Donnersbergkreis Erleuchtung auf den letzten Drücker

Der Zwischen-den-Jahren-Krimi (1): Walter Weichmeier nutzt den Samstag vor Heilig Abend zum Geschenkekauf
„Und wie wäre es damit?“ Mit flinken Fingern zerstäubte die Verkäuferin eine weitere Duftwolke auf dem kleinen Papierstreifen, den sie Weichmeier mit schwungvollen Bewegungen unverzüglich unter die Nase hielt. „Damit machen Sie alles richtig“, flötete sie in bester Verkaufsfernseh-Manier. „Ein Duft prachtvoller Blüten, in dem sich rosa Pfeffer, Jasmin und ambrierter Patschuli miteinander vereinen. Weißer Moschus und Vanille runden dieses sinnliche Eau de Parfum ab. Unvorhersehbar und immer in Bewegung bereitet das Ihrer Gattin ein Gefühl von Glück und Fantasie. Ein olfaktorisches Rendezvous ...“ Die letzten Worte verhallten in dem Geläut der Glöckchen über der Laden-Tür, die krachend hinter Weichmeier ins Schloss fiel. Ein plötzlicher Anflug von akuter Atemnot hatte den Polizisten a. D. ins Freie beordert. Weichmeier schüttelte sich. Nein, ein Parfum würde es in diesem Jahr wohl auch nicht werden. Er blickte auf seine Armbanduhr, eine Garmin Approach S60 mit Keramik-Gehäuse und wasserdichtem Saphirglas: 8342 Schritte, 118 Puls, 16.34 Uhr. Der genaue Nutzen der ersten beiden Daten, die die Smartwatch, die er von Dörthe zum Geburtstag bekommen hatte, lieferte, blieb für ihn zwar nach wie vor im Verborgenen, immerhin wusste er jetzt aber, dass die Zeit für die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seine Gattin langsam knapp wurde. Heute war der 23. Dezember. Üblicherweise besorgte Weichmeier das Präsent für Dörthe ganz gemütlich und in aller Ruhe am Morgen des 24. Dann waren allenfalls die Supermärkte und Lebensmittelläden noch voll, in den Boutiquen und Geschäften der Kleinen Residenz herrschte ansonsten gähnende Leere. Zugegeben: Das unterschied den 24. Dezember kaum von den anderen 300 Werktagen des Jahres. Mit Ausnahme weniger Feste glich die Kleine Residenz ja meistens eher einer Fernsehkulisse in der Drehpause. Hübsch, aber tot. Böse Zungen behaupteten, dass Google auf den Satelliten-Aufnahmen von Kibo nichtmal die Menschen wegretuschieren musste. Auch deshalb war Weichmeier ein leidenschaftlicher Befürworter des „City-Outlets“ gewesen. Schnäppchen-Boutiquen über die gesamte Innenstadt verteilt, das hätte doch sicher für eine deutliche Belebung gesorgt ... Wie Weichmeier heute Morgen völlig überraschend festgestellt hatte, fiel der morgige 24. Dezember in diesem Jahr unglücklicherweise auf einen Sonntag. Unverständlicherweise hatte sich offenbar keiner der Feiertags-Planer (die gab es jawohl in irgendeiner Bundesbehörde, oder?) im Vorfeld darüber Gedanken gemacht, was das für Kunden wie ihn bedeutete. Weichmeier schüttelte verärgert den Kopf. Aber da die gut bezahlten Herrschaften in Berlin seit Monaten beziehungsweise Jahren weder eine Regierung noch einen Flughafen zustande brachten, wäre dieser Weitblick wohl auch einfach zuviel verlangt. Mittlerweiler war Weichmeier vor der letzten verbliebenen Filiale von „MisterRegal“ angekommen. Der Ramsch-Laden war einst mit der innovativen Vorstellung gestartet, das ganze Jahr über Flohmarkt zu bieten. Eine eigentlich hübsche analoge Geschäftsidee, die allerdings im digitalen Zeitalter ganz offensichtlich einen schweren Stand hatte. Weichmeiers Blick wanderte über vergilbte DVD-Hüllen, Päckchen mit Schrauben und Dübeln zu einem Hirschgeweih. Das würde sich doch gut über dem Sofa machen. Aber so, wie er Dörthe kannte, wäre ihr das sicher nicht „persönlich“ genug. „Ach, Herr Weichmeier!