Dreisen
Ganz oben in Staub, Dunkelheit und Kälte: So arbeitet eine Glockensachverständige
Glocken rufen zum Gottesdienst, begleiten Trauer und Abschied, stehen als Symbol für Frieden – und strukturieren mit Schlägen im Viertelstundentakt seit Generationen den Alltag. In den vergangenen Monaten jedoch war es still im Turm der protestantischen Kirche in Dreisen. Eine technische Sanierung hatte die Überarbeitung des Geläuts notwendig gemacht. Inzwischen aber erklingen die Glocken wieder – kraftvoll und präzise abgestimmt.
Der Weg in den Glockenturm führt über enge Treppen und knarrende Holzbalken. Schon am Eingang zeigt sich: Die Neuzeit hat Einzug gehalten. Wo einst ein meterlanges, komplexes Uhrwerk arbeitete, hängt heute ein kompakter Schaltkasten mit digitaler Uhr an der Wand. „Das ist jetzt die Bedienzentrale, über die sämtliche Geläute programmiert werden“, erklärt die Glockensachverständige Birgit Müller. Das Programm ist umfangreich: Geläutet wird ganzjährig – beim Tod eines Bürgers und zur Beerdigung, zur Mittagszeit, zum Feierabend sowie vor und während der Gottesdienste der protestantischen Kirchengemeinde.
Drei Glocken mit zusammen 1300 Kilogramm
Auch für die Katholiken, die im Rathaus ihren Betsaal haben, erklingen die Glocken. Hinzu kommen die viertelstündlichen Schläge. „Das sind schon einige Anforderungen, die technisch zuverlässig umgesetzt werden müssen“, sagt Müller. Drei Stahlglocken mit einem Gesamtgewicht von 1281 Kilogramm hängen im Glockenstuhl aus massiven Stahlstreben. Beim Läuten schwingen sie bis zu 60 Grad in beide Richtungen. Es wirken enorme Kräfte, die von den rund einen Meter dicken Mauern des Turms aufgenommen werden müssen. „Die Herausforderung besteht darin, die Glocken schnell in Schwung zu bringen und sie kontrolliert wieder abzubremsen“, erklärt Pervan Dragan, der gemeinsam mit seinem Kollegen Marc Fassbender für die Arbeiten verantwortlich zeichnete. Die beiden sind für die Firma Perrot aus dem baden-württembergischen Calw tätig, eines der wenigen spezialisierten Turmuhrbau-Unternehmen in Deutschland.
Über ein Steuergerät werden sämtliche Abläufe exakt eingestellt. Erst als der erste und der letzte Anschlag des Geläuts perfekt harmonieren, gibt Müller grünes Licht. Die Zugspannungen jeder einzelnen Glocke sind neu justiert, ebenso der Glockenschlag. Ein neu installierter Schlaghammer an zwei der drei Glocken wird über ein Stahlseil aus der Etage darunter angehoben und trifft die Glocke mit genau berechneter Kraft.
Ein Job für höhentaugliche Menschen
Mit geschultem Auge prüft Müller auch das Umfeld des Glockenstuhls – in Dreisen ebenso wie in vielen anderen Gemeinden. Birgit Müller ist eine von bundesweit rund 40 Glockensachverständigen, die ungefähr 45.000 Kirchtürme betreuen. Auf etwa 5000 dieser Türme war Müller bereits in ihrer 25-jährigen Laufbahn. Das Einsatzgebiet der gebürtigen Meckenheimerin reicht von der französischen Grenze, einschließlich Saarland, bis in die Eifel und den Westerwald. Was romantisch klingt, bedeutet in der Praxis im Turm oft Staub, Dunkelheit, Hitze oder klirrende Kälte. „Man muss höhentauglich sein und dem Ganzen mit Respekt begegnen“, sagt die Glockensachverständige.
Doch die Faszination bleibt. Wenn sich schließlich der Klang der drei Glocken im Turm vermischt und durch die neu installierten Schallöffnungen über Dreisen getragen wird, ist das der größte Lohn für ihre Arbeit. Der Kirchturm spricht wieder – die Tradition lebt fort.