Meinung Eine analoge und digitale Schlammschlacht

In Obermoschel wird am 22. Juni ein neuer Stadtbürgermeister gewählt.
In Obermoschel wird am 22. Juni ein neuer Stadtbürgermeister gewählt.

Die Eskalationsspirale in Obermoschel dreht sich immer weiter. Drei Wochen vor der Bürgermeisterwahl muss nun wieder der Weg zurück zur Inhaltsebene gefunden werden.

Wenn man als Reporter Tag für Tag das gleiche Thema beackert, ist das einerseits – rein beruflich betrachtet – meist ein Zeichen dafür, dass man an einer Sache dran ist, die gerade die Menschen bewegt, die viel gelesen wird und bestenfalls auch entsprechende Reaktionen hervorruft. Also alles bestens, sollte man meinen. Oft ist es aber auch so, dass die Themen für die Protagonisten vor Ort alles andere als lustig sind. Wie im Fall Obermoschel. Von außen betrachtet erscheinen Begriffe wie Seifenoper oder Schlammschlacht aktuell passend. Allerdings ist die Lage vor allem für die Protagonisten selbst längst sehr ernst – und für die Stadt, die sich dringend für die Zukunft aufstellen muss, braucht es Lösungen statt weiterer Eskalationen.

Nun herrscht in der kleinsten Stadt der Pfalz aber die Situation, dass bestehende Streitereien im Stadtrat auf einen allmählich richtig auf Touren kommenden Wahlkampf treffen. Noch sind drei Wochen Zeit, ehe die Bürgerinnen und Bürger von Obermoschel zur Wahlurne gehen dürfen, um einen Nachfolger für den freiwillig aus dem Amt scheidenden Stadtbürgermeister Ralf Beisiegel zu wählen. Zur Wahl stehen mit Markus Roth, Piotr Fidurski und Frank Wagner drei Kandidaten, eventuell wird also auch eine Stichwahl nötig sein, ehe es in Obermoschel eine Entscheidung gibt. Die Wochen bis zur Wahl könnten nun aber eben extrem hitzig werden. Seit dem vergangenen Wochenende befindet sich die (politische) Stimmung der Stadt schließlich in einer heftigen Abwärtsspirale. Begonnen mit dem Rücktritt des Beigeordneten Michael Rößel ging Frank Wagner in die verbale Offensive, greift öffentlich weitere Ratsmitglieder an und spricht sich dabei für den Rücktritt von vier Stadträten aus, die er auch namentlich benennt.

Persönlicher Angriff trifft auf Sarkasmus

Der 75-Jährige wählt dazu einen analogen Weg, wirft Flugblätter in die Briefkästen der Obermoscheler. Sein Wahlprogramm hat er bereits früher verteilt, auf seinen neuen Flyern stehen dann Sätze wie: „Wenn Sie im zuletzt im Ansehen der ganzen Nordpfalz total herabgesunkenen Obermoschel einen Neuanfang wünschen, wählen Sie Dr. Frank Wagner“. Nachdem er einen Absatz zuvor schrieb, dass Ruhe und Harmonie eben nur einkehren können, wenn vier Stadträte zurücktreten. Das rief wiederum Reaktionen hervor. Digital jedoch – in den sozialen Medien. Jan Schäfer, den Wagner gerne nicht mehr im Stadtrat sehen würde, versuchte sich in Sarkasmus, lud Wagner dabei sogar auf ein Kaltgetränk ein mit dem Zusatz: „Keine Sorge, wir müssen auch nichts reden.“ Es finden sich auch weitere Beiträge anderer Menschen aus Obermoschel, die Wagners Vorstoß scharf kritisieren. Von „persönlichen Angriffen nach amerikanischem Vorbild“ ist dabei unter anderem die Rede. Ob Wagners Vorgehen nun tatsächlich eher ein Eigentor im Wahlkampf war oder ihm sogar mehr Unterstützer brachte, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Das wird sich wohl erst am 22. Juni zeigen.

Was allerdings mitschwingt, ist der Ärger einiger Bürgerinnen und Bürger, die gerne die Gelegenheit gehabt hätten, die drei Kandidaten, die kommunalpolitisch eben noch unbeschriebene Blätter sind, kennenzulernen. Dafür hatten Jan Schäfer und der zurückgetretene Michael Rößel eine Bürgerfragestunde geplant. Diese wurde, wie in dieser Woche berichtet, abgesagt, nachdem Frank Wagner die Kommunalaufsicht eingeschaltet hatte. Rößel trat daraufhin von seinen Ämtern zurück. Es war der Anfang der Negativspirale. Die Schuld sucht seitdem die eine Seite bei der jeweils anderen. Was aber bleibt, ist die Frage vieler Obermoscheler, wen sie denn nun wählen sollen.

Wir-gegen-Die-Mentalität kann keine Lösung sein

Die weiteren Kandidaten, Piotr Fidurski und Markus Roth, halten sich aus dem öffentlichen Streit bislang heraus. Beiden und auch Frank Wagner muss es nun irgendwie gelingen, den Wahlkampf zurück auf die Inhaltsebene zu bekommen. Sonst ist der Vergleich mit dem „amerikanischen Vorbild“, wie er in den sozialen Medien zu lesen war, am Ende gar nicht mehr allzu weit hergeholt. Mit einer Wir-gegen-Die-Mentalität kann man am Ende zwar Wahlen gewinnen, das hat uns die Gegenwart längst gelehrt, aber ob man damit nach der Wahl auch gute Politik machen kann, steht auf einem anderen Blatt.

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