Ottersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Draußen Bomben, drinnen ein Schlafplatz im Bad: So lebten Familien in Odessa

Nataliia Nenashova (hier mit ihren beiden Söhnen) arbeitete vor dem Krieg, der im Februar 2022 ausbrach, als Verkäuferin.
Nataliia Nenashova (hier mit ihren beiden Söhnen) arbeitete vor dem Krieg, der im Februar 2022 ausbrach, als Verkäuferin.

Seit Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Viele Menschen sind deshalb nach Deutschland geflüchtet. Zwei Familien sind jetzt in Ottersheim angekommen. Wer sind sie?

Nataliia Nenashova ist 39 Jahre alt und hat bisher in Odessa im Süden der Ukraine gewohnt. „Vor dem Krieg habe ich als Verkäuferin gearbeitet, mein Mann war im Lieferdienst tätig“, erinnert sie sich. Sie hat drei Kinder: eine heute 19-jährige Tochter, einen 15-jährigen und einen fünfjährigen Sohn. Die Familie hatte ein Haus gemietet, führte ein normales Leben, bevor der Krieg kam und Odessa gleich zu Beginn des russischen Überfalls stark bombardiert wurde.

„Die Preise sind explodiert und die Bewegungsfreiheit wurde stark eingeschränkt, es gab lange Schlangen an Tankstellen, weil oft kein Benzin vorhanden und das Öl zum Heizen knapp war“, erzählt sie. Ihr Sohn Nikita war damals elf Jahre alt und habe bei jeder Bombe schlimme Angst gehabt. „Wir haben oft im Flur oder im Bad geschlafen, beides Räume ohne Fenster, mein Sohn in der Badewanne und ich davor auf dem Boden. Da war er sicher“, berichtet Nenashova weiter.

Nur normales Leben, wenn Bomben nicht fallen

Häufig seien auch Telefon und Licht ausgefallen. Da ihr Mann eine „strategisch wichtige Arbeit“ verrichte, sei er bisher nicht in den Kriegsdienst eingezogen worden. Zeitweise sei die Familie bei der Oma untergekommen, aus Angst wollten sie zusammenbleiben. „Wenn es ruhig war und keine Bomben fielen, konnte ich zur Arbeit gehen und wir haben ein halbwegs normales Leben geführt. Die Kita war allerdings geschlossen, der Unterricht in der Schule wurde online abgehalten“, erzählt die Ukrainerin. Nach Abschluss der neunten Klasse habe ihr Sohn Nikita eine Ausbildung zum Schweißer und Mechatroniker in der See-Hochschule begonnen und wollte nach Abschluss auf einem Schiff arbeiten. Als im November 2025 Odessa wieder unter schwerem Beschuss lag, es weder Wasser noch Strom gab und die Sicherheit aller extrem gefährdet war, beschloss die Familie, die Ukraine zu verlassen. „Unsere Kinder haben dort keine Zukunft“, ist sie überzeugt.

Ohne Licht und Strom im Kellerversteck, während die Bomben fielen: Taras Potochnyi und Tamilia Demarchuk.
Ohne Licht und Strom im Kellerversteck, während die Bomben fielen: Taras Potochnyi und Tamilia Demarchuk.

Ihre Tochter sei bereits Anfang 2025 nach Deutschland gekommen, lebe und arbeite inzwischen in Kaiserslautern. „Da der Himmel zu ist in der Ukraine und man nicht einfach nach Deutschland fliegen kann, sind wir zunächst mit dem Zug nach Moldawien gefahren und von dort mit dem Flugzeug nach Frankfurt geflogen“, erklärt sie. Außer ihren beiden Kindern hatte sie nur einen Koffer und einen kleinen Rucksack dabei. Darin waren lediglich ein paar Kleidungsstücke – keine Spielsachen für ihren kleinen Sohn, keine Erinnerungsstücke. Ihr Mann habe nicht ausreisen dürfen, er sei im Haus in Odessa zurückgeblieben. „Wir kamen am 1. Dezember in ein Lager nach Speyer, und nachdem uns der Zuzug zur unserer Tochter nach Kaiserslautern verwehrt wurde, kamen wir Anfang Februar in Ottersheim an“, berichtet sie. In der Gemeinde seien sie gut aufgenommen worden, der kleine Sohn geht seit Kurzem in eine deutsche Kita.

Versteck im Keller

Taras Potochnyi und Tamilia Demarchuk waren beide 18 Jahre alt, als der Krieg in ihrem Land ausbrach. Potochnyi hat in Krywyj Rih gewohnt, einer Großstadt im Süden des Landes, Demarchuk ganz in der Nähe. „Ich hatte eine Ausbildung zum Zugführer begonnen, bevor der Krieg ausbracht“, berichtet er. Da die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr fuhren, habe er oft zu Fuß nach Hause laufen müssen. Auch er berichtet davon, dass es Licht und Strom nicht mehr gab und dass er sich oft im Keller versteckt habe, wenn die Bomben fielen. „Im August 2025 ist einer meiner älteren Brüder im Krieg gestorben. Der andere wurde geholt, um eine Ausbildung an den Waffen zu machen, die zwischen ein und sechs Monate dauern kann; je nachdem, wo man eingesetzt wird“, erzählt er traurig.

Der Tod seines Bruders und die Rekrutierung eines zweiten Bruders, der in den Krieg musste, seien für ihn die Gründe gewesen, seine Heimat zu verlassen. Denn er habe gewusst, dass er der nächste sein würde. „Im November habe ich meine Freundin Tamilia geheiratet, eine Woche später sind wir mit zwei Rucksäcken ausgereist“, erzählt Potochnyi. Seine Frau ist ausgebildete Hebamme und hat in der Ukraine in einer Apotheke gearbeitet. „Oft sind die Flugzeuge sehr tief über unsere Stadt geflogen. Da rutscht einem schon das Herz in die Hose und du hast Todesangst“, erzählt sie. Die Nächte, die sie im Keller oder in Bunkern verbracht habe, werde sie nie vergessen. Doch seit sie in Ottersheim sei, könne sie wieder besser schlafen – es sei so ruhig hier.

Ein zerstörtes Hotel in der ukrainischen Stadt Odessa.
Ein zerstörtes Hotel in der ukrainischen Stadt Odessa.

Beide Familien erleben große Unterstützung durch die Gemeinde Ottersheim und durch Ukrainer in der Umgebung. Oksana Marushchak aus Biedesheim, die bei dem Gespräch dolmetschte, sagt: „Als wir hierherkamen, bekamen wir Hilfe. jetzt geben wir Hilfe – so sollte es sein.“

Info

Beide Familien in Ottersheim würden sich über Kleidungs- und Spielzeugspenden freuen. Es werden konkret gebraucht: Frauenkleidung (Winter und Sommer) Größe 36 und Größe 38/40, Damenschuhe Größe 38 und Größe 38/39, Herrenkleidung Größe XXL und 3XL, Herren-Hausschuhe Größe 42/43 und 44/45 und andere Schuhe sowie Spielzeug und Malsachen für den fünfjährigen Sohn, ein gebrauchter Computer oder Tablet zum Fortführen der Ausbildung für den großen Sohn. Abgabe nach vorheriger Terminvereinbarung bei Oksana Marushchak unter Telefon 0151 52571463.

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