Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Depression, Verlust, Angst: Immer mehr Menschen suchen Hilfe

Krankheit kann einsam machen, Einsamkeit macht krank. Die Selbsthilfegruppe „Alltagsbewältigung“ bietet einen Ort zum Austausch
Krankheit kann einsam machen, Einsamkeit macht krank. Die Selbsthilfegruppe »Alltagsbewältigung« bietet einen Ort zum Austausch und zur Unterstützung

Die Selbsthilfegruppe „Alltagsbewältigung“ reagiert auf den steigenden Bedarf und führt einen monatlichen Abendtermin ein, der vor allem berufstätigen Menschen offensteht.

In schwierigen Lebenssituationen alleine zu sein, fühlt sich für die Betroffenen häufig überwältigend an: Ob Trennungen, Angststörungen, Verlust durch Tod, chronische Erkrankungen oder psychische Probleme – viele Menschen kämpfen mit Herausforderungen, die den Alltag und ihr Leben belasten. Seit mehr als zehn Jahren gibt es in Kirchheimbolanden einen Ort, der Betroffenen Raum gibt, um miteinander ins Gespräch zu kommen und sich gegenseitig Halt zu geben: Die Selbsthilfegruppe „Alltagsbewältigung“. Das Angebot richtet sich an alle, die mit ihrem Alltag kämpfen – unabhängig von den Gründen. Leiterin der Gruppe ist die Heilpraktikerin für Psychotherapie Heidi Toonstra-Schappert, die sie in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung ins Leben gerufen hat.

Ihr persönlicher und beruflicher Werdegang ist geprägt von vielseitigen Erfahrungen und einem leidenschaftlichen Engagement, anderen Menschen zur Seite zu stehen. Als alleinerziehende Mutter von zwei eigenen und bis zu zwei zusätzlich aufgenommenen Pflegekindern stand Toonstra-Schappert selbst vor großen Herausforderungen. Begleitet wurde ihr Leben von Schicksalsschlägen sowie von der Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen im nahen Umfeld. „Die Gruppe bietet keinen Ersatz für eine Therapie, aber sie ist oft eine wichtige Stütze im Leben vieler Menschen und eine Möglichkeit, die Zeit bis zu einer Therapie oder anderen Unterstützungsangeboten zu überbrücken“, erklärt Toonstra-Schappert. Besonders in Zeiten, in denen Wartezeiten auf professionelle Behandlungsplätze lang und belastend sind, findet sich hier eine sinnvolle Anlaufstelle.

Ein geschützter Raum für Gespräche

Die Selbsthilfegruppe trifft sich alle zwei Wochen donnerstags am Vormittag im Bonhoeffer-Haus in Kirchheimbolanden. Die Uhrzeit ist gezielt so gewählt, dass Menschen, die beruflich nicht aktiv sind, etwa wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Erziehungsaufgaben, das Angebot wahrnehmen können. Jetzt gibt es einen weiteren Termin am Abend: Ab diesem Donnerstag trifft sich die Gruppe auch abends, einmal im Monat donnerstags von 19 bis 21 Uhr. „Immer wieder haben wir Anfragen von Menschen erhalten, die interessiert sind, aber morgens nicht kommen können, weil sie arbeiten“, berichtet Toonstra-Schappert. „Diesen Bedarf möchten wir nun abdecken.“

Der Austausch steht im Vordergrund: „Die Gruppe ist für viele Teilnehmer ein Ersatz für fehlende familiäre Unterstützung und oft eine Art zweite Familie. Hier kann man sich öffnen und erlebt Wertschätzung und Verständnis“, sagt Toonstra-Schappert. Jeder Teilnehmer hat die Möglichkeit, sich mitzuteilen, aber es besteht kein Zwang, sich aktiv einzubringen. „Es gibt Menschen, die nur zuhören möchten. Auch das ist in Ordnung“, sagt Toonstra-Schappert. Eine Schweigepflicht garantiert, dass die Inhalte der Gespräche nicht nach draußen dringen. Oft berichten Teilnehmer, dass es Überwindung erfordert, das erste Mal zu einem Gruppentreffen zu kommen. Die Erfahrung zeigt jedoch: Wer diesen ersten Schritt geschafft hat, kommt oft wieder.

Wendepunkte des Lebens sind schwierig

„Depressionen und depressive Verstimmungen, Verlust oder Einsamkeit – das sind häufige Themen in der Gruppe“, berichtet Toonstra-Schappert. Oder Anpassungsstörungen. Dieser Begriff beschreibt die Schwierigkeiten, mit einer veränderten Lebenssituation umzugehen, beispielsweise nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, einer Trennung oder einem anderen belastenden Wendepunkt im Leben. Toonstra-Schappert erklärt: „Solche Situationen können Gefühle der Überforderung und Antriebslosigkeit hervorrufen. Damit einher kann auch eine depressive Verstimmung gehen.“

Niemand soll mit solchen Erfahrungen allein sein. „Manchmal reicht es schon zu merken, dass jemand ein ähnliches Problem hat. Das Reden darüber ist ein unglaublich wichtiger Schritt zur Verarbeitung“, so die Heilpraktikerin. Der Austausch über Wege aus scheinbar ausweglosen Situationen lässt neue Perspektiven entstehen. Auch Themen wie Angststörungen, die im Alltag vieler Menschen präsent sind, etwa die Angst vor Menschenmengen, Reisen oder Autofahren, sind in der Gruppe kein Tabu.

Zusätzliche Angebote

Neben den regulären Gesprächsrunden arrangiert die Selbsthilfegruppe darüber hinaus gemeinsame Aktivitäten, die für kleine Lichtblicke im Alltag sorgen. Dazu gehören etwa ein gemeinsamer Kochvormittag, ein Spaziergang oder ein Frühstücksbrunch. Zudem wird einmal im Jahr ein Tagesausflug organisiert, der die Zusammengehörigkeit stärkt.

Aus dem ganzen Donnersbergkreis kommen die Teilnehmer zu den Terminen und die Selbsthilfegruppe bedient keine Klischees, die manche vielleicht aus filmischen Darstellungen im Kopf haben könnten: ein starrer Stuhlkreis, in dem reihum jeder über persönliche Probleme spricht, gefolgt von kollektivem Lob oder einem rituellen Schlusswort. Die Teilnehmer sitzen hier gemütlich am Tisch, mit Tee, Gebäck und Blumen auf dem Tisch.

Info

Der erste Abendtermin ist am Donnerstag, 5. März, von 19–21 Uhr. Die nächsten Termine sind am 9. April und 7. Mai. Vormittags finden die Treffen 14-tägig statt, immer donnerstags, 10–12 Uhr, in den geraden Wochen. Adresse ist im Bonhoeffer-Haus, Liebfrauenstraße 7, Kirchheimbolanden. Für die Vormittagsgruppe ist keine Anmeldung nötig, für den Abendtermin wäre eine kurze Anmeldung sinnvoll. Weitere Informationen und Anmeldung unter 0152 38 829 829 oder 06357-509886 (bitte auf den Anrufbeantworter sprechen) oder per E-Mail an Heidi@toonstra.de.

Heidi Toonstra-Schappert leitet seit über einem Jahrzehnt die Selbsthilfegruppe „Alltagsbewältigung“.
Heidi Toonstra-Schappert leitet seit über einem Jahrzehnt die Selbsthilfegruppe »Alltagsbewältigung«.
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