Donnersbergkreis
Drei Pässe, eine Frau: Wahl-Nordpfälzerin vereint drei Staatsangehörigkeiten
Ihre Identität machen viele Menschen an einem amtlichen Dokument fest. Für Sukanya Baab aus Orbis kommen in diesem Fall gleich mehrere Pässe infrage: Als einziger Mensch im Donnersbergkreis besitzt sie seit wenigen Tagen drei Staatsbürgerschaften.
„Ich bin in Bangkok in Thailand geboren und mit etwa sechs Jahren zusammen mit meiner Mama in die Schweiz gekommen“, erzählt Sukanya Baab. Die Liebe zu einem Schweizer habe ihre Mutter zur Auswanderung bewegt. Doch richtig glücklich sei sie dort trotz der Ehe nie geworden: „Sie hat sich trotz vieler Angebote nicht integriert gefühlt, hatte wenig Kontakt, auch die Sprachbarriere war zu groß.“ Deswegen kehrte ihre Mutter nach nur drei Jahren wieder zurück in ihre alte Heimat – ohne die Tochter.
Entscheidung für ein Leben in der Schweiz
„Sie hätte gerne gehabt, dass ich mit ihr gehe“, erinnert sich die 39-Jährige gut. „Aber ich sah meine Zukunft schon als Kind in der Schweiz, hatte mir einen Freundeskreis aufgebaut und war im Gegensatz zu ihr sehr gut integriert.“ Eine Entscheidung, die auch die Schweizer Behörden unterstützten. „Ich hatte Glück, dass mich die Schweiz gefragt hat, ob ich bleiben will, und es eine Pflegefamilie gab.“ Die Familie Kummers, eine Deutsche und ihr Schweizer Ehemann, die bereits drei Söhne hatten und zusammen einen großen Bauernhof im Kanton Bern führten, nahmen die damals Neunjährige auf wie ihre eigene Tochter.
Sukanya Baab spricht liebevoll über diese Zeit und ihre zweite Familie. „Sie haben mich behandelt wie eine kleine Prinzessin, trotzdem war mir die Arbeit auf dem Hof nicht fremd. Bei uns war immer viel Action“, schwelgt sie in Erinnerungen. Ihre „zweite Mama“ habe ihr sogar Sprachkurse in Neuchâtel ermöglicht, um die ohnehin in der Schweiz obligatorische französische Sprache zu vertiefen. In den Ferien besuchte sie außerdem mehrmals Sommerlager. „Es war ein bisschen wie Heidi auf der Alm. Ich wollte das so und habe das sehr geliebt“, sagt Baab.
Liebe führte sie in die Nordpfalz
Für ihre Ausbildung zur Pharma-Assistentin zog sie später nach Basel, erzählt Baab. „Ich wollte immer in einer großen Stadt leben.“ Doch die Liebe hatte andere Pläne: 2006 lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen, tauschte die Schweiz gegen Kirchheimbolanden, ihren Job als Pharma-Assistentin gegen die Arbeit in das in sechster Generation geführte Familienunternehmen Jeba – Dach & Wand – in Bolanden. Ein Wechsel, der der jungen Frau nicht schwerfiel: „Ich bin ein geselliger Mensch und schon immer sehr anpassungsfähig. Ich wollte mich integrieren, deswegen hat das auch sofort gut geklappt.“ So gut, dass nun mit etwas Verzögerung ihre Einbürgerung erfolgte.
Dass sie diesen Schritt nun nach fast 20 Jahren in Deutschland gegangen ist, dafür sogar mehr als 300 Fragen rund um die Bundesrepublik Deutschland und ihre Geschichte büffelte, habe hauptsächlich emotionale Gründe, sagt sie. Zwar habe es mit der Hochzeit, der Geburt ihrer Kinder und dem Hausbau immer wieder Schlüsselmomente gegeben, die den Wunsch bestärkten, für immer in ihrer Wahlheimat Orbis zu bleiben. Letztendlich aber habe „das Gefühl stimmen müssen“. Und das tut es jetzt: Die Menschen in Orbis seien sehr herzlich, sie fühle sich angekommen, schwärmt Sukanya Baab.
