Münsterappel
Diagnose ADHS: Wie eine Mutter um Kindergartenzeit für ihren Sohn kämpft
Ein sechsjähriger Junge besucht seit Monaten nur zweimal die Woche den Kindergarten Münsterappel. Der Grund: Das Kind hat eine ADHS-Diagnose, und im Kindergarten wurde es zunehmend schwierig mit ihm. Die 37-jährige Mutter möchte ihren Namen und den Namen ihres Sohnes nicht in der Zeitung lesen, um ihn zu schützen. Auch wenn ihr bewusst ist, dass sie im Ort und im genannten Kindergarten erkannt wird. Bis zur Diagnose ADHS im Dezember 2025 war es ein weiter Weg; je älter er wurde, desto schwieriger wurde die Betreuung im Kindergarten.
Trotzdem ging er weiterhin hin. Im April 2025 nahm die Mutter ihren Sohn schließlich aus der Kita und hörte auf zu arbeiten. Ihr Sohn blieb zunächst ganz zu Hause. Um ihrem Sohn wieder andere Kinder zu ermöglichen, gab es mit dem Kindergarten schließlich einen Kompromiss: Ihr Sohn darf nun einen Tag in der Woche für drei Stunden in Begleitung seines Papas in die Kita, einen weiteren Tag – Donnerstag oder Freitag – alleine für drei Stunden. Das sei die einzige Möglichkeit, ihrem Kind zumindest stundenweise die Kita zu ermöglichen.
Es gibt mehr neurodivergente Kinder
Nina Windecker ist die Leiterin der Kita in Münsterappel. Aus Datenschutzgründen darf sie über einzelne Kinder nicht sprechen. Was sie aber sagen kann: „Wir beobachten eine Zunahme an neurodivergenten Kinder in der Einrichtung. Die Kinder nehmen ihr Umfeld intensiver war und sind reizoffener. Darauf haben Einfluss: Räumlichkeiten, Lichtverhältnisse, Geräuschkulissen, Körperkontakt, Menschenansammlungen und vieles mehr. Diese Kinder haben ein anderes Empfindungsbewusstsein, so dass Kleidung zum Beispiel als zu eng oder störend wahrgenommen werden kann. Grundsätzlich haben sie einen anderen Bezug zu ihrer Umwelt“, sagt sie.
Die Betreuung dieser Kinder stellt das Personal und die gesamte Einrichtung vor große Herausforderungen. „Um adäquate Hilfe zu erhalten, brauchen die Kinder zuerst eine Diagnose. Dies ist nicht selten ein langer Prozess, da es in den entsprechenden Institutionen sehr lange Wartezeiten gibt. Trotzdem bestärken wir als Kita die Familien darin, diesen Weg für das Kind zu gehen und unterstützen im Rahmen unserer Möglichkeiten“, erzählt sie weiter.
Es keine Integrationskraft für den Jungen
Die Eltern des Sechsjährigen sind diesen langen Weg gegangen, und kurz vor Weihnachten 2025, als die ADHS-Diagnose schließlich feststand, wurde vom Jugendamt zeitgleich eine Integrationskraft genehmigt. Die Eltern atmeten auf und hofften nun auf eine Besserung der Situation. Leider ohne Erfolg: Es gibt keine Integrationskraft, die das Kind begleiten kann. „Die Suche nach einer Integrationskraft läuft und war leider noch nicht erfolgreich. Wir haben wiederholt bei verschiedenen Anbietern dieser sozialen Leistung angefragt. Bisher konnte noch kein Träger entsprechende geeignete personelle Ressourcen zur Verfügung stellen. Die Suche wird kontinuierlich fortgeführt“, schreibt das Jugendamt des Donnersbergkreises auf RHEINPFALZ-Anfrage.
Nina Windecker, die Leitung der Kita, spricht in dem Zusammenhang von einer „Tragödie“ für das Kind und für die ganze Familie. Das Positive sei, dass das Thema „Neurodivergenz“ immer präsenter werde, sowohl gesellschaftlich als auch in ihrer Einrichtung. Es gebe auch immer mehr Orte, die Eltern unterstützen und beraten oder verschiedene Therapiemöglichkeiten anbieten. Dann könne die Hilfe anlaufen – aber wenn es kein externes Fachpersonal für intensive und individuelle Betreuung gebe, sei das für die Kinder tragisch.