“, überraschte eine quietschende Frauenstimme den Geschenke-Jäger von hinten. Vor ihm stand Gerda Madin-Bächler bepackt mit zwölf Flaschen Prosecco. „Frau Bächler? Das werden ja feucht-fröhliche Feiertage bei Ihnen“, entgegnete Weichmeier mit Blick auf die Auslage der Dessous-Geschäft-Besitzerin. „Nein, nein Herr Weichmeier. Haben Sie’s denn nicht in der Rhoipalz gelesen? Mein Wäscheladen feiert doch seinen 25-jährigen Geburtstag und außerdem den Gewinn der Auszeichnungen ,1a BH’, ,Deutschland sucht das Supermieder’ und des ,Prima-Pasta-Awards’. Wir machen gleich eine Glitzer-Gala-Modenschau. Da finden Sie sicher auch noch was für Ihre Frau.“ Noch bevor Weichmeier etwas entgegnen konnte, entschwand Gerda Madin-Bächler in Richtung Langstraße. Weichmeier blickte ihr nur kurz nach. Die Zeiten, in denen er versucht hatte, seine Dörthe unterm Baum mit aufreizender Wäsche zu überraschen, waren schon lange vorbei. Seine Erfahrungen in der Vergangenheit hatten gezeigt, dass man als Mann mit einem solchen Geschenk nur sehr schwer alle lauernden Fettnäpfchen umschiffen konnte – was durchaus auch wortwörtlich zu verstehen war. Obwohl sich Gerdas Wäscheladen als „Spezialist für die Größen 65 bis 130“ bezeichnete, lag doch genau hier der Casus Knaxus. Wählte Mann eine zu kleine Größe, konnte er sich sicher sein, beleidigte Sätze wie „Bin ich Dir nicht dünn genug?“ oder „Wann hast DU MICH denn zum letzten Mal angeschaut?“ zu ernten. Noch schlimmer war es aber, eine zu große Größe zu wählen: „Für wie fett hältst Du mich eigentlich?“, hatte er beim letzten Versuch vor fünf Jahren von seinem Zimtsternchen zu hören bekommen ... Nur kurze Zeit später schlenderte Weichmeier, „Last Christmas“ pfeifend, in Richtung Mozartbrunnen. Unterm Arm trug er ein Päckchen in leicht angegrautem Geschenkpapier verpackt und mit einer großen roten Schleife versehen. Nachdem er auch die Variante „Fitness-Studio-Gutschein“ ad acta gelegt hatte, weil ihm auch hier die möglichen Verwerfungen mit seiner Gattin zu risikoreich erschienen, war er schließlich bei Elektro-Stumpfentaler gelandet. Nur kurze Beratung war nötig gewesen, da hatte sich Weichmeier auch schon entschieden. In dem Paket unter seinem Arm steckte eine Philips InfraCare Infrarot-Lampe HP3621 mit 200 Watt. Ideal zur Bekämpfung von Verspannungen und Muskelschmerzen. Er war sich sicher, damit bei Dörthe ins Schwarze zu treffen. In der letzten Zeit hatte sie ihn nämlich immer wieder aufgefordert, ihr doch mal den Nacken oder die Füße zu massieren. Sicher konnte da die Infrarotlampe Abhilfe schaffen. Weichmeier bog nach links in Richtung Parkdeck ein, als sein Blick in den Himmel in Richtung des Kreishauses fiel. Er kniff die Augen zusammen. Was war das? Am Nachthimmel erkannte er deutlich ein leuchtendes, blinkendes Objekt, das sich mit großer Geschwindigkeit näherte. Eins war Weichmeier sofort klar: Das war nicht der Stern von Betlehem. Dann wurde es stockfinster. (Illustration: Herrmann) Fortsetzung folgt Was hat es mit der Lichterscheinung am Nachthimmel auf sich? Freut sich Dörthe über ihr Weihnachtsgeschenk? Lesen Sie den zweiten Teil unseres diesjährigen Krimis am 27. Dezember.