„Staatsangehörigkeiten sind ein Teil von mir“
Eine unterschiedliche emotionale Verbundenheit zu den jeweiligen Kulturen nimmt die junge Frau trotz ihrer Mehrstaatlichkeit nicht wahr. Im Gegenteil. „Ich sehe meine Identität wie einen Baum“, beschreibt die 39-Jährige. Thailand, wo ihre Familie herstammt, sie geboren und zur Vorschule gegangen ist, bilde die Wurzel. „Die Schweiz, in der ich aufgewachsen bin, meine Schul- und meine Ausbildungszeit verbracht habe, ist der Stamm: Die Schweiz hat mich in meinem Charakter gefestigt, mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.“ Deutschland, die Heimat ihres Ehemannes, der gemeinsamen Kinder und nun auch ihre, setze sie mit der Baumkrone gleich: „Hier kann ich meine Äste ausstrecken und mich entfalten.“
Aus diesem Grund sei es für die Mutter zweier Töchter im Alter von 14 und sieben Jahren nie infrage gekommen, eine Nationalität abzulegen. „Das hätte sich angefühlt, wie ein Stück meiner Vergangenheit wegzugeben“, sagt Sukanya Baab. Außerdem bedeute es viel Arbeit, die schweizerische Staatsangehörigkeit zu bekommen. „In der Schweiz bekommt man sie nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern es gibt einen Bürgerentscheid darüber, ob jemand bleiben darf oder nicht.“ Könne derjenige seine Mitmenschen in der Gemeinde nicht überzeugen, weil er nicht ausreichend integriert sei, habe er schlechte Karten. „Zwölf Jahre müssen Menschen, die eingebürgert werden wollen, in der Schweiz gelebt haben.“ Auch in ihrem Fall habe sich die Gemeinde immer wieder über ihren schulischen und beruflichen Werdegang erkundigt und damit geprüft, wie sehr sie sich eingefunden habe.
Deutlichste Sprache der Integration
„Wäre eine Einbürgerung in Deutschland nur unter der Voraussetzung möglich gewesen, eine Staatsbürgerschaft abzugeben, dann wäre ich den Schritt wahrscheinlich nicht gegangen.“ Kritische Debatten hingegen, dass die Mehrstaatlichkeit abgeschafft werden soll, kann die 39-Jährige nicht nachvollziehen. Sie kontert: „Gerade eine weitere Staatsbürgerschaft anzunehmen, spricht doch am deutlichsten die Sprache der Integration.“
Trotz des fehlenden deutschen Passes habe sie nie Nachteile erlebt: „Der schweizerische Pass ist wie der deutsche ein sehr starker Pass. Reisen war nie ein Problem.“ Dank des Freizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und Deutschland von 1999 erhielt Sukanya Baab den deutschen Aufenthaltstitel bei der Einreise nach Deutschland automatisch, eine Arbeitsgenehmigung war ebenfalls enthalten. Deswegen habe sie all die Jahre auch keinen Druck verspürt, die Einbürgerung zu beantragen. Nur das Recht an politischen Wahlen in Deutschland teilzunehmen, habe ihr bislang gefehlt. „Das ändert sich aber nun“, sagt Baab voller Vorfreude.
Einflüsse bereichern Familie
Ihre Anpassungsfähigkeit und Offenheit versucht die 39-Jährige ihren Kindern zu vermitteln, die beide zusätzlich zur deutschen Staatsbürgerschaft auch die schweizerische besitzen. „Zuhause spreche ich mit ihnen Schwyzerdütsch. Die thailändische Kultur bewahre ich hauptsächlich beim Kochen und die deutsche Kultur erleben sie durch ihren Papa und ihr Umfeld wie Schule. Bei uns ist alles etwas multikulti“, erzählt die 39-Jährige lachend. Von Familien und Freunden erhielten die Kinder mehrmals im Jahr auch Pakete aus der Schweiz. „Das ist natürlich jedes Mal ein Höhepunkt für sie“, berichtet Baab. Trotzdem sei es ihr wichtig, dass ihre Familie die Kulturen, die Menschen und die Länder persönlich erlebten, in denen Baab einen großen Teil ihres Lebens verbrachte. Schon bald steht deswegen eine Reise in das Schweizer Emmental inklusive Käserei-Besichtigung an. „Das müssen die Kinder gesehen haben“, ist Baab überzeugt und schmunzelt. Auch eine Reise nach Thailand sei irgendwann angedacht.
Heimweh hingegen verspürt Sie nur selten. „Geprägt von meinen positiven Erinnerungen durch meine Mehrstaatlichkeit und die Verbundenheit zu diesen Ländern trage ich die Heimat immer im Herzen“, sagt Baab.