Bolanden-Weierhof
Kabarettist Nils Heinrich befasst sich mit „Merzensgeld“
Er sei der gleiche Jahrgang wie die Carolabrücke in Dresden – „im Gegensatz dazu aber stabil“, legt der 1971 in der DDR geborene Vertreter der Generation „Ich komme ganz woanders her“ los. Seit 20 Jahren lebe er mit Frau und zwei „Mietnomaden“ – sprich Kindern – in Berlin-Schöneberg: „Dort gibt es zwar 300 Busfahrer zu wenig, dafür aber 600 Podcaster zu viel“. Die Menschheit sei aber dem Untergang geweiht, gebe es neben Klimakatastrophe und der allgemeinen Weltpolitik zu allem Übel auch noch alkoholfreie Schnapspralinen.
Das neue Jahrtausend hat auch mehr als 25 Jahre auf dem Buckel. Hier stellt sich für Heinrich die Frage: „Wie würde ich das seither Geschehene jemandem erklären, der im Jahr 2000 eingeschlafen und jetzt wieder aufgewacht ist?“. Mit metaphernreicher Wortakrobatik als fiktivem Frage-Antwortspiel liefert der Komiker in der Folge den Höhepunkt des Bühnenabends.
Pontifex und Panzer
Vier Päpste seien seit dem Jahr 2000 gewählt worden. Der Name des aktuellen Pontifex erinnere den Erwachten allerdings eher an einen Kampfpanzer, so Heinrich. Mick Jagger sei auch noch am Leben, habe somit rekordverdächtige acht Päpste überlebt. Hinzu kämen die Amtszeiten von gleich vier US-Präsidenten oder drei oder fünf, so genau ließe sich das nicht feststellen.
Keinesfalls mit gängigem Kriegsgerät im Ukrainekrieg zu verwechseln sei die Bienendrohne Willi aus „Biene Maja“, betont der Satiriker. Karstadt sei jetzt ein Lidl und die TV-Landschaft ebenfalls stark verändert. So begegne das ZDF mit der Sendung „Keine Leute heute“ dem aktuellen Fachkräftemangel, während Gerhard Schröder schon länger nicht mehr das Sagen im Kanzleramt habe. Der Amtssitz des aktuellen 70-jährigen Hoffnungsträgers hieße daher passenderweise Fritz Box, witzelt Heinrich in Anspielung an den „Hochsauerländer mit seiner Steueroase auf der Stirn“. Ferner gelte es, dem Langschläfer zu erklären, das es beim „Merzensgeld“ um eine Zahlung aus dem Sondervermögen für hocheffiziente Verbrenner ginge. Bei Letzterem handele es sich allerdings nicht um den Altkanzler Helmut Schmidt, stellt Heinrich klar. Allerdings sei im vergangenen Wahlkampf die ein oder andere „Sonderwahrheit“ bemüht worden, erklärt er weiter.
Mars und Deutschlandtakt
Dem frisch erwachten Langschläfer müssten zudem zahlreiche moderne Begrifflichkeiten und politische Realitäten näher gebracht werden: Aktivrente bedeute das Gegenteil von Homeoffice, AKWs und die FDP seien beide stillgelegt und ebenso zu einem Lidl mutiert. Begriffe wie „Dunkelflaute“ reihten sich mit einem „Doppelwumms“, einer „Bazooka“ mit einem „Investitionsbooster“ sowie „Abschiebeturbo“ in den „Meinungskorridor“ ein.
Den amtierenden US-Präsidenten erkenne man allerdings einfach am leuchtend roten Käppi: „Darauf steht USA, damit er weiß, wie das Land heißt, dass von ihm regiert wird“, frotzelt Heinrich. Schließlich prognostiziert der Komiker noch die Umsetzung der Pläne für Elon Musks Marsbesiedlung im Jahr 2060. Damit wäre man zehn Jahre vor dem „Deutschlandtakt“ der Deutschen Bahn am Start, scherzt Heinrich.
Handy und Tattoo
Dann geht der Satiriker auf seine Beobachtungen im örtlichen Bioladen ein: Dort scheitere man als Mann regelmäßig an der Auswahl am Naturjoghurtregal. Allgemein würde zu viel auf Handys gestarrt, hier konstatiert Heinrich der Gesellschaft ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Er hingegen als kritischer Zeitgenosse versichere sich bei der Wetterapp, ob es draußen wirklich regne. In Sachen Körperschmuck und Tattoos sei die Gesellschaft indes toleranter geworden. Sich selbst attestiert der 54-jährige gelernte Konditor einen „multimorbiden“ Gesundheitszustand, womit er voll im Trend läge. Aber schließlich sei er der wohl einzig verbliebende Nichttätowierte Berlins.