Der 6-Jährige leidet unter der Situation
Auch die beiden älteren Kinder der Familie haben ADS- und ADHS-Diagnosen, beide waren ebenfalls im Kindergarten Münsterappel. Ein Kind hatte eine Integrationskraft; beide sind bereits in der Schule. Die Mutter ist mittlerweile alleinerziehend und hat viele Termine mit ihren drei Kindern – Ergotherapie, Logopädie. Quasi immer mit dabei: ihr nun sechsjähriger Sohn. „Die Situation macht etwas mit ihm. Er möchte grundsätzlich in die Kita, und er leidet. Wir haben ihn nun ein Jahr zurückgestellt; er kommt dann erst im Sommer 2027 in die Schule. Aber es wäre schon schön, wenn er bis dahin noch eine für ihn bereichernde Zeit im Kindergarten haben könnte“, sagt die verzweifelte Mutter. Ihr Kind sagt zu ihr: „Die anderen Kinder schließen mich aus, mach was, Mama. Kannst du mir helfen Freunde zu finden? Die wollen mich nicht“, erzählt die 37-Jährige.
Deswegen auch ihr Weg an die Presse. Es gehe ihr nicht darum, gezielt eine Kita anzugreifen, sie möchte auf ein strukturelles Problem aufmerksam machen. „Ich habe auch angeboten, alleine eine Integrationskraft zu suchen, aber das darf ich nicht. Zudem würde ich gerne nach Rockenhausen in die integrative Kita wechseln, damit er dort ein Jahr vor der Schule positive Eindrücke erlebt, von dem jetzigen Kindergarten bin ich ein bisschen enttäuscht. Ich möchte für meinen Sohn einen Neuanfang und ihm helfen, positive Erfahrungen mit anderen Kindern zu sammeln“, sagt sie.
Die Mutter hofft auf eine integrative Kita
Eine Zu- oder Absage für die integrative Kita Rockenhausen könne laut der Mutter aber erst im Sommer erfolgen. Zu dem Wechsel in eine andere Kita schreibt das Jugendamt: „Die Betreuung in einer integrativen Einrichtung oder in einer Förder-Kita stellt ebenso eine Maßnahme der Eingliederungshilfe dar wie beispielsweise die Unterstützung durch eine Integrationskraft. Welche Unterstützungsmaßnahme für ein bestimmtes Kind zielführend und notwendig ist, wird jeweils individuell im Rahmen einer sorgfältigen Teilhabeplanung ermittelt.“
Der große Wunsch der Mutter: Dass Kinder mit Besonderheiten besser aufgefangen werden. „Es ist nicht der Kindergarten, es ist das System. Wir machen alles, was wir können, aber wir werden nur weitergeschubst. Keiner reagiert, und die Situation für unser Kind wird immer schlimmer“, sagt die Mutter. Ihrem Sohn fehlt das Geregelte im Kindergarten; es werde ihm das Gefühl vermittelt, er sei falsch. Und weiter: „Kinder und Eltern werden von dem System im Stich gelassen. Arbeiten gehen kann ich nicht – ich bin vom Amt abhängig und fühle mich komplett hilflos“, sagt die Frau.
Das Jugendamt im Donnersbergkreis fordert eine erneute Änderung im rheinland-pfälzischen KiTa-Gesetz: „Um Benachteiligungen von Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu vermeiden, sollte im rheinland-pfälzischen KiTa-Gesetz wieder die Möglichkeit geschaffen werden, Kita-Teams bei entsprechendem Betreuungsbedarf personell zu verstärken. Diese Option bestand im vorhergehenden Gesetz und hat eine flexible sowie bedarfsgerechte Unterstützung im pädagogischen Alltag ermöglicht“, schreibt das Amt.
Info
Eine Integrationskraft im Kindergarten unterstützt Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen bei der Eingliederung in die Gruppe. Sie arbeitet eng mit dem Kind, den Eltern, pädagogischem Personal und externen Fachleuten zusammen, um individuelle Entwicklungsziele zu erreichen. Dabei liegen ihre Aufgaben in der lebenspraktischen Unterstützung, wie beim Essen oder dem Toilettengang, der Integration des Kindes in den Alltag, der Förderung der Akzeptanz innerhalb der Gruppe sowie in der Zusammenarbeit mit Eltern und Fachkräften durch Gespräche und Teamsitzungen. Sie ist dabei speziell für ein einzelnes Kind verantwortlich.