Landwirts Spieß. Die größeren Fahrstrecken kosteten Zeit und Geld. Wenn die Schließung in Alsenz tatsächlich vollzogen werde, müsse er sich Gedanken um eine andere Getreidelagerung für seinen Betrieb vor Ort machen.

Er geht ferner davon aus, dass auch andere Landwirte mit ihrem Getreide nicht die genannten Standorten in Meisenheim und Rockenhausen ansteuern werden. Seiner Einschätzung nach verliert RWZ zirka 60 Prozent seiner Kunden am Alsenzer Standort. So gibt es in Fürfeld wie auch in Kriegsfeld mit den Unternehmen Stumpf und Lied private Landhändler, die von der Schließung ebenfalls profitieren werden.

Landwirte schreiben an RWZ

Die Landwirte Sebastian und Walter Mündel haben selbst an RWZ geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Beide beklagen, dass das Unternehmen mit der oft langjährigen Kundschaft nicht vorher gemeinsam über die Schließung eines logistisch perfekt laufenden Standorts gesprochen habe. Die Landwirte, deren Tätigkeit auf Verlässlichkeit und Langfristigkeit ausgelegt sei, könnten darüber nur den Kopf schütteln. Die zusätzlich entstehenden Kosten würden auf die Landwirte als Erzeuger wieder einmal „abgedrückt“ – alle Betriebe seien jetzt vor kurzfristig zu bewältigende Investitionen gestellt.

Die Mündels machen darüber hinaus Vorschläge: dass das RWZ-Lager in Alsenz wenigstens zwei Monate im Frühjahr für die Düngerbeschaffung und zwei Monate im Sommer für die Getreideernte geöffnet bleiben sollte.

Das Gebäude soll wohl nicht verkauft werden

Ein Verkauf der Liegenschaft an einen privaten Landhändler oder einen aktiven Landwirt ist bei RWZ offenbar nicht vorgesehen. Während Landwirten zufolge RWZ noch im vergangenen Jahr in die Annahmetechnik investiert habe, sei das Büro im Gebäude nebenan – ob bewusst oder unbewusst – schon seit Jahren vernachlässigt worden. Es versprühe außen wie innen den Charme der 1960er-Jahre.

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